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Umstrittene BDS-Kampagnen Der jüdische Künstler Matisyahu und seine Haltung zum Israel-Boykott

Die BDS-Kampagne kämpft für den Boykott Israels auf allen Ebenen. Diesen Sommer war auch das Pop-Kultur-Festival in Berlin betroffen. Arabischstämmige Bands haben ihre Auftritte abgesagt. Auch der jüdische Künstler Matisyahu war schon mal betroffen. Wir haben ihn getroffen.

Von: Alexandra Martini

Stand: 19.09.2017

Matisyahu | Bild: picture-alliance/dpa

Im August haben sechs Bands ihren Auftritt beim Berliner Pop-Kultur-Festival abgesagt, aus Protest gegen eine Beteiligung der israelischen Botschaft an dem Festival. Grund war ein Reisekostenzuschuss der israelischen Botschaft an eine Künstlerin in Höhe von 500 Euro. Die BDS-Kampagne (kurz für Boycott, Divestment and Sanctions) kämpft seit über zehn Jahren für den Boykott Israels auf allen Ebenen, weil sie deren Politik verurteilt. Sie sind gegen die Siedlungspolitik und für die Gleichberechtigung der Palästinenser.

Mit Aktionen wie diesen Sommer in Berlin handeln sie sich aber auch immer wieder den Vorwurf ein, antisemitisch zu sein, da sie Künstler und Individuen aufgrund ihrer jüdischen oder israelischen Identität verurteilen. Auf einem Konzerttermin in München habe ich mit dem jüdischen Künstler Matisyahu darüber gesprochen, wie er die aktuelle Debatte aus seiner Erfahrung heraus bewertet.

Zum Interview mit Matthew Miller alias Matisyahu steige ich vor dem Münchner Backstage in den Tourbus. Matisyahu dreht erstmal in Ruhe an einer kleinen Kaffeemühle, macht sich einen Kaffee, raucht eine. Die Bandkollegen relaxen auf den Sitzen und befragen mich zu Angela Merkel. Der Tourbus ist seit Jahren Matisyahus Heimat. Und so ist auch sein neues Album „Undercurrent“ auf Tour entstanden: "Bei unseren Konzerten spielen wir ein paar Hits und Songs, aber die meiste Zeit wird improvisiert. Das ist wie Free Jazz, nur dass wir eben Reggae Hiphop und Dub machen", erzählt Matisyahu.

Matisyahu war selbst schon einmal Ziel der BDS Kampagne

Matisyahu live on stage

Eine halbe Stunde später sitzen wir im hintersten Kabuff am Busfenster, Matisyahus Freundin liegt während des Interviews neben uns im Bett und raucht. Wir diskutieren die Boykott-Aktion der BDS-Kampagne diesen Sommer in Berlin. Matisyahu war selbst schon einmal Ziel einer so einer Aktion. Dabei ist er gar kein Israeli. Er ist US-amerikanischer Jude. Vor zwei Jahren hat die BDS-Kampagne das spanische Rototom Festival aufgefordert, Matisyahu auszuladen, denn er würde "ethnische Säuberungen und Apartheid unterstützen."

"Sie wollten, dass ich mich von Israel distanziere und ich finde dass ich so etwas nicht machen muss, also habe ich nein gesagt. Als ich dann nicht spielen durfte, war ich schon ein bisschen verletzt, aber irgendwie war’s mir dann auch egal", erzählt Matisyahu.

In der jüdischen Community in den USA gab es einen Aufschrei: hier werde ein US-Amerikanischer Jude in Sippenhaft genommen für Israels Politik. Als sogar die spanische Regierung interveniert, wird Matisyahu doch wieder eingeladen: "Viele Leute haben gesagt, mach das nicht, aber ich habe trotzdem gespielt. Am Ende geht es mir nicht um Politik. Musik ist viel größer: Geschichte, Rasse, Kultur werden unwichtig weil es hier um Gefühle geht. Ich will mit meiner Musik ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Und am Ende waren viele froh, dass ich gekommen bin, gerade angesichts dieser feindseligen Stimmung der BDS-Kampagne."

Kann ein Künstler frei sein von dem Kontext in dem er sich befindet?

So trat Matisyahu früher auf, als er noch orthodoxer Jude war

Matisyahu hat selbst schon viele Identitäten und Kontexte durchlaufen. In den USA in einer jüdischen, aber säkularen Familie aufgewachsen bekehrt er sich als junger Mann zum orthodoxen Judentum, studiert die Thora. 2004 startet er seine musikalische Karriere - als orthodoxer Reggae-Musiker, ist bei vielen Juden beliebt. 2011 distanziert er sich überraschend vom orthodoxen Judentum. Damit stößt er viele gläubige Juden vor den Kopf. Er löst sich ständig wieder von Kontexten, und bricht auch in seiner Musik die Genres auf.

So sehr Matisyahu seine Unabhängigkeit als Künstler bekräftigt - manchmal begibt er sich doch eindeutig auf politisches Terrain: Zum Beispiel wenn er bei der pro-israelischen Lobby-Organisation AIPAC als Künstler auftritt. Dass das als Sympathieakt gewertet wird, ist nachvollziehbar. Doch Matisyahu verneint: es sei einfach ein Job gewesen, zum Beispiel wenn er bei der US-amerikanischen pro-israelischen Lobby-Organisation AIPAC als Künstler auftritt: "Ich würde auch spielen, wenn mich eine palästinensische Gruppe einladen würde. Mein Job ist Musiker. Und ich verstehe gar nicht, was das Problem mit AIPAC genau ist, ich weiß nicht viel über die." Dabei ist AIPAC eine der mächtigsten Lobbyorganisationen in den USA.

Matisyahu zieht sich auf die Künstlerposition zurück. Darf er das? Kann ein Künstler frei sein von dem Kontext in dem er sich befindet? Oder muss er Verantwortung übernehmen? Man merkt, er will sich nicht positionieren. Oder doch? "Ich positioniere mich. Und zwar mit der Musik, durch die ich die Menschen berühren will. Die Leute können gern über mich reden, meine Konzerte boykottieren, das ist ok. Aber ich will mich nicht ständig erklären müssen. Man kann viel reden, am Ende des Tages geht es um was größeres: Um Empathie, um Liebe. Und ich glaube, dass Musik das hervorbringen kann und dass Musik Brücken bauen kann. Das klingt ein bisschen simpel, aber ich will einfach immer an die Wurzel, an den Kern der Sache." An den Kern von was? "To the core of humanity. To the heart. Away from the head."


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