Bayern 2 - Zündfunk


6

Warum läuft die Hilfe nach dem Hurricane so schleppend? "Puerto Rico ist immer noch eine Kolonie"

Die Lage in Puerto Rico ist dramatisch. Trotzdem läuft die Hilfe nur schleppend an - und das obwohl Puerto Rico ein Außengebiet der USA ist. Wir haben Julio Rivera-Saniel, den bekanntesten TV-Moderator der Insel, gefragt, was da gerade schiefläuft.

Von: Florian Schairer

Stand: 29.09.2017

Rettungskräfte machen sich am 20.09.2017 auf das Eintreffen des Hurrikans «Maria» in Humacao (Puerto Rico) bereit: zwei umarmen sich | Bild: dpa-Bildfunk/Carlos Giusti

Nach dem Spanish-American-War 1898 fiel die spanische Kolonie Puerto Rico an die USA und sie hat immer noch einen speziellen Status: Puerto Rico ist kein Bundesstaat der USA, sie dürfen auch nicht den Präsidenten mitwählen, sie haben einen Kongressabgeordneten ohne Stimmrecht. Sie müssen aber Steuern zahlen, haben den Dollar und Puerto-Ricaner haben ab der Geburt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie sprechen mehrheitlich spanisch. Doch die Hilfe für diese Amerikaner auf amerikanischen Boden verlief deutlich schleppender als in Florida und Texas. Dabei sind die Zerstörungen nach dem Hurricane dramatisch.

Julio Rivera-Saniel ist Journalist, Fernseh- und Radiomoderator. Er ist das Gesicht der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, sozusagen der Claus Kleber Puerto Ricos. Wir haben ihn gefragt, was in seinem Land gerade passiert.

Zündfunk: Die Bilder aus Puerto Rico in den letzten Tagen waren dramatisch. wie ist die Situation jetzt?

Julio Rivera-Saniel

Julio Rivera-Saniel: Es wird zwar jeden Tag besser, aber es geht viel zu langsam. Der Hurricane Maria ist fast zwei Wochen her und wir haben immer noch große Probleme. Internet, Telefon und Handy funktionieren nur in und um die Hauptstadt San Juan. im Süden, Westen und Osten der Insel gibt es überhaupt kein Netz. Es ist ein „schwarzes Loch“ ohne jede Kommunikationsmöglichkeit. Strom und fließendes Wasser gibt es nur in einem Drittel des Landes. Im Hafen von San Juan gibt es zwar Benzin und Diesel, aber die Verteilung gelingt nicht – die Menschen müssen Stunden lang warten und übernachten sogar an den Tankstellen, nur um ein bisschen Benzin und Diesel zu bekommen für ihre Autos und Generatoren.

Vor drei Tagen gab es einen sehr emotionalen Appell der Bürgermeisterin von San Juan, die mit Tränen in den Augen erzählt hat, dass bereits Menschen in Krankenhäusern gestorben sind, weil der Diesel für die Notstromaggregate fehlt. Ist das Problem gelöst?

Das wird jetzt erst gelöst. Der US-Katastrophenschutz Fema und die Nationalgarde haben erst vor drei Tagen damit begonnen die Krankenhäuser mit Diesel zu versorgen, so dass das größte Krankenhaus in San Juan jetzt wieder Strom hat.

Das hat dann aber viel Zeit gebraucht, eine Woche. In Florida und Texas ging das alles viel schneller und Trump hat sich damit gebrüstet, wie gut alles läuft. Warum hat das in Puerto Rico so lange gedauert?

Ich verstehe das auch nicht und das ist die große Frage. Auch in unserer Sendung war das immer Thema und viele haben das öffentlich beklagt: Amerikanische Kongressabgeordnete, Musiker wie Jennifer Lopez, Mike Anthony und Ricky Martin, und der General, der für die Katastrophenhilfe beim Hurricane Katrina zuständig war. Wir hoffen, dass sich die Strategie ändert und es in den nächsten Stunden besser wird.

Jetzt hat die US-Regierung in Florida ja gezeigt, dass sie sehr gut helfen kann, wenn sie will. Aber als Puerto Rico Trump um Hilfe gebeten wurde hat er erstmal die Staatschulden des Landes bemängelt. Gleichzeitig hat er sich zunächst geweigert den Jones Act auszusetzen, der ausländischen Schiffen verbietet den Hafen von San Juan anzulaufen. Steckt da vielleicht sogar eine politische Agenda dahinter?

Ich habe mit einem demokratischen Kongressabgeordneten aus New York gesprochen, der in Puerto Rico geboren ist. Er hat mir erzählt, dass der Kongress ein Hilfspaket für die Insel verabschieden will, dass aber die Mitglieder der Tea Party da nicht mitziehen, im Gegensatz zu den gemäßigten Republikanern und Demokraten. Da wird tatsächlich Politik mit einer Katastrophe gemacht. Aber ich denke, der öffentliche Druck ist zu groß. Deshalb kommt Trump auch nächste Woche, und es wird besser, aber ich finde zu spät.

Viele US-Amerikaner wissen laut Umfragen gar nicht, dass Puerto Ricaner amerikanische Staatsbürger sind. Fühlen sie sich wie Amerikaner zweiter Klasse?

Das kann man schon so sagen, denn wir sind geborene US-Amerikaner, haben aber nicht die gleichen Rechte. Und wir werden auch als Bürger 2. Klasse behandelt. Es gibt sogar Kongressabgeordnete, die nicht wissen, dass wir zu den USA gehören und das ist manchmal ein Problem.

Die Situation von Puerto Rico scheint aus der Zeit gefallen, als gäbe es noch Kolonien…

…meiner Meinung nach sind wir eine Kolonie. Da gibt es gar keine Zweifel: wir sind eine Kolonie. Auch wenn es die USA so nicht nennen kann, denn laut Völkerrecht wäre das illegal. Aber wenn man die Rechtslage mit den USA analysiert, sind wir trotzdem eine.

Wann wird sich das ändern?

Das liegt in den Händen der USA. Und die Republikaner haben kein Interesse da etwas zu ändern. Trump hat im Wahlkampf zwar mal gesagt, dass er den Willen der Puerto-Riicaner akzeptieren würde. Aber als Präsident sieht das vielleicht wieder anders aus. Im Wahlkampf wird immer viel versprochen.


6