Bayern 2 - Zündfunk


19

Der unausgeschlafene Staatsfeind Razzia und Followerschwund bei Kurdistan-Aktivisten

Wer sich für Kurdistan einsetzt, hat kein leichtes Leben. Auch in Deutschland nicht. Der Münchener Wissenschaftler Kerem Schamberger ist Aktivist, hat wohl Facebook gegen sich, die Türkei und auch die bayerischen Sicherheitsbehörden.

Stand: 14.11.2017

Kerem Schamberger | Bild: Kerem Schamberger; Montage: BR

Hinter zwei Computerbildschirmen in einem weißen kahlen Büro sitzt ein Staatsfeind und kontrolliert wie viele Likes und Kommentare er auf Facebook bekommt. Die Luft im Büro ist schlecht, Licht kommt kaum durch das Kellerfenster. Der Staatsfeind sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm ein Terminkalender, daneben der Durchsuchungsbeschluss der Münchener Staatsanwaltschaft von Montagmorgen. Er ist seit Stunden im Büro und hatte trotzdem keine Zeit zu lüften, entschuldigt sich der Staatsfeind, aber er musste arbeiten - und er musste seinen Tag verarbeiten. Einen Tag, der um sechs Uhr morgens mit dem Klingeln der Polizei begann und danach vor allem mit dem Beantworten von Facebook-Nachrichten gefüllt war.

Der Staatsfeind heißt Kerem Schamberger, 31 Jahre alt, Kommunikationswissenschaftler. Dazu ist Schamberger links, marxistisch, pro-kurdisch und Aktivist. Auf Facebook ist Kerem Schamberger eine Berühmtheit. Seit rund zwei Jahren folgen ihm dort tausende Menschen. Vor allem weil er "schnell Berichte aus der Türkei und vor allem aus Kurdistan" übersetze und einordne, wie er selbst sagt.

Kalkulierte Risiken – Kalkulierte Folgen?

Seine Facebook-Posts sind auch der Grund, weshalb er am Montagmorgen eine Razzia bei sich zu Hause hatte. Im Sommer hat Kerem Schamberger Bilder auf Facebook hochgeladen, die Flaggen kurdischer Kampfgruppen im Irak und Syrien zeigen. Darunter die YPG, YPG und PYD, also genau die Gruppen, die gemeinsam mit den USA, Frankreich und Deutschland gegen den IS kämpfen. Seit März sind diese Flaggen verboten "wenn sie im Kontext mit der PKK" gezeigt werden, so das Bundesinnenministerium. Kerem Schamberger weiß das und trotzdem postet er die Bilder auf Facebook, jeweils direkt an die Ermittlungsbehörden adressiert.

Screenshot von einem facebookpost von Kerem Schamberger

In einem Post vom 17. Juni schreibt er: "Eine Bitte an deutsche Strafverfolgungsbehörden: Ergreift endlich Maßnahmen gegen den Inhaber dieses Facebook Profils [...]" Damit meint Schamberger das eigene Profil. Die Münchener Staatsanwaltschaft sieht die Posts, die Schamberger öffentlich geteilt hat und nimmt deshalb am Montag den Laptop des Kommunikationswissenschaftlers mit - zur Beweissicherung. "Obwohl ich gesagt habe: Ja, ich habe die Bilder geteilt, ich gebe es zu. Und trotzdem nehmen sie meinen Laptop mit", sagt Schamberger, zieht die Schultern hoch und erklärt, dass er deswegen an seinem Rechner an der Uni sitzt, "zu Hause habe ich ja keinen mehr."

Kerem Schamberger hat direkt nach der Razzia durch die Münchner Polizei den Durchsuchungsbeschluss auf Facebook gepostet. Er bekommt dafür 440 likes, fast 200 shares und dutzende Kommentare. Auf Facebook ist Kerem Schamberger eine Art Ein-Mann-Nachrichtenagentur. Er spräche Türkisch, sei Kommunikationswissenschaftler und er könne schneller auf Ereignisse in der Türkei reagieren, als größere Redaktionen. Seit "dem Militärputsch im Juli 2016 sind mir immer mehr Menschen gefolgt, was mein Profil zu einer Art Nachrichtenseite macht - mit dem Unterschied, dass ich nicht verstecke, wie ich politisch stehe", so Schamberger, der sich selbst als links, marxistisch und pro-kurdisch bezeichnet.

Follower verabschieden sich - ohne es zu wissen

All das passiert auf dem privaten Profil Schambergers. Dort hat er 5.000 Freunde und rund 15.000 Follower. Klingt nach viel, war aber schon mehr, so Schamberger. Denn seit rund zwei Monaten verringere sich die Zahl seiner Follower. Das sei ihm erst aufgefallen, als ihn Menschen direkt kontaktierten. Die Nachrichten ähneln sich: Man habe Schamberger wegen seiner Posts über die Türkei abonniert und dann gemerkt, dass dieses Abo aufgehoben wurde, ohne dass die Personen es aktiv gemacht hätten. "In der Hochphase hatte ich rund 26.000 Freunde und Follower auf Facebook", so Schamberger. Netzpolitik.org hat in der vergangenen Woche versucht bei Facebook zu erfragen, weshalb die Zahlen zurückgehen und damit auch die Reichweite von Schambergs Posts.

Auch der Zündfunk hat bei Facebook angefragt und, wie Netzpolitik.org, keine Antwort erhalten. Da Facebook über das "Warum" schweigt, kann Schamberger nur vermuten, woran es liegt. Er hält es für einen "bewussten Prozess", dass Facebook seine Followerzahlen drückt. Der Grund, so Schamberger, könnte auch sein, dass im "Kampf gegen Fakenews" alles was nicht von "großen Medienhäuser kommt, sondern von Privatpersonen, der nicht als Journalist anerkannt ist, dann in der Aufmerksamkeit und in der Reichweite eingeschränkt werden soll."

Facebook schweigt sich aus

Über das Wochenende hat Schamberger mehrfach seine Nutzerdaten bei Facebook angefragt. Das ist eigentlich ein normaler Vorgang. In der Regel schickt Facebook nach wenigen Stunden ein File mit den gesamten Nutzerdaten - Schamberger wartet darauf seit Tagen. Gegenüber Netzpolizik gab Facebook an, dass es sich bei Schamberger um einen großen Account mit zahlreichen Freunden und Followern handle, weshalb die Auswertung länger dauere. Im Gegensatz zu der Aussage hätten vergleichbar traffic-reiche Accounts am Wochenende ihre Nutzerdaten trotzdem nach wenigen Stunden erhalten. Wieso, das sagt Facebook nicht.

Kerem Schamberger wartet jetzt auf die Vorladung vor Gericht. Er wollte mit dem Posten der Flaggen einen Prozess erwirken, damit geklärt wird, welche "Bündnispartner der Deutschen wirklich Terroristen sind". Er freue sich auf den Prozess sagt er und wirkt dabei weniger wie ein Staatsfeind, sondern viel mehr wie ein extremer Linker, dem Facebook seine Follower wegnimmt und den die Polizei um sechs Uhr morgens aus dem Bett geholt hat.


19