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Aktion gegen Löschpolitik bei Twitter Warum Shahak Shapira Hass-Tweets vor Hamburger Twitter-Zentrale sprüht

Shahak Shapira ist Schriftsteller und sorgt regelmäßig mit seinen Aktionen für Aufsehen. Zuletzt löste er mit "Yolocaust" eine Debatte über die Erinnerungskultur aus. Jetzt hat er Hass-Tweets, die von Twitter nicht gelöscht wurden, vor der Hamburger Firmenzentrale auf die Straße gesprüht.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 07.08.2017

Portraitfoto eines Mannes mit blonden Haaren, weißem Hemd und schwarzer Krawatte. | Bild: Sebastian Hänel

Shahak Shapiras letzte Aktion hatte international für Aufmerksamkeit gesorgt. Für "Yolocaust" sammelte er Fotos von fröhlichen Touristen am Berliner Holocaust-Denkmal und montierte sie auf Fotos ermordeter Juden in KZs. Damit löster er eine Debatte über die Erinnerungskultur aus. Seine neueste Aktion richtet sich gegen den Kurznachrichtendienst Twitter.

Zündfunk: Du hast 30 menschenverachtende Tweets wie "Nigger sind eine Plage", "Judenschwein" oder "Deutschland braucht für den Islam wieder eine Endlösung" in Hamburg vor der Deutschlandzentrale von Twitter auf den Gehsteig gesprüht. Warum?

Shahak Shapira: Ich habe in den letzten sechs Monaten über 300 Tweets gemeldet, die meiner Meinung nach nicht so unkommentiert auf Twitter hätten stehen dürfen. Daraufhin habe ich von Twitter insgesamt neun Emails bekommen, die alle besagten, dass kein Verstoß gegen die Richtlinien vorliege. Der Rest wurde einfach ignoriert. Die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, war für mich: Wenn ich diese Tweets sehen muss, dann muss Twitter sie auch sehen.

Das Unternehmen Twitter muss die Tweets ja gesehen haben - schließlich waren sie direkt auf den Gehsteig vor dem Firmenbüro gesprüht. Du hast aber nicht gleich zu erkennen gegeben, dass du hinter dieser Aktion steckst. Wie hat Twitter reagiert?

Die einzige Reaktion, die ich bemerkt habe - und ich weiß nicht, ob das von Twitter oder einem anderen Mieter des Gebäudes veranlasst wurde - war, dass einige Tweets weggemacht wurden. Aber nur die, die direkt vor der Haustür auf dem Gehsteig standen, die auf der Straße zum Beispiel nicht. Das fand ich sehr bezeichnend für die ganze Art, wie Twitter mit dem Thema umgeht: schön vor der eigenen Haustür sauber machen - um den Rest sollen sich die anderen kümmern.

Du hast auch die Reaktionen der Passanten gefilmt, die diese Hass-Tweets gelesen haben. Was hast du da beobachtet?

Viele waren natürlich erstmal schockiert. Einigen habe ich erzählt, was hinter dieser Aktion steckt und dann fanden sie sie auch gut.

Ist das jetzt in deinem Sinne eine geglückte Aktion?

Naja - wir reden hier über dieses Thema. Immerhin das. Alles andere wird sich zeigen. Es muss auch langsam mal was von Twitter kommen. Vielleicht sollten die sich auch mal äußern.

Twitter hat sich noch nicht zu deiner Aktion geäußert?

Nein. Aber ich bin nun mal ein ganz normaler kleiner bzw. durchschnittlich großer Mann. Ich kann nur so viel tun. Twitter ist ein großer Weltkonzern. Ich hab versucht, ihnen ein bisschen weh zu tun. Wobei - was heißt weh tun. Ich wollte ein bisschen Aufmerksamkeit für das Thema, weil ab Oktober muss Twitter gemeldete Tweets innerhalb von 24 Stunden bearbeiten und von dem was ich gesehen habe, läuft es nicht darauf hinaus, dass sie es schaffen werden.

Aber wird der Hass in der digitalen Welt immer noch nicht ernst genug genommen? Braucht es da so eine Aktion wie deine, um den virtuellen Hass mal in der analogen Welt sichtbar zu machen?

Ja, sonst hätte ich es ja nicht gemacht. Es ist ein relativ neues Problem und wir sollten uns langsam mal Gedanken machen, wie wir damit umgehen. Und so wie ich das sehe - und dazu gibt es auch einige Studien - schafft Twitter es einfach nicht, mit diesem Problem gut umzugehen. Ich habe das Gefühl, dass Facebook sich zum Beispiel mehr Mühe macht.

Wer ist denn deiner Meinung nach in erster Linie in der Pflicht, gegen solche Hass-Tweets zu reagieren?

Sagen wir es mal so: Wenn jemand auf dein Auto kackt, erwartest du dann von deinem Mitfahrer, dass er das weg wischt? Oder willst du nicht auch vielleicht zusehen, dass da einfach kein Haufen mehr auf deiner Motorhaube liegt? Twitter und Facebook und andere Social Media Plattformen sagen: 'Alles, was da steht, ist meins. Das gehört nicht dem Staat, das gehört nicht den Leuten, das gehört mir. Die haben die AGBs unterschrieben und ich verdiene damit Geld.' Und es ist ja nicht so, dass Twitter eine kleine Firma ist, die ums Überleben kämpft. Wenn man alle diese Tweets für sich beansprucht, auch Hass-Tweets, dann hat Twitter da natürlich eine Verantwortung.

Shahak Shapira wird im Oktober einer der Speaker auf dem Zündfunk Netzkongress sein.


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