Künstlergruppe Voina "Leider bekommen Revolutionäre keinen Lohn"
Zur Berlin Biennale Ende April 2012 sind sie als Kuratoren eingeladen, dabei werden Mitglieder der Künstlergruppe Voina in Russland oder per internationalem Haftbefehl gesucht.
Seit ihrer Gründung 2005 macht die russische Polit-Künstler-Gruppe "Voina" durch radikale Aktionen auf sich aufmerksam. Ein riesengroßer Penis auf einer Petersburger Zugbrücke, "Befreiung" von Hähnchen aus Supermärkten durch Transport in der Vagina, und zuletzt, Silvester 2011, ein angezündetes Polizeiauto, das zum Gefangentransport vorgesehen war. "Voina" heißt Krieg und den erklärt die Künstlergruppe den staatlichen Strukturen, dem Zentrum für Extremismusbekämpfung und allem, was für sie zu sehr nach Macht riecht.
Katja Huber hat Oleg Vorotnikov und Leonid Nikolayev in Moskau zum Interview getroffen:
Oleg Vorotnikov: "Also gegen mich liegt einfach ein internationaler Haftbefehl vor und Leonid wird auch gesucht, weil Voina allen politischen Gefangenen Russlands ein kleines Neujahrsgeschenk gemacht hat. Deshalb will sich die Polizei gerne wieder einmal mit uns unterhalten."
Katja Huber: "Das Neujahrsgeschenk war: Ihr habt einen Wagen angezündet, der zum Gefangenentransport vorgesehen war."
Oleg Vorotnikov: "Ich würde das nicht unbedingt Wagen nennen, das ist eher ein Gefängnis auf Rädern. Darin werden Verhaftete transportiert, entweder ins Gericht oder ins Gefängnis. Und nicht selten hält man auch ganz normale Bürger darin fest, während Demonstrationen zum Beispiel, und bringt sie zur Polizei oder wohin auch immer, was die Insassen meistens nicht wissen, weil man nichts sieht, in diesen fensterlosen Teilen."
Katja Huber: "Ihr seid auch in Deutschland für eure Kunstaktionen bekannt, habt zum Beispiel in St. Petersburg einen großen Penis auf eine Zugbrücke gemalt und als die aufging, wurde der Penis quasi erigiert. Ihr habt Hühnchen aus dem Supermarkt befreit. Die Frauen aus eurer Gruppe haben sich die Hühnchen in die Vagina gesteckt und das alles wurde gefilmt. Das ist auch schon mal in einem Film von John Waters vorgekommen in Pink Flamingo, da hat Divine so was ähnliches gemacht, habt ihr euch von John Waters dazu inspirieren lassen?"
Oleg Vorotnikov: "Leider kenne ich den Film nicht, obwohl ich John Waters Filme in meiner Kindheit gesehen habe, zum Beispiel "Cry-Baby" mit Iggy Pop. Aber auch wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich auf die Aktion nicht verzichtet. Weil wir damals einfach ein Handbuch für den Straßenaktivisten machen wollten. Was muss ein Aktivist wissen und können, um ein großer russischer Künstler zu werden? Oder um die Straßenrevolution hervorzurufen? Jeder hat ja so seine ganz speziellen Ziele. Und das grundlegende Problem eines Aktivisten ist: Wie kann ich ohne Geld leben? Wenn du auf der Straße lebst, arbeitest du natürlich nicht, weil du all deine Zeit der Revolution widmest, ein professioneller Revolutionär bist. Aber leider bekommen Revolutionäre keinen Lohn. Deshalb muss man ohne Geld überleben lernen. Wir wollten dem russischen Volk beibringen, dass es kein Verbrechen ist, Lebensmittel zu stehlen, wenn du hungrig bist. Wir machen das ja auch ständig. Also haben wir gesagt: 'Ihr habt vielleiht Angst, das Essen in die Tasche zu stecken, wir haben nicht mal Angst, es in die Muschi zu stecken'.
Und diese Aktion hatte übrigens auch etwas prophetisches an sich. Im Sommer haben wir die Aktion durchgeführt, im Herbst saßen wir im Gefängnis. Und in russischen Gefängnissen ist alles verboten. Wenn du trotzdem etwas dort haben willst, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als es mitzubringen und zwar in deinem Inneren. Und nicht selten versuchen Gefangene wirklich ganze Telefone oder auch andere Dinge mit zu bringen, versteckt in ihrem Körper."
Katja Huber: "Wie viele Aktivisten hat Voina denn?"
Oleg Vorotnikov: "Wir sind der Meinung, dass ein Mensch, der an einer Aktion teilgenommen hat, sich Voina-Aktivist nennen kann. Also wenn wir sie alle zählen, sind es wahrscheinlich schon mehr als 200, aber feste Mitglieder, die tatsächlich alle Aktionen begleiten sind weniger. Viel viel weniger."
Leonid Nikolayev: "Aber dafür gibt es sehr interessante offizielle Zahlen des russischen Zentrums für Extremismusbekämpfung: 3.000 Mitglieder in jeder größeren russischen Stadt und in Petersburg nicht weniger als 7.000. Das steht jetzt in den Akten unserer Strafverfahren."
Oleg Vorotnikov: "Und die behaupten, wir hätten auch noch Abteilungen im Ausland. In Griechenland, in der Slowakei und anderen Staaten."
Katja Huber: "Aber das ist ja das Aburde, ihr könnt nicht aus Russland raus, seid aber zu Berlin Biennale 2012 als Co-Kuratoren eingeladen. Kann man das mit Ai WeiWei vergleichen?"
Oleg Vorotnikov: "Das würde ich nicht sagen. Ai WeiWei macht europäische Salonkunst, sein eigentliches Werk ist nicht mit einem Risiko verbunden. Und trotzdem wird er dafür unter Druck gesetzt. Und deshalb ruft das auch in der ganzen Welt so heftige Reaktionen hervor. Alle unterstützen ihn. Aber wir wählen ganz bewusst den Kampf, unternehmen gefährliche Aktionen. Wenn die Polizei gegen Ai WeiWei vorgeht, ist das absurd. Wenn die Polizei gegen uns vorgeht, sind wir bereit."
Katja Huber: "Und warum seid ihr gerade in Moskau? Ihr habt mir ja per Mail mitgeteilt, dass ihr nur in Petersburg tätig seid und in Moskau nur Polizei-Provokateure als gefakete Voina-Mitglieder auftauchen."
Oleg Vorotnikov: "Tatsächlich hat Voina Aktivistenzuwachs bekommen. Am 19. Januar hat meine Frau unser zweites Kind entbunden. Wir haben unsere Tochter 'Mama' genannt. In St. Petersburg leben wir im Keller, das sind schlechte Bedingungen für einen Säugling, weder Sonnenlicht noch warmes Wasser. Das Kind kam in St. Petersburg auf die Welt, aber jetzt braucht es Wärme. In St. Petersburg haben wir so eine Wohnmöglichkeit nicht, in Moskau im Moment schon."

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