Bayern 2 - Zündfunk

Yeasayer "Fragrant World"

Sie tourten mit MGMT und Beck, charteten in England und gehören zu Brooklyns blühender Indie-Szene. Das dritte Album der New Yorker "New Weird America"-Band Yeasayer braucht seine Zeit und fordert den Hörer. Doch es lohnt sich.

Von: Ralf Summer Stand: 20.08.2012

Als im letzten Jahr diese Akustik-Coverversion von "Crazy" im Netz auftauchte, waren die Fans von Yeasayer einigermaßen perplex: warum bitte spielen die New Yorker Eigenbrötler auf einmal den braven Welthit von Seal, dem damals Noch-Gatten von Heidi Klum? Würden sie die Elektronik und ihren spleenigen Pop über Bord werfen, um mit den vielen neuen, jungen Folkies aus ihrer Heimat Brooklyn um die Wette barden zu können?

Nein, Yeasayer sagen zwar "ja" zu Seal aber "nein" zum Folk, "ja" zur Psychedelik aber "nein" zum Loop: das Quartett ist nicht hängen geblieben, es hat sich weiterentwickelt. Plötzlich kommt sogar kurz der lange Schatten der Politik ins Spiel: Reagan's "Skeleton" ist der eingängigste Song auf "Fragrant World", hat aber dennoch gewohnt viele Thema-Dreher und Tempo-Wendungen drin. Yeasayer sagen nach wie vor "nein" zum normalen Lied mit der Formel "AB-AB-CBB", also "Strophe Refrain, Strophe Refrain, Variation Doppel-Refrain", Yeasayer sagen "ja" zu unvorhersehbaren Brüchen.

Unvorhersehbare Brüche? Aber ja doch, finden Yeasayer.

Die Single "Henrietta" handelt von der Afroamerikanerin Henrietta Lacks, der vor ihrem Tod 1951 Zellen ihres Krebsgeschwürs entnommen wurden - ohne ihr Wissen. Diese Karzinomzellen wurden kultiviert und werden noch heute in der Forschung als sogenannte "He-La"-Zellen benutzt. Obwohl Lacks' Körper der "wertvollste Organismus ist, der je auf Erden gelebt hat", haben die Hinterbliebenen daran nie verdient. Auch diesem Song scheint Substanz entnommen worden zu sein: "Henrietta" zerfällt in drei Teile: erst legt der Pop-Song los, dann bricht er ein und wuchert er experimentell weiter, um schließlich wieder zur Melodie zurückzukehren.

Experimentelles Wuchern

Am Ende klont bzw sampelt Sänger Chris Keating seine Textzeile: "oh, we can live forever, Henrietta". Eine ungewöhnliche Single mit einem ungewöhnlichen Thema: Welche Band verhandelt schon Medizin und Krebs in ihren Songs! Dass Keating ein Buch über die unfreiwillige Helferin der Krebsforschung gelesen hat, ist unüberhörbar. Genauso wie seine überraschenden Gesangseinflüsse: diesmal ist es vor allem schwarze Musik von Teddy Pendergrass bis Aaliyah.

"Damaged Goods" ist ein weiterer Ohrwurm, der seine Zeit braucht. Überhaupt überhört man beim ersten Hören dieser Platte sehr viel. Der erste Eindruck ist: komisch pluckerndes Electro-Pop-Album. Das Besondere sind die Rhythmus-Patterns: irgendwer hat es "dystopischen R'n'B" genannt, die Band selbst bezeichnet es als "Blade Runner Across 110th Street" - als funky-futuristischen Pop.

Es pluckert und klackert und bricht und bremst und wechselt ständig die Stimmung: "Fragrant Word" ist ein modernes, nervöses, vielstimmiges Werk. Gerade dann, wenn man Songs wie "Damaged Goods" oder "Devil And The Deed" doch mitpfeifen kann, schieben sich wieder neue Songs ins Gedächtnis, die man anfangs noch als schwierig, unentschlossen empfunden hat - "Folk Hero Shtick" und "Glass Of The Microscope" gehen in Richtung Art-Pop.

Grobe Richtung: Pop

Mit unserem "Album Der Woche" verhält es sich ein bisschen so, wie es der hochgelobte amerikanische Schriftsteller Ben Marcus vor Kurzem gesagt hat: man darf sich als Künstler nicht zu sehr in Sicherheit wiegen - man solle "das Risiko des Neulands" eingehen. Heißt: Yeasayer hätten es sich einfacher machen mit "Fragrant World" und das Rezept der ersten Platte weiterstricken können, als sie sich neben Animal Collective im "New Weird America"-Sound platziert haben.

Haben sie aber nicht. Oder einfach Album Nummer 2 weiterdenken und in Richtung verspulte Hot Chip gehen. Haben sie aber auch nicht. Was alles gut ist - auch wenn sie diesmal keine ganz großen Indie-Hits mitgebracht haben. Das New Yorker Trio verlangt von seinen Fans bei der neuen Platte das kostbarste Gut unserer heutigen Zeit: Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit.


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