Bayern 2 - Zündfunk

Popcornpiraten Warum die Piraten so viele Popcorn-Momente liefern

Kein Tag vergeht mittlerweile ohne eine Negativmeldung über die Piratenpartei. Die kuriosesten Meldungen und Fundstücke sammelt ein Medienwissenschaftler in seinem Blog "Popcornpiraten".

Von: Christian Schiffer Stand: 11.09.2012
Parteitag der Piraten am 29.04.2012 vor der Neumünster Holstenhalle | Bild: picture-alliance/dpa

Protokoll der Aufstellungsversammlung für den Direktkandidaten für den Wahlkreis 295 (Zollernalb-Sigmaringen):

Tagesordnungspunkt 5: Aufruf zur Einreichung von Wahlvorschlägen

Kurt Kreitschmann gegen Erwin Phillipzig

So heißt das Duell, das Anfang September ausgefochten wird. Es geht darum, wer für die Piraten bei der Bundestagswahl 2013 im Wahlkreis 295 antreten darf. Die Bewerber stellen sich vor und werden dann von der Basis befragt. Etwa was sie von der Politik von Israel halten:

Beide Kandidaten denken, dass dieses Thema sehr heikel ist.

Oder welche Themen aus dem Grundsatzprogramm sie aufzählen können:

Beide: Gar keins.

Und wie sie wichtigen Piratenthemen, etwa der Vorratsdatenspeicherung, stehen:

"Dazu habe ich mich nicht genug informiert."

Kurt Kreitschmann

"Man muss nicht alles speichern."

Erwin Phillipzig

Blogbusterkino von Piraten | Bild: picture-alliance/dpa
Caspar Clemens Mierau, Blogger

Keiner von beiden weiß was im Piraten-Programm steht. Nachprüfen kann man das im Netz, im offiziellen Protokoll der Wahl-Sitzung. Solche Nachrichten und Fundstücke sammelt der Medienwissenschaftler Caspar Clemens Mierau auf seinem Blog „Popcornpiraten“.

"Ich saß vor dem Rechner und mir viel auf, dass man es von der Piraten allerlei lustige Nachrichten gewohnt ist, Popcornnachrichten eben. Allerdings rauscht vieles an mir vorbei, deswegen wollte ich einen Filter haben, um am Abend gesammelt diese Nachrichten zu lesen. Das Ganze ist dann auf ein großes Echo gestoßen, auch bei den Piraten selbst."

Caspar Clemens Mierau, Medienwissenschaftler

Wie im Blogbusterkino

Die Piraten produzieren so einiges an Popcorn, genau wie im Blogbusterkino könnte man sich mit einem riesigen Eimer davon zurücklehnen und ihnen beim Politikmachen zusehen, geboten wird oftmals Entertainment pur. Doch es sind nicht nur Skurrilitäten mit denen die Piraten auf sich aufmerksam machen: Erst gestern sorgte der Gründer der schwedischen Piratenpartei für Wirbel mit seiner Forderung, den Besitz von kinderpornographischem Material zu legalisieren. Auch anti-feministische und rechte Äußerungen irritieren immer wieder die Öffentlichkeit und die eigene Basis. Und vor allem gibt es immer wieder Streit: Etwa um die Atomenergie, um die Wirtschaftspolitik oder das Urheberrecht. Popcornpiraten-Gründer Caspar Clemens Mierau war vor einigen Jahren selbst kurzzeitig Mitglied in der Partei. Er glaubt, dass Streit bei den Piraten schneller sichtbar wird als anderswo.

"Das öffentliche Austragen von Konflikten ist eins der Themen der Piraten, man versucht ja schließlich transparent zu sein. Einerseits befindet man sich in einer Selbstfindungsphase, in der man ein Programm sucht. Gleichzeit trägt man diese Selbstfindungsphase aber auch nach außen, denn das ist auch Programm der Piraten. Das sorgt auch dafür, dass Dinge an die Öffentlichkeit gelangen die in anderen Parteien im Hinterzimmer stattfinden. Und das ist an vielen Stellen dann oft einfach lustig."

Caspar Clemens Mierau, Medienwissenschaftler

Dafür, dass es lustig bleibt, sorgt auch die Führung. Als vor ein paar Wochen ein Arbeitskreis einen Flyer produzierte, der für die Nutzung von Atom-Energie warb, mahnte der Bundesvorstand die Abweichler kurzerhand ab. Nach Kritik an diesem rigiden Vorgehen, gab er wieder klein bei. Der souveräne Umgang mit Minderheiten muss noch geübt werden. Allerdings: Auch bei mittlerweile etablierte Parteien wie der Linken oder den Grünen kamen Chaos und Streit in den Anfangsjahren nicht zu kurz. Dass über die Piraten mehr Blödsinn bekannt wird, liegt vielleicht auch daran, dass sie als Newcomer sehr genau beobachtet werden.

"Man kann als Journalist relativ gefahrlos auf die Piratenpartei eindreschen. Da läuft man auch nicht Gefahr Wähler der großen Parteien zu verprellen. Und gleichzeitig liefern sie ständig neues Material nach. Und da alles im Netz steht, kann man das wunderbar zitieren."

Caspar Clemens Mierau, Medienwissenschaftler

Die Piraten wollen transparent sein, müssen dann aber auch mit den Nebenwirkungen leben. So kann die Welt nachlesen kann, wie sie denn nun ausgegangen ist, die peinliche Wahl des Bundestagskandidaten im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen:

Wahlergebnis

Es wurden 3 Stimmzettel abgegeben. Es gab eine Neinstimme und 2 Stimmen für Kurt Kreitschmann. Kurt Kreitschmann nimmt die Wahl an.


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