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Rechtsextremismus in der Bundeswehr - Ein Aussteiger erzählt "Die Leute haben mich weiter an der Waffe ausgebildet, obwohl ich bekennender Nazi war"

"Das gibt es schon lange!" So kommentiert Christian Weißgerber den Bundeswehrskandal rund um den rechtsextremen Franco A. und seine Mitstreiter. Weißgerber war selbst Rekrut - und Mitglied in einer jugendlichen Neonazi-Gruppe.

Von: Katharina Mutz

Stand: 12.05.2017

Bundeswehr Abzeichen | Bild: picture-alliance/dpa

Es klingt wie eine Posse: Ein deutscher Bundeswehrsoldat gibt sich als syrischer Flüchtling aus. Obwohl er nicht einmal Arabisch spricht, kommt er damit durch. Dann kommt raus: Franco A. wollte, getarnt als Flüchtling, einen Anschlag verüben, um so Fremdenhass zu schüren. Es gab sogar schon Listen mit möglichen Opfern – darunter Bundesinnenminister Heiko Maas und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Franco A. war nicht allein, ein Oberleutnant und ein Student sollen an den Anschlagsplänen beteiligt gewesen sein. Und jetzt fragen sich alle: Wie groß ist das Problem in der Bundeswehr? Gibt es vielleicht sogar ein rechtsextremes Netzwerk in der Truppe?

Christian Weißgerber war bis vor neun Jahren selbst Rekrut bei der Bundeswehr – und gleichzeitig Mitglied in einer Neonazi-Kameradschaft. Inzwischen ist er aus der rechten Szene ausgestiegen, hat Kulturwissenschaft und Philosophie studiert und bereitet sich auf seine Promotion vor. Er sagt: Das Rechtsextremismus- Problem in der Truppe sei alles andere als neu.

Christian Weißgerber: Ich habe es wenig überraschend gefunden und diese ersten Reaktionen mit "Das ist ja was ganz was Neues" fand ich lächerlich oder man hat gemerkt, dass die Personen keine Ahnung haben.

Zündfunk: Sie waren 2008 selbst Rekrut bei der Bundeswehr und gleichzeitig in einer Neonazi-Kameradschaft. Was haben Sie denn damals in der Bundeswehr erlebt?

Bei mir auf der Stube waren allein drei, sehr offen mit rechtem Gedankengut sympathisierende Menschen. Ein Mensch, der bei einer nationalkonservativen Männerverbindung war, ein offen für die NPD Sympathie hegender Mensch, der sich auch selber Nationalsozialist genannt hat und dann noch ein Iraner, der das damalige Ahmadinedschad-Regime unterstützt hat und offen antisemitisch gehetzt hat auf der Stube. In der Kompanie waren noch andere Leute, die im weiteren Verbund meiner Kameradschafts aktiv waren, das heißt sie haben ziemlich offen gegen das Existenzrecht Israels agitiert. Wir haben offen über das gesprochen, was verändert werden müsste, damit Deutschland wieder deutsch wird. Dass wir auf Stube sehr offen über rassistische und antisemitische Politik gesprochen haben, war ganz normal.

Was haben denn ihre Vorgesetzen dazu gesagt?

Zwei Offiziersanwärter hatten kein Problem damit, über Freimaurerei und Verschwörungstheorien zu sprechen. Einer von denen hat die Stube abends mal abgenommen und da hat er dieses Handtuch gefunden, was ich mir von einem Freund ausgeliehen hatte. Das war in den Farben des deutschen Reiches. Das hat er nicht sanktioniert, sondern gesagt: "Das ist nicht schlimm, hängen sie es doch morgen mal über ihren Schrank, da freut sich der andere Herr Fähnrich". Das hab ich gemacht und die Person hat sich darüber gefreut. Was zumindest heißt, dass entweder ein ziemlich skuriller Humor herrschte oder die Person offen mit dem Reichsgedanken sympathisiert.

Und welche Konsequenzen hatte Ihr Verhalten? Sie haben ja offen rassistische Ideen geäußert?

Das wurde an die Vorgesetzten weitergegeben und dadurch wurde ich zum einen zwangsversetzt und dann 28 Tage inhaftiert, vier Tage davon im sogenannten "Cafe Viereck", eine Art Bundeswehrgefängnis, und dann gab es noch 14 Tage beschränkte Ausgangssperre. Die habe ich dann gar nicht abgesessen, weil ich dann schon entlassen wurde. Von daher war der Sanktionsmechanismus gleich null. Ich bin entlassen worden, aber ansonsten ist nichts passiert. Die Leute haben mich erstmal weiter an der Waffe ausgebildet, obwohl ich bekennender Nazi war. Das schien kein Problem zu sein. Das Ganze wurde nicht so ernst genommen, um einen zivilen Prozess einzuleiten, was man hätte machen können.

Im Aufenthaltsraum, dem sogenannten Bunker, des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr in Illkirch bei Straßburg (Frankreich) hängt am 03.05.2017 eine Maschinenpistole vom Typ MP 40, die bei der Deutschen Wehrmacht eingesetzt wurde, der Firma Schmeisser an der Wand.  | Bild: dpa-Bildfunk zum Artikel Einzelfall, Grundproblem? Ist die Bundeswehr zu rechts?

Inzwischen sind drei Bundeswehrsoldaten in Haft und es ist von einer möglichen Terrorzelle die Rede. Der Skandal um Erniedrigungsrituale ist auch noch nicht lange her. Welcher Geist herrscht in der Bundeswehr? [mehr]

Glauben Sie, dass die Verantwortlichen bei der Bundeswehr von dem Rassismus-Problem in den eigenen Reihen nichts wissen? Oder decken Vorgesetzte rechtsextreme Soldaten?

Das ist eine dieser Fragen, die ich nicht sinnvoll beantworten kann, weil ich eben schon seit neun Jahren nicht mehr in der Bundeswehr bin. Ich kann höchstens darüber spekulieren, ausgehend von den Dingen, die ich erlebt habe. Damals ist es so gewesen, dass es kein Problem war, rassistische Witze zu machen, es ist auch kein Problem gewesen, dass Offiziere in ihrer Freizeit in Nazi-Kneipen gehen. Wie in der Gesellschaft auch, gibt es in der Bundeswehr sehr viel Alltagsrassismus und es gibt Leute, die daraus tatsächlich ein extrem rechtes Denken ableiten und das wird sicherlich in den einzelnen Gruppe gedeckt. Dass es stattfindet, davon bin ich fest überzeugt. Es herauszufinden, wo es genau stattfindet, ist die Aufgabe von funktionierenden, geheimdienstlichen Maßnahmen innerhalb der Bundeswehr, die offensichtlich genau so gut funktionieren wie der Verfassungsschutz - nämlich so gut wie gar nicht.


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