Bayern 2 - Zündfunk

Fiktive Epidemie "Krieg der Welten" in Regensburg

Epidemie in Regensburg! Mit bis zu 4.000 Todesfällen - meldet der Nachrichtensender n-cc. Was als studentisches Kunstprojekt gedacht war, ist nun ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Orson Welles' "Krieg der Welten" lässt grüßen.

Von: Laura Freisberg Stand: 03.08.2012
Fake-Nachrichtensendung auf n-cc (Screenshot) | Bild: www.n-cc.eu

"Herzlich Willkommen bei n-cc. Regensburg - Die Zahl der Todesopfer reißt nicht ab. Inoffiziell spricht man schon von fast 4.000 Verdachts- und Todesfällen. Weiterhin ist die genaue Ursache ungeklärt. Allerdings verhärtet sich der Verdacht auf eine Epidemie, auch wenn ein Terroranschlag nicht auszuschließen ist. Es berichtet unser Korrespondent aus Regensburg."

Fake-Nachrichtensender n-cc

Eine langmähnige, blonde Moderatorin mit Schlafzimmerblick vor rostrotem Studiohintergrund und Außenaufnahmen, die Regensburgs Straßen zeigen - so beginnt das Video des Fake-Nachrichtensenders n-cc.

"Im Minutentakt fahren die Krankenwägen neue potentiell Infizierte an und die Klinikmitarbeiter sind so hilflos wie die Erkrankten, erzählen uns die Angestellten. Ein Horrorszenario, hier in der Kulturstadt Regensburg."

Fake-Nachrichtensender n-cc

In der Machart erinnern die Videos des Studentenprojektes an eine Mischung aus CNN für Arme und Imagevideos für Kleinstädte, mit einer hochwertigen Kamera gefilmt, aber grauenhaft getextet. Angelegt war das Kunstprojekt auf drei Tage, stündlich hätten Nachrichten mit immer absurderen Meldungen hochgeladen werden sollen. Am Schluss wären dann sogar noch Außerirdische aufgetaucht. Doch schon am ersten Tag war nach acht Stunden Schluss, am Nachmittag riefen zwei Regensburger besorgt bei der Polizei an. Und die forderte die Studenten telefonisch auf, sofort alle Videos aus dem Internet zu entfernen. Stefan Hartl ist der Pressesprecher der Polizeidirektion Oberpfalz, die für den Fall "Krieg der Welten in Regensburg 2012" zuständig ist. Seiner Meinung nach könnte so eine falsche Horrormeldung schlimme Folgen haben:

Die Polizei sieht rot

"Naja, es wäre zum Beispiel vorstellbar, dass Menschen auf die Straße laufen, dass beispielsweise bestimmte Plätze dadurch überfüllt wären, dass es dadurch zu Verletzten, möglicherweise zu Toten kommt. Also, das wären alles mögliche Szenarien, die sich da ergeben könnten."

Stefan Hartl, Pressesprecher - Polizeidirektion Oberpfalz

Aber wie realistisch ist das denn, dass die Leute dann so reagieren. Also: wenn ich jetzt hören würde, da ist ein Virus ausgebrochen, dann verschanze ich mich ja eher daheim.

"Ich denke mal, dass die Leute unterschiedlich darauf reagieren. Es war eben nicht klar, oder nicht abschätzbar, welche Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger erfolgen werden und deshalb haben wir uns entschlossen, sofort an die Verantwortlichen heranzutreten und denen zu sagen, sie sollen das Video vom Netz nehmen."

Stefan Hartl, Pressesprecher - Polizeidirektion Oberpfalz

Kunstprojekt mit Folgen

Falsche Experten streiten sich über den Ernst der Lage in Regensburg auf dem Fake-Nachrichtensender n-cc

Dennis Perzl und Manuel Maria Berger sind die Macher dieses Kunstprojekts: ihr didaktischer Ansatz: die Leute sollen ihren Medienkonsum überdenken. Nicht immer nur liken, posten und teilen. Nicht alles glauben, was halbwegs seriös rüberkommt. Verbreitet haben sie ihre Videos nur über YouTube und Facebook. Dass irgendwer darauf reinfallen könnte, damit haben sie schon gerechnet, aber nicht, dass die Polizei plötzlich mit der Staatsanwaltschaft droht, sagt Autor Manuel Maria Berger:  

"Da wir gegen kein Gesetz verstoßen, dachten wir eigentlich schon, dass wir bis zum Ende ausstrahlen können. Jemand, der das hinterfragt, dem ist sofort klar: das ist nicht wahr, das ist ein Filmprojekt. Es stand auch dreimal im Impressum drin. Wir haben es einmal normal hingeschrieben, dass es ein transmediales Kunstprojekt ist, dann ein bisschen verschärfter und zum Schluss haben wir ganz böse noch geschrieben: also, Leute, wer das wirklich glaubt, der sollte dringend einen Kurs zu Medienkompetenz belegen."

Manuel Maria Berger

Das Problem: Die Leute, die die Regensburger Studenten zu einem kritischeren Umgang mit YouTube-Videos erziehen wollten, gucken vermutlich gar nicht erst ins Impressum. Und bis zu der Stelle, wo die Videos richtig absurd werden und quietschgrüne Aliens auftauchen, ist das Kunstprojekt nicht veröffentlich worden.  Aber auch Stefan Hartl, der Pressesprecher der Polizeidirektion Oberpfalz möchte erziehen:

"Ich hoffe natürlich, selbst wenn jetzt die Staatsanwaltschaft sagt, es liegen keine Straftaten vor, dass den beiden jetzt mal bewusst geworden ist, dass es sich dabei nicht um einen Scherz handelt, sondern dass das eben die Bürger verunsichert, dass es zu Panikreaktionen kommen kann – und ich denke, das ist nicht in ihrem Sinne."

Stefan Hartl, Pressesprecher - Polizeidirektion Oberpfalz

Da kann jeder was lernen

Orson Welles (oben links) während der Übertragung des Hörspieles "Krieg der Welten", 1938

Der Fall "Krieg der Welten 2012" in Regensburg zeigt: Fakevideos über vermeintliche Terroranschläge finden die Behörden gar nicht witzig. Der Sender, der 1938 die Hörspielfassung von "Krieg der Welten" ausstrahlte, wurde von Hörern wegen der Zumutung von "Seelenqualen" verklagt – ohne Erfolg. Die Staatsanwaltschaft hatte Orson Welles aber nicht am Hals. In Sachen Medienkompetenz haben manche Menschen seitdem offensichtlich nicht viel dazugelernt.


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