Bayern 2 - Zündfunk


50

(Sub-)Kulturpolitik in München Volle Fahrt voraus?

Das teure München hat viele Aushängeschilder – Subkultur ist dabei keins davon. Jetzt hat die Stadt eine neue Kultur-Location bekommen: auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke steht ein ausrangierten Dampfer, die MS Utting. Ein Projekt, das der Stadt München so gar nicht ähnlich sieht. Eine Ausnahme oder Grund zur Hoffnung?

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 06.03.2017

MS Utting ist gelandet in Obersendling | Bild: Ann-Kathrin Mittelstraß

Daniel Hahn hat schon Übung. Der 26-Jährige mit dem Trachtenjanker zu den cool-abgeranzten Turnschuhen klettert voraus: über eine Böschung kommt man am schnellsten rauf auf die stillgelegte Eisenbahnbrücke. Hier auf den Gleisen, die zur Münchner Großmarkthalle führen, thront jetzt der trockengelegte Ausflugsdampfer: die MS Utting. Sie sieht größer aus als von der Straße unten, an der Schiffsschraube vorbei geht es zu einer Leiter, die hoch an Board führt. Beim Blick vom Deck nach unten auf die Straße sollte man schwindelfrei sein.

Das Schiff überhaupt auf diese Brücke zu bekommen war ein Kraftakt: in einer Nachtaktion wurde es mit Schwertransportern vom Ammersee nach München gebracht – in zwei Teilen: das Oberdeck musste für den Transport abgeflext werden.

In der Mitte: Daniel Hahn. Mit Kumpels, die grade am Schiff rumschrauben

Aber nun steht das Schiff. Auf einer Brücke. In München. Dem schicken, reichen München, das seit dem Ende der wilden 70er in Schwabing, der coolen „Munich Disco“-Zeit, der blühenden Schwulenszene in den 80ern unter einem subkulturellen Minderwertigkeitskomplex leidet? Und hier erlaubt man einem Mittzwanziger Fitzcarraldo-mäßig ein Schiff als neue Kultur-Location auf eine Brücke zu stellen? Kann man sich nicht ausdenken.

„Ich glaube nicht, dass es einen Wendepunkt gibt“

Aber Daniel Hahn hat ein Faible für außergewöhnliche Spielstätten. Zusammen mit ein paar Freunden hat der Veranstaltungskaufmann den Verein Wannda e.V. gegründet. Ihre Idee: in einer Stadt, die aus allen Nähten platzt, nutzen sie die wenigen übrigen Freiflächen. Auf dem alten Viehhof steht temporär ihr Bahnwärter Thiel, eine Halle rund um einen alten Schienenbus. Hier finden Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Partys statt. Es gibt Discokugeln, Berggondeln und Schiffsschaukeln. Und jetzt also das neue Spielzeug: ein ganzes Schiff. Aber die Arbeit geht jetzt erst richtig los. Zuwege auf die Brücke müssen gebaut werden, auf dem Boot selbst braucht es eine Treppe aufs Ober- und Unterdeck. Außerdem wurde für den Umzug der Innenausbau komplett herausmontiert.

Weil die ganze Kohle für den Transport draufgegangen ist, hoffen Daniel Hahn und sein Team jetzt mit einer Crowdfunding-Kampagne Geld für den Ausbau zusammenzubekommen. Der Plan für die MS Utting ist ambitioniert: Im Mai schon wollen sie das Schiff eröffnen. Im oberen Teil soll es einen Gastronomiebereich geben, im unteren Teil soll eine Kleinkunstbühne für Lesungen oder Konzerten entstehen. Die Stadtpolitik ist begeistert. „Es ist innovativ, es ist außergewöhnlich und es passt gut nach München“, sagt der CSU-Fraktionsvorsitzende im Münchner Stadtrat Manuel Pretzl. „Ich find’s cool.“ Max Leuprecht vom Kulturreferat honoriert den Mut des jungen Veranstalterteams und Antje Jörg erzählt, das ganze Kommunalreferat hat dafür gekämpft, das Projekt möglich zu machen. Es wurden freundliche Briefe an die Deutsche Bahn geschrieben und was normalerweise bis zu einem Jahr dauern kann, ging hier in zwei Wochen durch: die Eisenbahnbrücke braucht wirklich niemand, sie wurde freigegeben.

Dass das alles so schnell ging, hat Tuncay Acar gewundert. Er ist seit 15 Jahren Veranstalter im Kultur- und Nachtleben in München. Er kennt sich aus mit Locations in der Stadt und auch mit Zwischennutzungen. Und er freut sich wirklich für den Bootsbesitzer Daniel Hahn. An eine neue Offenheit für Kultur und Subkultur in München, glaubt er aber nicht. „Ich habe das Gefühl, dass es in der Stadtverwaltung immer noch ein schwieriges Thema ist, Innovation als solche zu begreifen.“ Mit der MS Utting hätte das jetzt funktioniert, das sei aber seiner Erfahrung nach leider eine Ausnahme. „Ich glaube nicht, dass es damit jetzt einen Wendepunkt im Umgang der Stadt mit so verrückten Ideen gibt.“

Der Anker ist geworfen

Ähnlich sieht das auch Matthias Hirth. Er ist Autor und Mitbetreiber der Favorit-Bar in München. Letztes Jahr hat er mit anderen Kulturschaffenden die Veranstaltungsreihe Monokultur München gegründet. Darin thematisieren sie den Mangel an Freiräumen in München - sowohl was Quadratmeter, als auch was geistige Freiräume für Subkultur in München angeht. „Das ist eine Mischung aus bayerischer Selbstzufriedenheit, dem vollverwirklichten Neoliberalismus in dieser Stadt und den hohen Mieten, die irgendwie einen bestimmten Münchner Menschen schafft, der sehr konsumorientiert und wenig experimentierfreudig ist.“

Win-Win-Situation temporäre Zwischennutzung?

Der junge Fitzcarraldo Daniel Hahn kann sich mit seinem Dampfer auf der Eisenbahnbrücke in Sachen Experimentierfreudigkeit nichts nachsagen lassen. Das findet Matthias Hirth von der Initiative Monokultur im Grunde gut, aber das sei nur ein Leuchtturmprojekt, erklärt Matthias Hirth, und Leuchttürme werfen Schatten. „Das Problem ist: Das ist mir persönlich zu viel Spektakel und das ist nicht die Subkultur, die ich vermisse.“ Hirth beklagt, dass in München alles überreguliert sei. Er fordert: Räume zur Verfügung stellen, die dann nicht kuratieren und die Szene in Ruhe zu lassen. „Dieses Schiff aber passt natürlich super ins City-Marketing.“

Natürlich sei das Schiff ein Hingucker, sagt Max Leuprecht vom Kulturreferat München. „Aber ich würde jetzt nicht behaupten, dass wir die MS Utting als Projekt bezeichnen mit dem wir uns rechtfertigen können, wir würden was für die freie Szene oder die Subkultur tun.“ Es gebe in der rasant wachsenden Stadt München leider immer weniger Brachen, die auf längere Zeit darauf warten, dass Kreative sich ihrer bemächtigen. Wenn Subkultur entstehen soll, dann meist städtisch organisiert, weil man nur mit Hilfe der Stadt an Flächen kommt – so läuft das in München. Aber immer noch besser als alleine in der freien Wirtschaft um Räume zu kämpfen, sagt Veranstalter Daniel Hahn. Vor allem wenn man so außergewöhnliche Anliegen hat, wie einen Stellplatz für ein ausrangiertes Schiff zu finden. „Auf dem ganz normalen Immobilienmarkt haben wir es auch versucht – da gab es überhaupt kein Verständnis und kein Interesse daran, uns etwas zwischenzuvermieten.

Es gibt mittlerweile sogar eigenes städtisches Kompetenzteam, das zwischen Kulturschaffenden und verschiedenen Behörden vermitteln soll. Das Kulturreferat sieht sich in der Pflicht ihnen zur Seite zu stehen. Eine Möglichkeit, auf die zuletzt vermehrt gesetzt wird und über die der Zündfunk oft bereichtet hat: temporäre Zwischennutzung. Und davon profitiert auch die Stadt, sagt Max Leuprecht vom Münchner Kulturreferat. „Das sind oft Orte, die noch nicht in der kulturellen Mental Map verankert sind, also Unorte.“ Für die Stadt eine Win-Win-Situation: Man tut was für die Kulturschaffenden, gleichzeitig werten die durch ihre temporäre Nutzung das Gebäude und das Viertel auf.

Es braucht mehr verrückte Ideen

Der Blick von der MS Utting

Die Rechnung geht für Veranstalter wie Tuncay Acar nicht auf. Er hat eine Zeit lang das Import/Export im Münchner Bahnhofsviertel mitbetrieben: ein ehemaliger türkischer Gemüseladen, der als Bar, Konzertbühne und Veranstaltungsort funktionierte. Ihn hat die temporäre Zwischennutzung sehr belastet, er vermisst zuweilen die Wertschätzung von Seiten der Stadt. Kulturräume, sagt er, sind ein substantielles Bedürfnis der Bevölkerung. „Klar ist es ein Gewinn, wenn ich für zwei, drei Monate einen Raum habe. Aber ich frage mich, warum kann ich dann nicht die Garantie haben, dass ich damit auch meine Existenz bestreiten kann?“ Mit seiner Kulturarbeit erfülle er ja auch eine Dienstleistung für die Stadt München. „Aber für mich ist der Win a bisserl kleiner.“

Wer jetzt erstmal gewinnt, ist der Stadtteil Sendling, wo Veranstalter Daniel Hahn seine MS Utting aufgestellt hat. Schon jetzt zieht das Schiff auf der Brücke so viele Menschen an, wie man sie selten an dieser Ecke zwischen Schlachthof und dem riesigen Gelände der Großmarkthallen sieht. Inwiefern die MS Utting der Subkultur in München etwas bringt, wird sich zeigen.  Sie passt in den Wandel, der in dem Viertel schon begonnen hat: In den nächsten Jahren wird das Volkstheater einen Neubau auf dem Viehhofgelände bekommen, die Markthallen werden sich wohl neu strukturieren, es werden Flächen frei und möglicherweise entsteht hier ein komplett neues Viertel. Aber bevor der letzte Winkel durchgentrifiziert ist, können wir uns ja trotzdem mal auf die Aussicht freuen: vom Deck der MS Utting auf die Dächer der Stadt.


50