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Abschiebung nach Gambia Sulayman muss gehen

Am Dienstag kam das Schreiben. „Hiermit wird Ihnen der Bescheid des Bundesamts vom 23.3. zugestellt“: Sulayman verstand schnell, was in dem Brief steht. „Ablehnung und sowas“, sagt er. Er hält die Ablehnung seines Asylbegehrens in der Hand. Nachdem er drei Jahre lang in Deutschland Vollgas gegeben hat.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 30.03.2017

Sulayman Jode, messages of refugees | Bild: BR / Elke Dillmann

Sulayman Jode ist 20 Jahre alt. Seine Geschichte beginnt vor mehr als drei Jahren, im Mai 2013, in Gambia. Eines Nachts stehen bewaffnete Männer vor dem Haus, in dem er mit seiner Mutter, seinem Onkel und seinen Geschwistern lebt. Der Onkel wird verhaftet, alle anderen fliehen. Sulaymans Mutter und seine jüngeren Geschwister nach Senegal. Er selbst nimmt ein Taxi in die Hauptstadt von Gambia und reist von dort mit dem Bus weiter über Senegal und Niger bis nach Libyen. Ein paar Monate verbringt er in einer der Flüchtlingsunterkünfte an der libyschen Küste, dann steigt er in ein Boot, das ihn nach Italien fährt. Von dort geht es weiter mit dem Zug nach Deutschland.

Drei Jahre lang Vollgas gegeben - nun die Abschiebung

Sulayman mit seiner Band Peng Be Crew im Zündfunk-Studio

Als Sulayman drei Monate nachdem er Gambia verlassen hat in München ankommt, scheint auf einmal alles gut zu werden. Er findet Freunde und Menschen, die sich um ihn kümmern. Denen auffällt, dass der junge Flüchtling engagiert ist, wissbegierig und fleißig. „Ein Paradebeispiel für Integration“, so nennt ihn seine Klassenlehrerin an der SchlaU-Schule in München, Judith Kratzl. Sulayman hatte in seiner Freizeit neben der Schule eine eigene Modekollektion entworfen. Musik macht er auch, einmal gab er sogar ein Konzert zusammen mit Konstantin Wecker und dem Münchner Bürgermeister. Er ist sehr kreativ, sagt seine Lehrerin Judith Kratzl. „Ich fürchte aber, dass so etwas leider nicht berücksichtigt wird.“

Karl-Buchrucker-Preis

Sulayman wurde am 20. März 2017 zusammen mit dem Team von "messages of refugees" mit dem Karl-Buchrucker-Preis ausgezeichnet

Vergangene Woche wurde er zusammen mit dem Team von „messages of refugees“, dem Flüchtlingsradio des Zündfunk, noch mit dem Karl-Buchrucker-Preis ausgezeichnet. Dann kam der Brief. 21 Seiten, auf denen verschiedene Sachbearbeiter, die immer nur mit Nachnamen unterschreiben, ausführen, warum sie Sulayman Jodes Asylantrag abgelehnt haben. Ihm würde in seinem Heimatland Gambia keine Verfolgung drohen. Sulayman sagt, doch: Sein Onkel habe für die ehemalige Regierung von Gambia gearbeitet – den irren Diktator Yahya Jammeh. Der hätte den Onkel irgendwann beschuldigt, Geld veruntreut zu haben, und die ganze Familie bedroht. Doch in dem Bescheid steht: „Die geschilderten Ereignisse richteten sich ausschließlich gegen den Onkel. Auf Seite acht schreiben die Sachbearbeiter, dass Sulayman Deutschland innerhalb von 30 Tagen verlassen soll – ab jetzt. Sonst wird er abgeschoben. In zwei Monaten hat Sulayman aber eine Prüfung: Er steht kurz vor seinem Schulabschluss. Er hat etwas vor in Deutschland, nur Deutschland offenbar nicht mehr mit ihm.

„Ich bin jetzt 20, ich will mein Leben weitermachen“

Die Anerkennungsquote für Menschen aus Gambia liegt bei 6,5 Prozent. Doch Sulayman hörte nichts, fast drei Jahre hat es gedauert bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihn überhaupt angehört hat. In dieser Zeit setzte Sulayman sich ein Ziel: Einen Schulabschluss machen, dann eine Ausbildung als Veranstaltungskaufmann, etwas werden. „Ich will etwas erreichen“, sagt er, „wie die Deutschen auch“. Deshalb machte er Praktika, engagierte sich in der Münchner Kulturszene und hat sich in drei Jahren etwas aufgebaut. Jetzt den ganzen Aufwand nochmal, und das in Gambia? „Ich kann das nicht wiederholen“, sagt er voller Verzweiflung, „ich bin jetzt 20, ich will mein Leben weitermachen!“ 

In der Klasse von Judith Kratzl sind viele junge Leute, die sich seit Jahren in Deutschland engagieren, die lernen und sich integrieren, und die zurzeit reihenweise ihre Bescheide bekommen. Fast alle negativ. Die Stimmung sei eine andere als noch im vergangenen Jahr, sagt sie, viele Schüler seien geknickt. „Sie engagieren sich zwar weiter, aber mit den Gedanken sind sie wo anders“, so Kratzl.

„Wenn ich das gleich gewusst hätte“

„Wenn ich das gleich gewusst hätte“, das denkt Sulayman in den schlechten Momenten. „Was zur Hölle soll ich jetzt in Gambia?“ Dass er deutsch spricht, dürfte dort kaum jemanden interessieren. Und auch wenn der Diktator, der seinen Onkel bedroht hat, nach 22 Jahren abgewählt wurde, und nun viele zuversichtlich die Demokratie in Gambia bejubeln – ARD-Korrespondent Jens Borchers ist eher skeptisch und erwartet für Gambia keine schnellen Lösungen: Der Diktator sei zwar weg – übrigens nicht, ohne noch 100 Millionen aus der Staatskasse mitgehen zu lassen – aber sein Nachfolger ist ein ehemaliger Immobilienmakler, der keinerlei politische Erfahrung hat. 80 Prozent der Menschen in Gambia leben von der Landwirtschaft. „Neue Strukturen aufzubauen, und für junge Menschen bessere Perspektiven zu bieten, das wird Zeit in Anspruch nehmen“, sagt Jens Borchers. Aber Zeit, die hat Sulayman nicht.

Deswegen sieht alles so aus, als würde die Geschichte von Sulayman doch nicht gut ausgehen. Er hat sich einen Anwalt genommen, manchmal sprechen Ausländerbehörden in Fällen wie seinem eine Duldung aus, solange bis er den Schulabschluss gemacht hat. Und dann?


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