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Cookies vom Präsidenten Datensammler im US-Wahlkampf

Die amerikanischen Präsidentschaftskampagnen wissen mehr über den Wähler als je zuvor: Welche Webseiten sie besuchen, aber auch welches Bier sie trinken und welche Autos sie fahren. Aus den gesammelten Daten wird errechnet, für wen die Leute sympathisieren. Microtargeting heißt das.

Von: Jean-Michel Berg Stand: 26.10.2012
Screenshot Website Barack Obama | Bild: www.barackobama.com

"Romney betrachtet 47 Prozent der Amerikaner als Schmarotzer. Der Präsident sieht 100 Prozent als Amerikaner. Stehe dem Präsidenten bei. Log' dich ein!" Mit diesen Worten begrüßt mich die Webseite von Barack Obama. Sie zeigt den Präsidenten im Halbprofil unter einem klaren blauen Himmel, die Hemdsärmel hochgerollt, die Augen blicken entschlossen in die Ferne. Was er wohl sehen mag? Nun, ziemlich viel. Zum Beispiel, welche Webseiten ich im Netz besucht habe, welches Bier ich trinke, ob ich mich für Umweltschutz interessiere oder für große Autos. Vielleicht sieht er auch, wie ich heiße und wo ich wohne. Und, was ja das wichtigste ist, ob ich am 6. November für ihn stimmen werde oder nicht.

Noch bevor ich auf der Startseite meine Emailadresse und den Zipcode angegeben habe, schlägt mein Browser Alarm. Einundzwanzig Cookies hat Obama gerade auf meinen Computer platziert, zehnmal mehr als eine durchschnittliche Webseite. Digitale Wanzen, die Informationen über mein Verhalten im Internet sammeln.

"Big Data" heißt der Schlachtruf im Wahlkampf 2012. Die Kampagnen von Obama und Romney haben riesige Datenbanken angelegt, in denen sie Informationen über die Wähler sammeln. Ob ich im Online-Casino Poker spiele oder pornografische Webseiten besuche, aber auch welche Zeitschriften ich abonniert habe oder welches Auto ich fahre. Nie haben die Kampagnen mehr über ihre Wähler gewusst, sagt Craig Schirmer, der 2008 für Obama in den Wahlkampf gezogen ist.

"All diese Informationen, manchmal bis zu 20.000 verschiedene Daten, werden mit Umfrageergebnissen vermischt. Anhand von Rechenmodellen erstellen die Kampagnen daraus dann Prognosen, mit denen sich für jeden einzelnen Amerikaner eine bestimmte Wahrscheinlichkeit errechnen lässt, ob und wie er wählen wird."

Craig Schirmer, Ex-Wahlkampfhelfer für Obama

Der gläserne Wähler

Egal ob Obamas oder Romneys Website: Erst mal werden Daten abgefragt...

Um das Verhalten punktgenau für jeden einzelnen Wähler vorauszusagen, rasen Algorithmen durch gigantische Datenberge. Sie verbinden Umfrageergebnisse mit Konsumdaten und der "Voting-History" der Wähler, also wer in der Vergangenheit wie oft gewählt hat. Und stellen dann alle möglichen Querverbindungen her. Wer Samuel Adams-Bier trinkt, ist statistisch gesehen ein strammer Republikaner. Um den braucht sich Obama also gar nicht kümmern. Wer Heineken trinkt oder Datingportale im Netz besucht, ist im Herzen zwar ein Demokrat, aber leider auch ein Slacker, der den 6. November vermutlich auf dem Sofa vertrödeln wird.

"Es geht zum einen darum, die Wähler zu finden, die mit Sicherheit wählen werden und sie zu beeinflussen. Zum anderen geht es darum, die zu finden, die zwar eigentlich nicht wählen, aber mit dir sympathisieren und sie dann zu überzeugen, abzustimmen."

Craig Schirmer, Ex-Wahlkampfhelfer für Obama

War 1984 noch jeder vierte Wähler unentschlossen, ist es heute nur noch jeder zwanzigste. Und eigentlich dreht sich alles nur noch um diese sieben oder acht Millionen Wähler. Anstatt sich also um schwammige Zielgruppen wie weiße Männer zwischen 18 und 49 zu kümmern, geht es nun darum, den Heineken-Trinker aufzuspüren und zu durchleuchten, seine Interessen, seine Ängste, seine Wünsche.  Microtargeting wird diese Präzisionswaffe des Wahlkampfes genannt, die kaum einer so vorangetrieben hat wie Alex Gage für die Republikaner. Der Zeitschrift The Atlantic hat er den Fortschritt der letzten Jahre so erklärt:

"Wir haben uns für ziemlich klug gehalten, aber was wir jetzt tun, sprengt alle Vorstellungen. Jemand gab uns ein Vergrößerungsglas und wir sagen: Oh, wir sehen ein paar Leute. Dann sagte jemand: Probiere ein Mikroskop. Und jetzt benutzen wir Elektronenmikroskope."

Alex Gage in The Atlantic

Kaffeekränzchen mit Obama und Romney

Obamas Website fordert mich inzwischen auf, mich über Facebook-Connect einzuloggen. Den "heiligen Gral des Tracking" hat das Wired-Magazin das genannt. Denn jetzt kennt Obama nicht nur meine Interessen, meinen Aufenthaltsort und meinen Namen, die Kampagne gleicht auch noch meinen Freundeskreis mit den öffentlichen Wählerverzeichnissen ab. Und so können Obama und Romney mich sogar als Personen identifizieren, mit Name und Anschrift. Und mich dann zuhause besuchen. Von einem Wahlhelfer, der weiß, was ich im Internet gelesen oder welche Bilder ich mir angeschaut habe. Es gibt nicht nur Cookies vom Präsidenten, vielleicht bringt er sogar Kekse vorbei.


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