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Microdosing - LSD im Alltag Hauptsache gut drauf

Seit 50 Jahren ist LSD in Deutschland verboten. Die Droge galt als gefährlich. Jetzt kommt die Renaissance: Unter den kalifornischen Superunternehmern im Silicon Valley ist Microdosing groß in Mode, also LSD konstant in kleinen Mengen einzunehmen, um fokussierter und achtsamer durchs Leben zu gehen. Auch in Deutschland formiert sich eine Microdosing-Bewegung.

Von: Florian Fricke

Stand: 12.04.2017

Teenager nehmen Drogen | Bild: picture-alliance/dpa

"Ich bin Unternehmer. Einmal arbeitete ich an einem Projekt und merkte, dass ich nicht sehr fokussiert war und in Gedanken ganz woanders. Jeder, der kreativ arbeitet, kennt diesen Widerstand, wenn man in der Folge prokrastiniert, also Zeit vergeudet durch Ablenkung. Microdosing scheint zu helfen diesen Schreibblock zu überwinden, einfach im Moment zu bleiben und die Sachen anzugehen."

- Paul Austin

Der US-Amerikaner Paul Austin ist Botschafter in Sachen Microdosing mit psychedelischen Substanzen. Das macht er mit seiner Homepage The Third Wave und indem er durch die Welt tingelt und Vorträge hält. The Third Wave, die dritte Welle, bezieht sich auf andere Bewegungen wie den Third-Wave-Feminismus, der nach den historischen ersten Wellen nun die moderne und optimierte Form darstellt. In Bezug auf psychedelische Drogen ist die erste Welle der jahrtausendealte Gebrauch von pflanzlichen Drogen durch indigene Völker, die zweite Welle die Gegenkultur der 1960er und 70er Jahre. Mit der dritten Welle sollen psychedelische Drogen und im Speziellen Microdosing nun endlich im Mainstream ankommen. In Berlin war das Interesse jedenfalls groß: "Die Tour läuft gut. Ich war in elf Städten, und 50 bis 250 Menschen, so viele hatten wir ungefähr auch heute, haben mir jeweils zugehört. Und das ist das Tolle an Microdosing, dass es auch Leute zum Thema psychedelische Drogen bringt, die sich noch nie damit beschäftigt haben."

Kein Trip, aber geschärfte Sinne

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Beim Microdosing wird eine psychedelische Substanz, meistens LSD, extrem verdünnt. Eine Dosis besteht dann aus 6 bis 20 Mikrogramm, also weniger als ein Zehntel der üblichen Menge für einen ordentlichen Trip. Und dementsprechend ist die Wirkung: Der User trippt nicht, seine Sinne sind aber geschärft und der Geist hellwach. Man vergleicht die Wirkung auch mit der von langfristig angewandter Meditation. Microdosing gibt es eigentlich schon seit 40 Jahren. Populär wurde es 2015, als James Fadiman, Psychologe und Autor des Buchs "The Psychedelic Explorer's Guide" im Podcast von Tim Ferriss interviewt wurde, ein Podcast, der gerade im Silicon Valley sehr viel gehört wird.

Das Silicon Valley ist natürlich ein fruchtbarer Boden für diese Form von Hirndoping, denn bekanntlich war schon Apple-Gründer Steve Jobs ein Anhänger von LSD. In der Folge erschienen viele Artikel, in denen sich die kalifornischen Internetunternehmer über ihre phänomenalen Erfahrungen mit Microdosing ausließen. Aber ist das Silicon Valley wirklich die beste Referenz? Und Microdosing nur ein weiteres Mittel, um die neoliberale Selbstausbeutung zu totalisieren? Paul Austin hat Microdosing über sieben Monate genommen: "Davor war ich mir unsicher, wo ich im Leben stehe und wer ich eigentlich bin. Mit Microdosing habe ich mich ziemlich gut kennengelernt und habe herausgefunden, was mir im Leben wichtig ist, sei es in Sachen Arbeit, in Beziehungen oder in Bezug auf meine Spiritualität. Und selbst als ich es nach sieben Monaten abgesetzte habe, hallten diese Effekte der Achtsamkeit noch mindestens ein Jahr lang nach. Es war wirklich eine erstaunliche Erfahrung."

Microdosing in Gesellschaft

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Aber nicht nur zur Selbstoptimierung und Selbstfindung taugt es. LSD und der entschärften Variante Microdosing wird ein enormes Potential zugeschrieben, was die Behandlung von Depressionen angeht oder von Suchterkrankungen wie Alkoholismus. Angeblich leiden 25 Millionen, also acht Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung täglich an PTSD, der posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie Kriegseinsätze oder andere traumatische Erlebnisse auslösen können. In Berlin hat sich nun "The German Psychedelic Society" gegründet, die die Veranstaltung mit Paul Austin organisiert hat. Ihr Gründer ist der Norweger Kjartan Nilsen, der bereits eine ähnliche Bewegung in seiner Heimat angeschoben hat. In seiner neuen Heimat Berlin fand er nicht Vergleichbares vor: "Wir wollen allen, die an psychedelischen Erfahrungen interessiert sind, eine Plattform geben, wo wir Wissen und Erfahrungen austauschen können. Es wird Lesungen geben, Filmvorführungen, Treffen. Wir starten hier in Berlin, aber gleichzeitig gründen sich psychedelische Gesellschaften auf der ganzen Welt, in Baltimore, New York, London. Wir sind also Teil der psychedelischen Renaissance, wie sie genannt wird."


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