Bayern 2 - Zündfunk

US-Wahlkampf im Netz und an der Haustür Wenn Obama dreimal klingelt...

Facebook war gestern - zumindest im US-Wahlkampf. 2012 entscheidet sich die Wahl nicht im Netz, sondern an der Haustür und am Telefon. Die Kandidaten setzen wieder auf althergebrachte Methoden.

Von: Till Ottlitz Stand: 24.07.2012

"Hallo, mein Name ist Ally von 'Obama - Organzing for America'. Wissen Sie schon, wen Sie wählen möchten?"

Studentin Ally O’Connell von 'Organizing for America'

Studentin Ally O'Connell von "Obama - Organzing for America"

So einen Anruf bekommen derzeit viele Amerikaner. Ally O’Connell studiert eigentlich Theater-Management. Aber diesen Sommer opfert sie ihren Urlaub für Präsident Obama. Sie sitzt in einem heruntergekommenen Wahlkampfbüro am Stadtrand von Austin in Texas und ruft unentschlossene Wähler an.

"Bei meinen Anrufen gehe ich nach einem Ablaufzettel vor: Wenn die Leute noch unsicher sind, erzähle ich Ihnen, wieso ICH den Präsidenten wählen werde. Weil er viele Arbeitsplätze geschaffen und die Wirtschaft angekurbelt hat."

Ally O'Connell

Wahlkampf ganz persönlich

Wenn Ally nicht gerade in einem fensterlosen Büro sitzt, geht sie mit ihrem Ablaufzettel von Haustür zu Haustür und redet mit Wählern. Ganz persönlich. So richtig Face to Face. Vor vier Jahren war Facebook noch DIE Innovation im Wahlkampf. Dieses Jahr zeigt sich eher, dass Social Media auch Grenzen hat.

"Social Media hat Grenzen. Die Kandidaten haben es schwer, neue Mittel zu finden, um Wähler zu erreichen."

Marcus Baram, Politikredakteur Huffington Post

Marcus Baram von der Huffington Post

Die Kandidaten haben 2012 noch keine neuen Mittel gefunden, um Wähler zu erreichen, sagt Marcus Baram. Er ist Politikredakteur bei Amerikas wichtigstem Online-Magazin, der Huffington Post.

"Wenn vor vier Jahren ein Politiker dein Facebook-Freund wurde, da hat man sich fast geehrt gefühlt… Aber jetzt macht das jeder. Inzwischen nutzen mehr Republikaner Twitter als Demokraten. Und heute kriegt man die Jugendlichen mit diesen Gimmicks nicht mehr so einfach. Außerdem hat Social Media Grenzen: Es schafft zwar Begeisterung, aber deshalb bewegst du deinen Hintern noch lange nicht ins Wahllokal."

Marcus Baram

Facebook-Fans sind Nebensache

Und weil soziale Netzwerke die Wähler eben zu wenig mobilisieren, lautet die wichtigste Frage in diesem Jahr nicht: Wer hat die meisten Facebook-Fans? Sondern: Wer schafft es am effektivsten, seine Anhänger an die Wahlurne zu bringen?

Im Wahlkampfteam von Barak Obama: Tobin van Ostern

Tobin van Ostern hat 2008 die Facebook-Gruppe „Students for Barack Obama“ mitgegründet. Die wuchs so schnell, dass er von Obamas Wahlkampfteam abgeworben wurde, um deren Social Media Strategie zu entwickeln. Tobin meint, die Medien ändern sich aber nicht die Wahlkampftaktik.

"Die alten Methoden funktionieren immer noch am besten. Die neuen Technologien helfen im Grunde nur, alte Wahlkampf-Strategien besser umzusetzen. Im Fall von „Students for Barack Obama“ hättest du früher an einer Pinnwand einen Flyer ausgehängt. Jetzt hast du auf Facebook eben eine Gruppe, und schickst eine Nachricht rum – das ist das gleiche Prinzip. Aber die Technik erreicht mehr Leute."

Tobin Van Ostern

Neu ist der gezielte Anruf

Das wirklich spannende Wettrennen findet 2012 wohl hinter den Kulissen statt. Zwischen den Zahlen-Gurus der beiden Kandidaten. Die führen erstmals Daten aus den unterschiedlichsten Quellen zusammen: Aus dem staatlichen Wahlregister, aus kommerziellen Konsumenten-Datenbanken und aus eigenen Quellen – etwa über die Facebook-Fans und die Spenden-Geber der Kandidaten. Mit diesen Informationen lassen sich potentielle Unterstützer einfach identifizieren. Und dann lenken die Wahlkampfzentralen eine Armada von Anrufern gezielt auf diese wenigen Personen.

"Wenn wir früher Telefon-Kampagnen organisiert haben, mussten wir die Anrufer zusammen in einen Raum setzen. Heute kann das jeder aus seinem eigenem Zimmer machen. Du setzt dich an den Laptop, kriegst den Namen eines anderen Studenten, in einem anderen Bundesstaat, der noch nicht genau weiß, wen er wählen soll. Und dann rufst du an: 'Hey, ich bin Tobin und es ist echt wichtig, dass junge Leute zur Wahl gehen.' Inzwischen können die Wahlkampfzentralen auch viel besser steuern, wohin die Anrufe gehen. Wenn die Wahl näher rückt und einige Bundesstaaten wichtiger werden, dann können sie tausende Anrufer, die gerade noch ganz woanders angerufen haben, in die umkämpften Gegenden umleiten. Nur mit wenigen Tastenklicks.  Es sind klassische Wähleranrufe, aber eben mit der Hilfe neuer Technologien."

Tobin Van Ostern

Aber manchmal hilft auch die neueste Technologie nichts – und zwar, wenn die Angerufenen einfach keine Lust mehr auf Politik und Wahlkampf haben. Ally O’Connell, die Obama-Anhängerin aus Austin, versucht sich dann immer noch nett zu verabschieden.

"Vielen Dank! Es hat mir Spaß gemacht, mit Ihnen zu sprechen. Und ich hoffe, sie bleiben weiter interessiert und engagiert."

Ally O'Connell

Mehr zum Thema Wahlkampf in Amerika bei on3 mit der Frage:
Ist Obama noch cool?


Hollywoodstars widmeten ihm einen Song, Hope-Poster klebten überall. Nur gefühllose Klötze waren nicht bewegt, als Barack Obama als erster Schwarzer den Amtseid ablegte. Was ist noch übrig vom "Yes, we can"-Spirit?


0