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Kommentar Aufregung um den Prozess gegen Rapperin Schwesta Ewa

Die Frankfurter Rapperin Schwesta Ewa stand vor Gericht - wegen Menschenhandel, Körperverletzung, Zuhälterei und Steuerhinterziehung. Jetzt kam das Urteil: zweieinhalb Jahre Haft. Diese Vergehen sind keine Seltenheit in Deutschland. Muss Deutschrap so wahrhaftig und real sein?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 08.06.2017

Schwesta Ewa im Frankfurter Landgericht | Bild: picture-alliance/dpa

Deutscher HipHop hat sich im Laufe der letzten Jahre in eine gefährliche Richtung entwickelt. Rapper Bushido nennt das sogar eine "sehr extreme Richtung". Im Interview mit dem HipHop Medium Backspin sagt er: "Heute ist es so, Rapper XY kündigt  Album an und wenn da halt nicht irgendwie irgendwelche Mütter gefickt werden oder irgendwelche Skandale irgendwie im Vorfeld passieren […], dann interessiert sich keiner fürs Album." Bushido mag zwar mittlerweile ein Popstar sein und in einer Villa schlafen, aber er weiß, wovon er als Labelchef spricht. Mehr oder weniger ernst gemeinte Streitigkeiten unter Künstlern, die mehr oder weniger offensichtlich authentisch sind - oder eben auch nicht, sind die gängigste Form von eigeninitiativer Werbung und Selbstvermarktung.

Schwesta Ewa in Handschellen

Am nachhaltigsten und eindrucksvollsten, am ökonomischsten, ist die Realness - als größtmögliche Überschneidung von Raptexten und dem echten Leben eines Rappers. Natürlich kann ein Interpret auch darüber rappen, dass die Schlange im Supermarkt so gar kein Ende nehmen will. Das ist absolut deckungsgleich mit dem Erlebten und wahnsinnig real. Das kann man schon machen. Aber dann ist es eben auch wahnsinnig egal.

Die Rapperin Schwesta Ewa ist real. Worüber sie rappt, das hat sie auch erlebt - Frankfurter Bahnhofsviertel, der Strich, Zuhälterei und Drogen: "FFM Straßenstrich, meine Nutten makellos, Fick Minaj ihr Barbie-Flow, schick sie anschaffen" ("Escortflow"). Und auch in Interviews erzählt sie ihre Geschichte, sobald sie danach gefragt wird.

In der Bar von Schwesta Ewa

Ich habe sie in Frankfurt am Main in der Stoltze Bar getroffen, von der es damals noch hieß, es sei ihre Bar. Das war Teil ihrer "Erfolgsgeschichte": Eine eigene Bar. Beim Prozessauftakt wurde auch das infrage gestellt. Und damals, als ich Schwesta Ewa gegenüber saß - in ihrer Bar, irgendwann nachts, nach stundenlangem Warten auf das Interview - wurde sehr schnell klar, dass jemand, der wie Schwesta Ewa, jahrelang auf der Straße gearbeitet hat, sehr schnell merkt, mit welchem Typ Mensch sie es zu tun hat und wie sie ihre Geschichte dieser einen Person erzählen will.

Schwesta Ewa hört man nicht zu, weil ihre Geschichte einzigartig ist, sondern weil sie die rappt - und eine Frau im deutschen Rap, das ist selten. Eine Frau im deutschen Straßenrap, die dann noch realer ist, als ihre männlichen Kollegen, das gab es vorher nicht. Schwesta Ewa erzählt eine Geschichte, die eben nicht nur ihre ist, weil sie von vielen Frauen im deutschen Rotlichtmilieu geteilt wird: "Ich bin 31 Jahre alt und seitdem ich 16 bin, habe ich angefangen im Rotlichtmilieu zu arbeiten. Da habe ich als Kellnerin unter einem Puff in einer Kneipe gearbeitet. Das heißt mein halbes Leben habe ich im Rotlichtmilieu verbracht. Bis jetzt sind meine besten Leute und Freundinnen und guten Kollegen, alle im Rotlichtmilieu tätig. Man kriegt die Nutte aus dem Puff, aber den Puff nicht aus der Nutte. Das stimmt. Also bei mir auf jeden Fall."

Schwesta Ewa muss sich zurecht vor Gericht verantworten

Die Schwesta live on stage

Schwesta Ewa ist sogar so real, dass sie seit mehreren Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Der Vorwurf: Menschenhandel, Zuhälterei und Steuerhinterziehung. Das sind Vorwürfe, für die sie sich zurecht verantworten muss. Nur überraschen tut das eigentlich nicht. Überraschend würde das bei Rappern wie Marteria oder Cro, deren Image milieufern angesiedelt ist.

Bei Schwesta Ewa kann das deswegen nicht überraschen, weil ihre Songs uns das alles bereits erzählen - wenn man ihre Texte denn ernst nimmt und ihr zugesteht tatsächlich zu wissen, wovon sie da rappt. So behält Rapper SSIO, Freund der Rapperin und Labelkollege, dann eben doch recht, wenn er süffisant behauptet: "Irgendwie macht man mit Straftaten immer plus" ("Nullkommaneun") - wenn nicht mit Rap, dann mit dem Drumherum.  


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