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Wie Jay-Z den verurteilten O.J. Simpson popkulturell wieder relevant macht Der Fall O.J. liefert alles: Sex, Race & Murder

O.J. Simpson sitzt im Gefängnis. Aber ruhig geworden ist es um ihn nicht: Da ist die Serie "The People vs O.J." - neun Emmies und die Doku "Made in America" - ein Oscar. Und auf dem Album von Jay-Z ist der Song "The Story of O.J.". Über das Pop-Phänomen O.J. Simpson.

Von: Sammy Khamis

Stand: 07.07.2017

O.J. Simpson  im Gerichtssaal | Bild: picture-alliance/dpa

"The Story of O.J.", das ist der zweite Song auf Jay-Zs neuer Platte "4:44". O.J.s Geschichte hat mehrere Kapitel. Es geht in dem Song aber weniger um den Footballer O.J. Simpson, auch nicht um den vom Mordverdacht freigesprochenen und später verurteilten Verbrecher O.J., sondern um ein Phänomen - das Phänomen erfolgreicher schwarzer Sportler und Entertainer in den USA. Jay-Zs Punchline: "light nigga, dark nigga, faux nigga, real nigga, rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga - still nigga, still nigga". Egal was für ein "nigga" du bist, du bist immer noch einer.
Und deswegen heißt der Song auch "The Story of O.J." immerhin stammt dieser Satz von ihm: "I’m not black I’m O.J. … okay" - "Ich bin nicht Schwarz, ich bin O.J."

O.J. Simpson, aufgewachsen in einem armen schwarzen Stadtteil San Franciscos hat sich nie mit "seiner Community" beschäftigt. Er hat sich im Profisport nur mit Weißen umgeben, weiße Frauen geheiratet und sich nie politisch geäußert. Auch nicht, als Los Angeles während der Riots 1965 und später 1992 in Flammen stand.

"The Story of O.J.", Autor Jay-Z

Seine Hautfarbe hat O.J. erst wiederentdeckt, als er vor Gericht stand. Damals 1995. Angeklagt war er, weil er seine Frau Nicole Brown Simpson und ihren Geliebten umgebracht haben soll. Als alles nach einer Verurteilung aussieht, spielen seine Anwälte die Race-Card. O.J. sei schon vorverurteilt, so die Verteidiger, weil er eben schwarz sei. Die Geschworenen, mehrheitlich selbst Schwarze, sprechen ihn frei - aus Mangel an Beweisen.

Die Geschichte von O.J. Simpson ist Anlass für Jay-Z über Race, Rassismus und Ungleichheit zu philosophieren: "Wir grenzen uns von unserer eigenen Kultur ab, wenn wir erfolgreich werden. Das ist nachvollziehbar für uns schwarze Amerikaner, die von ganz unten kommen. Bei O.J. sieht man das besonders gut. Er kam in diese Sphäre, in der er sagen konnte: 'Ich bin nicht schwarz, ich bin OJ.' Das gleiche bei Tiger Woods, der sich wohl dachte 'Ich stehe über der Kultur'. Als erfolgreicher Golfer war er geschützt vor Angriffen - dann tauchen Fotos auf, die ihn besoffen zeigen. Und er wird fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel."

So erklärt Jay-Z den "Track the Story of O.J." in einem neunminütigen Film, der mit dem Album veröffentlich wurde. Zu hören sind schwarze Männer, die über Rassismus in den USA sprechen. Dazu sieht man Cartoons mit rassistischen Stereotypen. Das sind die USA 2017, ganz tief drinnen in der Auseinandersetzung um die eigene Geschichte.

Rückblick: In den 1980ern und 90ern lebte Amerika in der Vorstellung des Melting-Pot - also der Idee, dass Menschen aller Kulturen, Hautfarben und Nationalitäten  sich mischen, vertragen und lieben. Michael Jackson wird zum Mega-Star und auch immer weißer. O.J. beendet seine Sportkarriere und wird zum Schauspieler, zur Werbeikone und zur larger than life-Figur. Zeitgleich steigt Bill Cosbys Stern auf. Etwas später auch der von Tiger Woods.

Schwarze Männer, die - so kann man Jay-Z auch verstehen - versucht haben wie ein Chamäleon zu leben. Ihre eigene Hautfarbe vergessen sie, wenn sie sich an die weiße Mehrheit der Amerikaner anbiedern und die eigene community lassen sie im Stich: "Es geht um uns, darum unsere Kultur nach vorne zu bringen. Wir alle scheffeln Geld, wir alle verlieren Geld, vor allem wir Künstler. Es geht darum aus Erfolg etwas bleibendes zu schaffen." Jay-Z und Beyonce, das ist bekannt, kümmern sich um die Community, spenden für die Protestierenden in Ferguson oder die Opfer von Hurricane Katrina.

Post-Rassismus in den USA?

Eigentlich wären die Fälle - von Cosby, dem Vergewaltiger, und Woods, dem Säufer, und O.J., dem Mörder - Boulevard. Aber wenn Jay-Z darüber rapt vermittelt er: Hätten die drei sich um ihre Community gekümmert, dann stünden sie heute nicht so alleine da.

Dass O.J. Simpson in den letzten Jahren im Rap und Filmen viel rezipiert und diskutiert wird, liegt an seiner Lebensgeschichte, seinen Verbrechen und dem Wunsch der – vor allem Weißen in USA, in einer Gesellschaft ohne race ohne Hautfarbe zu leben. Die letzten Jahre voller Polizeigewalt, struktureller Benachteiligung und der Wahl Donald Trumps zeigen aber: Post-Rassistisch ist in den USA wenig. Deswegen bemüht Jay-Z die Rhetorik des Widerstandes der schwarzen Bevölkerung - also "biedert euch nicht an" und "werdet keine House Negroes". Und dafür nimmt er den Umweg über O.J.?! Okay.


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