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Anke Domscheit-Berg im Interview Warum Roboter uns nicht alle arbeitslos machen werden

Maschinen machen Arbeit, die früher Menschen machten: Care-Roboter pflegen Kranke, Montage-Roboter bauen Autos, Bots beantworten Kundenfragen. Aber: Was macht das mit unserer Gesellschaft? Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit, mit Unternehmerin und Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg.

Von: Barbara Streidl

Stand: 09.06.2017

Anke Domscheit-Berg | Bild: picture-alliance/dpa

Wo werden wir künftig von der Digitalisierung hingeführt? Wer kann, darf, muss dann überhaupt noch arbeiten? Muss uns das Angst machen oder können wir dem entspannt entgegen blicken, weil ja das Bedingungslose Grundeinkommen eh bald kommt? Der Arbeitsmarkt der Zukunft - dazu macht sich auch die Unternehmerin und Netzaktivistin Anke Domscheidt-Berg ihre Gedanken für den Zündfunk.

Zündfunk: Wie wird die Digitale Gesellschaft die Zukunft der Arbeit beeinflussen?

Anke Domscheit-Berg: Ich glaube, dass wir wirklich mit einer extremen Umstrukturierung des Arbeitsmarktes zu kämpfen haben werden. Dieser Umbruch bringt auch ganz viele Vorteile. Denn nicht jeder Arbeitsplatz, der mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren gehen wird, ist einer, den man aber jetzt auch unbedingt erhalten muss: Schwere Arbeit, wiederholende Arbeit, langweilige Arbeit, Arbeit, von der Menschen nicht sagen "Ich gehe mit Begeisterung zum Arbeitsplatz". Aber selbst von denen, die man gerne macht, werden einige Arbeitsplätze wegfallen. Die Prognosen schwanken sehr stark. Sie reichen von zehn bis 50 Prozent. Es wird wahrscheinlich mindestens ein Drittel sein und am Ende hängt es vom Zeithorizont ab

Was passiert mit den Menschen, die zuvor in einer Fabrik gearbeitet haben? Was könnte eine Möglichkeit sein?

Das ist etwas, womit wir uns eigentlich nicht früh genug beschäftigen können und wir machen das zu wenig. Es gibt in der Politik zu viele Menschen, die davon reden, dass sie für Vollbeschäftigung und einen höheren Mindestlohn kämpfen. Höherer Mindestlohn ist eine wichtige Sache - er löst aber nicht das Problem für die möglicherweise Millionen von Menschen, die ihre Arbeit ganz verlieren.

Das heißt, wir müssen uns von dem Konzept der bezahlten Erwerbstätigkeit als Norm für eine Gesellschaft verabschieden. Und wir müssen die Frage beantworten, wie man die Würde jedes einzelnen Menschen in einer Gesellschaft sicherstellen kann, wenn das notwendige Geld - das man für ein würdevolles Leben braucht - nicht mehr über Erwerbsarbeit kommt. Ich glaube, dass wir um Fragen wie das Bedingungslose Grundeinkommen nicht herumkommen werden. Das ist für mich eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung.

CeBIT Messe Künstliche Intelligenz Exoskelett der Roboter AILA | Bild: picture alliance / Ole Spata/dpa zum Audio Hier anhören: Dawn Of The Digital Revolution

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Beim Bedingungslosen Grundeinkommen wird das Totschlagargument genannt, dann säßen die Leute nur noch auf dem Sofa und schauten fern, weil sie ja gar nicht mehr arbeiten müssten.

Ich glaube, das wird sehr stark übertrieben, weil viele Menschen ein offenbar seltsames Menschenbild von anderen haben. Wenn man sie nämlich selbst fragt, was sie tun würden, wenn für ihre Existenz gesorgt würde, dann sagen über 80 Prozent: Das gleiche wie jetzt, dieses oder jenes würde ich arbeiten, studieren - und keine dieser Antworten involviert von morgens bis abends Videospiele spielen und die Füße hochlegen. Sie glauben das aber von allen anderen. Ich würde mir wünschen, dass man sich von mir aus per Los irgendein Dorf in Meck-Pomm, Bayern oder Niedersachsen sucht und da drei Jahre lang für alle, die im letzten Januar gemeldet waren, mal ein BGE macht und guckt, was passiert.

Gibt es Berufe, die nach heutigem Stand nicht aussterben werden, weil sie doch zu komplex sind?

Das ist nicht nur eine Frage der Komplexität. Generell sagt man, dass es drei Automatisierungsbarrieren gibt. Das eine ist die klassische emotionale Intelligenz. Einen Mensch trösten, der traurig oder depressiv ist. Bei einem Demenzkranken merken, ob er Durst hat. Eine zweite Barriere sind unstrukturierte Aufgaben in einer komplexen, unstrukturierten Umgebung. Dazu gehört schon Saubermachen in einem Kinderzimmer. Wenn das Spielzeug rumliegt und der Roboter weiß vorher nicht, was da wo wie rumliegt. Mähen im Garten mit einer abgesteckten Wiese ist noch relativ einfach, beim Unkrautzupfen wird es schon schwieriger - selbst feine Weingläser transportieren und ohne, dass sie kaputt gehen zu waschen.

Also diese Aufgaben sind Barrieren. Und die dritte Barriere ist die kreative Intelligenz. Da gibt es enorme Fortschritte durch den Einsatz künstlicher Intelligenz, zum Beispiel im Bereich Komposition oder Malerei. Es gibt schon das erste Drehbuch, das eine künstliche Intelligenz geschrieben hat.

Dennoch sind wir da aber den Maschinen, den Robotern und der Software um einiges voraus, vor allem wenn es um eine Kombination solcher Kompetenzen geht. Da werden wir wohl sehr lange nicht ersetzt werden. Lehrer sind ziemlich sicher, selbst Manager - allerdings, wenn ich eine ganze Fabrik voller Roboter habe, brauche ich da auch nicht mehr so viele Manager. Aber da, wo ich noch Manager für Menschen brauche, wird das auch kein Roboter ersetzen: Der kann nicht motivieren, der kann nicht Menschen inspirieren. Für diese spezifischen Dinge braucht es den Menschen und da finde ich es gut, dass wir dafür in Zukunft auch mehr Zeit haben werden.

Anke Domscheit-Berg, Zündfunk Netzkongress 2015 - "Die dritte industrielle Revolution"

Die Generator-Sendung "Dawn Of The The Digital Revolution - Ein Spiel mit der Zukunft der Arbeit" gibt es oben auf der Seite zum Nachhören.


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