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Nazibraut goes Instagram Was hinter der Nazi-Romantik von Fräulein Hess steckt

Plumpe Hakenkreuz-Symbolik war gestern - rechtsextreme Ideologien verbreiten sich heute implizit im Netz: durch junge, rechte Frauen. Sie inszenieren sich selbst mit Natur-, Food- und sexy-Braut-von-nebenan-Ästhetik auf Instagram, Tumblr oder YouTube. Eine rechte Emanzipationsbewegung?

Von: Elisabeth Veh

Stand: 20.04.2017

Screenshot vom Fräulein Hess Tumblr | Bild: Screenshot Fräulein Hess Tumblr

Um den "Nipster", den Nazi-Hipster in Skinny-Jeans, Ringelshirt und Ray-Ban Brille, rankten sich ja lange Legenden – gibt es ihn wirklich, oder ist er nur ein Konstrukt der Medien? Seitdem die Identitäre Bewegung versucht, mit hip daherkommenden Aktionen und im Netz auf ihr fremdenfeindliches, rechtsextremes Weltbild aufmerksam zu machen, ist zumindest diese Frage geklärt. Was hingegen weiterhin widersprüchlich ist: Die Rolle vieler Frauen in der rechten Szene. Die hat sich verändert. Die neuen, jungen rechten Frauen inszenieren sich jetzt selbst - im Netz.

Das sieht man gut am Beispiel des Tumblrs "Fräulein Hess". Vor einer Woche war "Fräulein Hess" offenbar romantisch drauf. Da postete sie ein Bild von geblümten Vintage-Tässchen, drapiert auf einem kleinen Stapel alter Bücher, mit rosa Schleife und frischen Schnittblumen. Es geht auch viel um Flechtfrisuren, um Fitness, um Mutterschaft und um gesunde Ernährung. Wir sehen also viele Zöpfe, viele trainierte Ärsche und: viel Müsli. "Fräulein Hess" könnte so ein klassischer Instagram-Pinterest-Foodie-Hipster sein, wenn nicht zwischendurch mal eine Frau eine Strickmütze mit Hakenkreuz drauf tragen würde. Wenn nicht die Nazi-Pilotin Hanna Reitsch die Hand zum Hitlergruß heben würde. Oder ein NS-Offizier im Wald knutscht.

Subversiv und sexy - das ist neu

Die Nazi-Romantik von Fräulein Hess ist beim genauen Hinsehen ebenso wenig Zufall wie ihr Name. "Fräulein Hess will uns sagen, dass es heutzutage sehr modern sein kann, sich rechtsextrem zu inszenieren und trotzdem superstylisch zu sein," sagt Esther Lehnert. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin und Rechtsextremismusexpertin. Zusammen mit Heike Radvan hat sie Ende vergangenen Jahres das Buch "Rechtsextreme Frauen" veröffentlicht. Seiten wie die von "Fräulein Hess" kennt sie einige. Junge Frauen inszenieren da ihre rechte Weltanschauung – und zwar über sich selbst. Mit Filter, subversiv und sexy. Das ist neu, sagt Esther Lehnert, bisher konnten sich selbstbestimmte, und vor allem sich-sexy-inszenierende Frauen in der rechten Szene nie lange halten. Das passt zu einem absurden Phänomen, das Esther Lehnert seit einiger Zeit beobachtet: Die Selbstermächtigung von Frauen in der rechten Szene. Das funktioniert, sagt Lehnert: "Ich glaube, dass sie sehr anschlussfähig sind und damit natürlich sehr erfolgreich."

Absurd ist diese neue Rolle trotzdem: weil es eine Emanzipation ist, die gleichzeitig rassistisch und antifeministisch ist. Darüber stolpert selbst die Expertin Esther Lehnert zuweilen: dass Frauen so offen antifeministische Positionen einnehmen und das gleichzeitig Teil ihrer eigenen Selbstermächtigungsstrategie ist. "Das heißt, nicht in Solidarität mit anderen und sowieso nicht in Solidarität mit anderen Frauen, die der Volksgemeinschaft nicht zugehörig sind. Die dortige Selbstermächtigung ist also immer gepaart mit Ideologien der Abwertung anderer."

Postergirl der Identitären

Melanie Schmitz, Postergirl der Identitären, singt hier in einem Youtube-Video gegen Jennifer Rostock an

Sprechen wir also über Melanie Schmitz. Sie ist so etwas wie das Postergirl der Identitären Bewegung geworden. Und sagt zwar einerseits, dass sie sowas wie Feminismus nicht braucht, fordert aber andererseits mehr Engagement für Frauen, auch von Frauen – allerdings nur bei einem bestimmten Thema: wenn es um Sexualstraftäter aus dem Ausland geht. Wenn Melanie Schmitz gerade nicht auf einer Demo zur Grenzschließung aufruft oder mit "Kontrakultur Halle" Pfeffersprays an deutsche Frauen verteilt, dokumentiert sie ihr Leben auf Instagram – von der Frühstücksavocado bis zum Faschingskostüm – oder singt gegen Jennifer Rostock an.

Die Identitäre Bewegung hat in einem internen Schreiben dazu aufgerufen, bei der Dokumentation der Aktionen vorzugsweise Frauen medienwirksam im Bild zu platzieren – das berichtet die taz. Und Martin Sellner, der Kopf der österreichischen Identitären Bewegung, sagte im Interview mit jetzt.de, er sei den jungen Frauen "sehr dankbar" für ihr Engagement. Von einer Instrumentalisierung à la NPD, die irgendwann ja auch kapiert hat, dass Frauen beim braunen Infostand besser ankommen als aggressive Glatzen, will Esther Lehnert heute aber nicht sprechen. Im Gegenteil: Da sei es keine Instrumentalisierung, die wollten das so. "Die machen das gerne. Die finden das super."  

Auf den ersten Blick "ganz unschuldig"

Heute wird subtil im Netz für rechte Ideologien geworben. Früher sah das so aus: junge Frauen jubeln 1938 Adolf Hitler zu.

Dabei sparen sich die neuen, rechten Frauen plumpe Hakenkreuz-Symbolik, die illegal ist und vielleicht auch abschreckend wirkt. Eine Studie der Jakobs Universität Bremen hat vor kurzem herausgefunden, dass "rechtsextreme Ideologien im Internet nicht etwa allgemein öffentlich verbreitet werden, sondern nur versteckt und implizit". So zum Beispiel auf frauenpanorama.de, auch so einer rechten Frauen-Seite. Da gibt es Dating-Tipps und Strategien, wie man den Ex zurückbekommt. Zwischendrin wird gegen Merkel gehetzt und die Angst vor Flüchtlingen geschürt, Frauen aus der rechten Szene geben in Interviews die besorgten Mütter. Experten nennen solche Seiten '"cloaked" - also verhüllt, auf den ersten Blick "ganz unschuldig". Und das klingt in Bezug auf rechte Frauen bekannt - man müsse nur daran denken, wie Beate Zschäpe dargestellt wird, sagt Esther Lehnert. Niemand fragte sich bei den männlichen Mitangeklagten: Warum hat Herr Wohlleben diese Verbrechen mitgeplant und mitbegangen? "Das fragt niemand. Weil es sozusagen eine Logik hat, dass er das als rechtsextremer Mann tut, aber dass es rechtsextreme Frauen gibt, ist so absurd und wenn sie dann auch noch gewalttätig sind, dann klappt das überhaupt nicht mehr, das im Kopf zusammenzusetzen."

Die scheinbare Selbstermächtigung von rechten Frauen im Netz könnte einen ähnlichen Effekt haben. Und der Szene einen modernen, unschuldigen Look verpassen – obwohl sie genau das Gegenteil ist.


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