Pussy Riot - Tag X "Diese Videos haben uns alle verändert"
Anastasia Gorokhova sprach mit der bekannte russischen Fotografin Ljdumila Zinchenko über Pussy Riot, den Glauben und darüber, was die Kunst-und Kulturelite in Russland zur Unterstützung der drei jungen Frauen macht.
Was denken Sie zum Thema über Pussy Riot und speziell die Aktion in der Christus-Erlöser Kathedrale?
"Ich betrachte das Ganze nicht nur als Künstlerin und Fotografiedozentin, sondern auch als orthodoxe Christin. Als ich im Winter das Video von der Aktion in der Kathedrale gesehen habe, war ich sprachlos. Meine Kollegen und ich, wir haben uns lange gefragt: Was ist das - Kunst oder politische Aktion? Oder Beides? Ich glaube, das kann man erst richtig einschätzen, wenn etwas Zeit vergangen ist. Die Köpfe müssen abkühlen. Aber als Gläubige denke ich: Das alles wäre ohne den Willen Gottes nicht passiert. Man hätte sie schon am Eingang der Kathedrale aufgehalten. Aber es ist anders gekommen: Drei junge Mädchen haben das ganze Land auf den Kopf gestellt. Sie haben sehr wichtige Themen an die Oberfläche gebracht, die teilweise vergessen und todgeschwiegen wurden. Diese 40 Sekunden Video haben uns alle verändert."
Ljudmila Zinchenko
Gehen Sie zum Gericht - was erwarten Sie?
"Ich erwarte nichts Gutes. Wenn wir eine gerechte Staatsmacht hätten, wäre es gar nicht erst so weit gekommen. Auch nach einer Festnahme wären sie inzwischen längst wieder frei. Viele sagen jetzt: Auch wenn sie nicht ins Gefängnis müssen: Wie sollen sie weiter in diesem Land leben?"
Ljudmila Zinchenko
Katja Samuzewitsch, eine der Angeklagten, ist Studentin an der Fotografieschule gewesen, an der Sie unterrichtet haben. Wussten Sie von ihrer politischen Aktiviät und was denken Sie über sie?
"Ja, Katja hat bei uns studiert. Sie war eigentlich sehr in sich gekehrt, eher still - im Gegensatz zu vielen Künstlern - Katja hat am Ende ihres Studiums sehr viel an sozialen Internetprojekten gearbeitet und an politischem Aktionismus. Über Pussy Riot wussten wir Dozenten nichts. Dann hab ich sie da im Gerichtssaal gesehen… Lange dachte ich: Es ist unangemessen, dass die Mädchen da immer lachen. Andererseits, was hätten sie tun sollen, es war wohl eine Schutzreaktion. Und jetzt, als ich ihre letzten Worte vor dem Urteilsspruch gehört habe, habe ich drei reife, sehr kluge, starke und vor allem mutige Frauen gesehen, die mich sehr bewegt haben. Obwohl sie so vieles durchmachen mussten, stehen sie zu ihren Ansichten. Diese Aktion in der Kathedrale - das war einfach eine Albernheit, und das, was jetzt passiert, ist wie eine Performance ohne Ende, absurd, eine Tragödie."
Ljudmila Zinchenko
Wir wissen, dass vor allem internationale Musiker Pussy Riot unterstützen. Wie ist es mit den Fotografen?
"Ich weiß, dass unsere Fotografen Pussy Riot gut finden. Aber es war sehr wichtig, dass wir unsere Meinung auch als Institution äußern, als Rodchenko-Schule. Schließlich ist eins der Mädchen hinter Gittern unsere Absolventin. Alle haben gewartet, bis die Direktion den Mund aufmacht. Das ist nicht passiert. Und dann habe ich letzte Woche eine E-Mail an alle geschrieben, dass wir einen Brief mit Unterschriften verfassen müssen. Zuerst haben nur wenige reagiert, aber nach drei Tagen haben dann doch alle unterschrieben. Der Text zur Unterstützung steht online auf der Homepage der Zeitung Novaya Gazeta mit 600 Unterschriften zu lesen."
Ljudmila Zinchenko
Gehen Sie zum Gericht und wie - mit Symbolik, Plakaten?
"Ich habe hier ein Plakat zur Unterstützung von Pussy Riot. Ich bin alleine damit zur Kathedrale gelaufen und stand dort damit, wurde von so genannten Gläubigen beschimpft und bedroht. Damit gehe ich heute zur Urteilsverkündung. Ich glaube diese Worte erklären alles, was gerade hier passiert…"
Ljudmila Zinchenko
"Über dem Gesetz kann nur die Liebe stehen, über dem Recht nur Gnade, über der Gerechtigkeit - nur Vergebung. Alles auf der Welt hat Grenzen, nur der Barmherzigkeit nicht."
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