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Last ones standing Occupy Frankfurt, seit über 90 Tagen

Der Zuccotti Park in New York wurde Mitte November geräumt, vor einer Woche dann auch das Occupy Camp in Berlin. Doch in Frankfurt steht das Camp noch in der Grünanlage vor der Europäischen Zentralbank, unter dem riesigen Eurozeichen. Der Grund: die Frankfurter Stadtverwaltung billigt die als Dauermahnwache gemeldete Zeltstadt zwischen den Bankentürmen. Doch wer harrt dort überhaupt noch den Zelten aus? Laura Freisberg hat das Frankfurter Occupy Camp am Tag 91 besucht:

Autor: Laura Freisberg Stand: 03.02.2012
Occupy | Bild: BR

Jule ist 21 Jahre alt, studiert in Frankfurt Pädagogik und Politik und ist seit dem 15. Oktober dabei. Sie und ihre Freundin Yvonne sehen ganz und gar nicht so aus, wie man sich dauercampierende Aktivisten vorstellt: Zu Skinnyjeans tragen sie Stiefeletten und bauschige schwarze Jacken. Heute sind sie nach der Uni mal kurz vorbei gekommen ins Occupy-Camp. Wie viele hier wirklich noch Tag und Nacht leben, können sie gar nicht genau sagen. Die Zelte stehen dicht zusammengedrängt und wetterfest auf Holzpaletten und unter extrastarken Planen. Die Kälte sei nicht das Problem, erklären die Mädchen. Auch sie haben noch ein Zelt im Camp stehen, übernachten aber nur noch manchmal dort.

Die Zelte im Frankfurter Bankenviertel

Neben Schulklassen, Journalisten und Touristen die neugierig durch das Camp spazieren, ist es auch für Obdachlose, für Menschen unterhalb der Armutsgrenze eine  Anlaufstelle geworden. Manche holen sich auf dem Rückweg von der Tafel einen Kaffee für umsonst. Für Yvonne und Jule ist das Campieren im Namen von Occupy daher auch ein großes soziales Experiment, erklärt Jule:  

"Wenn man hier länger ist und sich mit den Leuten auseinander setzt und nicht gleich vorurteilsbelastet den Leuten gegenübertritt, sondern ihnen halt eine Chance gibt, wie jeder andere auch, egal ob er jetzt irgendwie Lumpen anhat oder so wie wir aussieht – die Vorurteile haben einfach keine Chance. Und wie geil ist das denn, das macht mich so glücklich. Da braucht man schon gar nicht mehr fragen: Was habt ihr erreicht?"

Jule Occupy Aktivistin

Das Infozelt am Eingang des Camps

Im Küchenzelt steht Markus, 27 Jahre alt, mit Mütze, grauer Steppjacke und Handschuhen im niedrigen Küchenzelt. Zurzeit sind sie zu dritt in der Campküche, bereiten sie auf Gaskochern das zu, was die Frankfurter Occupisten von Unterstützern geschenkt bekommen. Neben dem Küchenzelt das Essenslager, mit Regalen voller Plastikpaletten. Er erzählt: "Wir haben hier alles abgeklebt und so weiter, aber wenn ich hier nicht stehe, sitzen die Tauben im Essenszelt und picken im Brotkorb rum. Also in der nächsten Woche muss sich drastisch was ändern wegen den Viechern, sonst ist es hier hygienisch am Rande des Erträglichen.“

Internationale Küchen Crew

Markus ist von Anfang an dabei gewesen, im Frankfurter Occupy Camp – die ganze Zeit im Küchenzelt. Touristen oder Schulklassen durch das Camp führen, oder Schilder für Demos malen, das überlässt er lieber andern. Weil Markus aber eine Bäckerlehre macht, verbringt er meist nur die Wochenenden im Camp – und seinen Urlaub. Und das, obwohl er schon manchmal genervt ist: weil es doch immer wieder Leute gibt, die andere ihren Dreck wegputzen lassen. Weil es Streit gibt, ob Tauben, Ratten und Mäuse auch was zu Futtern abkriegen sollen oder nicht. Was bringt der Stress und das Zelten im Winter - seiner Meinung nach?

"Ich kann nicht sagen, inwieweit bei all den Menschen die einem auf der Straße begegnen, da im Kopf sich was verändert und inwieweit Occuppy dazu einen Beitrag leisten kann. Wir müssen dann einfach blind unsere Arbeit machen, ohne Forsa-Umfrage. Dann eben auf das Beste hoffen. Und da darf das Camp eben nicht 20 Meter vor seiner Grenze aufhören. Das gehört  auch zu der Selbstkritik, die man am Camp üben muss, dass der Aktionsradius zu gering ist. Es gibt einen AK Wirtschaft, ich war da auch noch nie, ich mach hier meine Küche, selbst wenn eine Demo ist, die Leute brauchen was zu essen. Ich hab hier meine Funktion in dem Camp und die hat Vorrang vor allem anderen."

Markus Occupy Aktivist

Wie erfolgreich Occupy bisher ist, bei dieser Frage gehen die Antworten von Jule und Markus auseinander. Aber beiden wollen sie so lange wie möglich auf dem Platz vor der Europäischen Zentralbank bleiben, beziehungsweise immer wieder hierher kommen. Nachts frieren zwar nur noch wenige in ihren Zelten, doch als Symbol ist die Zeltstadt noch wirksam, gerade weil sie zwischen all den gläsernen Banktürmen so unordentlich aussieht.