Bayern 2 - Zündfunk


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Themar Neonazi-Szene reist zum Rechtsrock-Open Air an

Knapp 6.000 Neonazis reisten am Wochenende ins südthüringische Themar. Dort fand das wohl bislang größte Rechtsrock-Open Air statt. Zuvor hatten Initiativen schon vor dem Konzert gewarnt, wie unter anderem auch der Zündfunk berichtet hat - doch die Politik schreitet erst jetzt ein.

Von: Sammy Khamis

Stand: 26.06.2017

Rechts-Rock-Festival "Rock für Deutschland" , 06.07.2013 in Gera (Thüringen) | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn in Thüringen die Festivalsaison eröffnet wird, dann geht es um Hass, um Ausgrenzung und um Deutschland. „Rock für Deutschland“, so heißt das Open Air-Konzert am 1. Juli. Danach folgen „Rock gegen Überfremdung 2“ am 15. Juli und am 29. Juli „Rock für Identität“. Alle unter freiem Himmel, alle in Südthüringen. Nicht erst mit diesen drei Rechtsrock-Konzerten ist Thüringen Hotspot für rechte Open Air-Veranstaltungen. Zwischen 2011 und 2016 fanden 32 Konzerte unter freiem Himmel statt, das erfolgreichste 2016 – mit 3.500 zahlenden Gästen.

Den kleinen Ort Themar, rund 40 Kilometer nördlich von Coburg, werden in den kommenden Wochen zahlreiche Neonazis aus ganz Deutschland in ihr Navigationssystem eintippen, denn in Themar sollen die drei oben genannten Konzerte stattfinden. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die 3.000 Einwohnergemeinde nur schwer zu erreichen. Schwer zu erreichen scheint auch die Öffentlichkeit. So haben zwei Bündnisse aus der Region einen offenen Brief verfasst: „Eine kleine Stadt braucht Hilfe“ ist der Betreff und adressiert ist er an die Bundeskanzlerin, den Bundespräsidenten und LandespolitikerInnen. In diesem Brief heißt es unter anderem „Wer schützt uns vor diesen Leuten“ und: „Was sich in den 30er Jahren in unserer Stadt ereignet hat, darf sich nie wiederholen!“ Widerhall hat dieser Brief bisher weder in Berlin, noch im Landkreis gefunden.

Thüringen - attraktiv für Neonazis

Wieso gerade Thüringen für Neonazis attraktiv ist, erklärt die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss mit der zentralen Lage Thüringens, mit der langen Geschichte rechter Veranstaltungen und damit, dass die Neonazis in Thüringen kaum mit Gegenprotest rechnen müssen. Und mit einer Personalie: Tommy Frenck. Der Ex-NPDler und heutige Gastwirt Frenck gilt als Strippenzieher in der Region. Er habe viel Erfahrung: 2016 kamen 3:500 Zuschauer zu seinem Konzert „Rock gegen Überfremdung“.

Konzertveranstalter Tommy Frenck, Ex-NPD (hier bei einer Veranstaltung in Suhl, 2015)

Frenck - auf den Hals hat er sich „Aryan“, also „Arier“ tätowiert - ist Betreiber der Gaststädte „Goldener Löwe“ in Kloster Veßra, einem Treffpunkt für Neonazis. Veßra wiederum ist nur eine halbe Stunde zu Fuß von Themar und damit von dem rechten Open Air-Gelände entfernt. Gepachtet hat Frenck die Wiese von einem Gebrauchtwagenhändler, der in einer weiteren Nachbargemeinde Bürgermeister ist – und Mitglied der AfD. Die beiden haben ein „gutes Verhältnis“, wie der SWR berichtet. Für ein Gespräch mit dem Zündfunk war der AfD-Politiker nicht zu erreichen.

Es spielen die Rechts-Rock-Bands Stahlgewitter und Blutzeugen

Für die Neuauflage des Konzerts „Rock gegen Überfremdung“ am 15. Juli in Themar sieht die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss einen Schulterschluss freier Kameradschaften mit rechten Parteien wie der NPD, dem III. Weg und der Partei „Die Rechte“. Auch ein Mitglied der rechtsextremen Europäischen Aktion (EA), Axel S., ist als Redner am 15. Juli angekündigt. Mitglieder der EA, sowie Treffpunkte der EA wurden erst in der vergangenen Woche von Spezialkräften der Polizei durchsucht: Ermittelt wird wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung. Auch gegen Axel S. wird ermittelt. Spielen werden Bands mit Namen wie Stahlgewitter, Blutzeugen und Lunikoff Verschwörung.

Für den rechten Zweck: Geldmaschine Open Air

Für die kommenden Konzerte werden bis zu 6.000 Besucher erwartet, folglich auch 6.000 zahlende Gäste. In der Vergangenheit wurden Teile der Einnahmen verwendet, um inhaftierte Neonazis finanziell zu unterstützen. Laut Recherchen des Blogs „Thüringen Rechtsaußen“ wurden bei vergangenen Rechts-Rock-Konzerten Gelder für inhaftierte Neonazis gesammelt.

Distanziert sich die AfD?

Beim Thema Finanzen scheiden sich auch die Geister innerhalb der Thüringer AfD. Die Vermietung einer Wiese – in diesem Fall die Wiese auf der die Rechts-Rock-Festivals stattfinden – ist privatwirtschaftliches Interesse eines AfD-Mitglieds, so der Sprecher des AfD-Landesverbandes Torben Braga. Das habe nichts mit der Arbeit in der Partei zu tun. Trotzdem sondiere man derzeit wie in diesem Fall zu verfahren sei. Der AfD-Mann sei zum Gespräch gebeten worden, denn, so Torben Braga zum Zündfunk, die Veranstaltungen in Themar seien "mit den Zielen und den Wertvorstellungen der AfD nicht vereinbar". Man berate derzeit über Disziplinarmaßnahmen.

Innerhalb der Partei, so ist aus informierten Kreisen zu hören, wird dem AfD-Mann aus Südthüringen ein Austritt aus der Partei nahegelegt. Auf ein Ausschlussverfahren wird verzichtet. Es hat sich wiederholt als stumpfes Schwert erwiesen, wie die regelmäßigen Diskussionen um den Ausschluss von Björn Höcke zeigen.

Trotz allem wird ab dem kommenden Wochenende die Festival-Saison der Neonazis in Thüringen beginnen.


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