Maximilian Dorner Über das Outen
Egal, welchen Prominenten - ob Schauspieler oder Fußballer - man googelt: fast immer steht die Anfrage "plus schwul" auf der Liste ganz oben. Scheinbar gibt es ein gesteigertes Interesse an der Frage, wer mit wem im Bett liegt. Der Schriftsteller Maximilian Dorner über das Outen.
Egal, welchen prominenten Mann, ob Schauspieler oder Fußballer, man bei Google eingibt: fast immer steht die Suchanfrage "plus schwul" auf der Rangliste ganz oben. Scheinbar gibt es ein gesteigertes Interesse an der Frage, wer mit wem im Bett liegt. Dazu kommt noch der Kitzel, etwas herauszufinden, was im Extremfall nicht einmal der Betroffene weiß. Dennoch ist dieser Kitzel graduell unterschiedlich, ob es sich um George Clooney oder einen Bundesumweltminister handelt. Aber die Frage der sexuellen Ausrichtung des Protagonisten gibt selbst der etwas lahmen Diskussion über die Energiewende wieder einen Kick. Vielleicht einfach nur, weil im Wort „homosexuell“, die Erregung im Suffix „-sexuell“ gleich mitgeliefert wird. Man kann die Gedanken sofort unter die Gürtellinie wandern lassen ... - Dass auch Homosexuelle nicht 24 Stunden am Tag sexuell sind, dass es auch unter ihnen genug Singles gibt, sogar Frigide oder Asexuelle, ist dann nicht so wichtig.
Alles von der Reihenhaus-Ehe Abweichende ist prickelnd
Diese leichte Erregbarkeit findet medial hauptsächlich auf den überhitzten Boulevards des Sommers statt. Da kann einer homo- oder noch besser bisexuell sein, da kann einer eine Scheinfrau haben oder ein uneheliches Kind... was auch immer, alles von der Reihenhaus-Ehe Abweichende ist irgendwie prickelnd.
Aber auch das gehört zum Outing dazu: heulende Eltern, Ausgrenzung, Mobbing im Beruf, abfällige Bemerkungen und auch Gewalt. Verbal auf dem Schulhof oder körperliche auf der Straße. Auch wenn es in den Hochglanzmagazinen der Republik längst anders ist: „schwul“ ist in weiten Teilen der Bevölkerung weiterhin ein Schimpfwort. Jeder Schwule, jede Lesbe überlegt sich ihr Outing, und welche Kreise es zieht, sehr genau. Und zurecht.
In diesem Widerspruch aus übererregter Liberalität und dumpfem Ressentiment bewegt sich die Diskussion über freiwilliges oder unfreiwilliges Outing: Da gibt es die Befürworter mit ihrer Argumentation, dass man durch kollektives Outen etwas für die Normalisierung des Unnormalen erreichen könnte, und auf der anderen Seite die Gegner, die das Recht auf eine geschützte Privatsphäre gerade denen zugestehen wollen, deren Privatsphäre irgendwie anders geartet ist.
So weit die Theorie. Und nun zu mir:
Ich selbst habe in den letzten Jahren fünf Bücher geschrieben, in denen ich weder explizit behauptet habe, nicht schwul zu sein, aber eben auch nie gesagt habe, dass ich es bin. Behindert und dann noch schwul, das ist zu viel für meine Leser, dachte ich. Meine Standardantwort gegenüber dem Vorwurf, mich verbogen zu haben, lautete deshalb stets: Ich habe mein Schwulsein nicht thematisiert, weil es im Zusammenhang mit meinen Büchern kein Thema war und ist. Und habe in Kauf genommen, dass ich ein paar wunderbare Liebeserklärungen von Leserinnen bekommen habe, aber leider keine einzige von einem Leser.
Wenn ich jedoch für den Zündfunk einen Kommentar zum Thema Outing schreiben und mit meiner eigenen Betroffenheit hinter dem Berg halten würde, so würde ich das irgendwie verlogen finden. Und genauso halte ich es bei einem Minister: Solange er mit gleichgeschlechtlichen Belangen nichts aber auch gar nichts zu tun hat, weil er sich beispielsweise um Windräder oder Schurkenstaaten zu kümmern hat, interessiert mich nicht, ob er Männern oder Frauen auf den Hintern schaut. Wenn dieser gleiche Politiker aber als Bundestagsabgeordneter aus Parteiräson oder irgendwelchen kruden ethischen Begründungen gegen die Gleichstellung schwuler Partnerschaften stimmt, dann halte ich das ebenso für verlogen und finde auch ein Zwangsouting angemessen.
Nun bleibt mir nur noch die Hoffnung, dass sich dieses Outing wenigstens in Form von flammenden Liebeserklärungen von Hörern und Solidaritätsadressen von zugewandten Hörerinnen auszahlt. Denn irgendetwas Gutes muss es haben, sonst ist es wirklich überflüssig.

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