Der Tag nach der Wahl - ein Kommentar Nur wenn man ab und zu mal wütend wird, gewinnt man Wahlen

Warum nur haben so viele Menschen die AfD gewählt? Fragt man, dann lautet die Antwort fast immer: Angst und Wut. Angst vor „dem“ Islam, Angst vor „zu viel“ Zuwanderung, Wut vor allem auf Angela Merkel und ihre CDU. Fakten? Kommen kaum vor in den Antworten. Genau das aber macht unseren Kommentator: wütend.

Von: Tom Kretschmer

Stand: 25.09.2017

Bild: picture-alliance/dpa

Seit im September 2015 gut 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, hat der Bundestag keine einzige Steuer auch nur um einen Prozentpunkt angehoben. Soweit die Fakten: Und niemand war oder ist gezwungen, den Geflüchteten auch nur eine Packung Babymilch oder eine abgetragene Jeans zu spenden. Und kein Mensch im ganzen Land wurde genötigt, Deutschstunden zu geben oder Flüchtlinge bei Behördengängen zu begleiten. Das taten und tun weiterhin Hundertausende, und zwar absolut freiwillig. Und trotzdem haben tausende AfD-Wähler das Gefühl, die Bundesregierung hätte ihnen das letzte Hemd genommen.

Wo sind die "failed" Stadtteile?

Genauso die Angst vor der angeblichen Islamisierung: Ich würde mir tatsächlich wünschen, ein AfD-Wähler würde mir den „failed“ Stadtteil oder das „islamisierte“ Dorf, in dem er lebt, einmal zeigen. Das Bahnhofsviertel in München kann er jedenfalls nicht meinen.

Aber genau damit kommen wir zum Punkt. Der Erfolg der AfD beruht weniger auf Fakten als vor allem auf Emotionen; so wie der Misserfolg der SPD und Union auch damit zu erklären ist, dass ihrem Wahlkampf praktisch jede Gefühlsregung gefehlt hat. Bestenfalls war der Slogan „voll muttiviert“ ganz lustig, mehr aber auch nicht.  Vollkommen sinnfrei dagegen der Slogan: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Ungefähr so emotionsgeladen wie die meisten Statements der Kanzlerin.

Angst essen GroKo auf

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Wie sieht es eigentlich aus, wenn Angela Merkel wütend ist? Was macht sie dann? Wird sie laut, ausfällig, bekommt sie einen roten Kopf? Wir wissen es nicht. Nicht dass Wut und Zorn die besten Ratgeber in der Politik wären, gewiss nicht, aber so konnten die alten Herren um Alexander Gauland und Jörg Meuthen die Wütenden und Zornigen hinter sich versammeln. So sinnvoll es in den meisten Zeiten ist, mit klarem Kopf und ruhiger Hand zu regieren, so gefährlich war es, in diesem Wahlkampf praktisch alle Emotionen einer einzigen Partei zu überlassen.

Statt der AfD das Feld der Emotionen zu überlassen, hätten die anderen Parteien von Anfang an mehr wagen müssen. Was genau versteht die SPD unter sozialer Gerechtigkeit? Wo sind dazu die Beispiele, die Erzählungen, die Wähler aufrütteln? Warum war das Wort auf den Wahlplakaten so klein gedruckt, dass man es nur aus nächster Nähe lesen konnte? Warum hat sich die Partei nicht einmal öffentlichkeitswirksam mit einem Unternehmerverband oder den Arbeitgebern angelegt?

Demokratie braucht Begeisterung

Oder die Grünen: Diskutieren auf dem Höhepunkt der Diesel-Affäre ernsthaft darüber, ob Fahrverbote erlaubt seien. Statt einfach mal laut und deutlich für die Umwelt aufzustehen und autofreie Sonntage zu fordern. Wie kann man ureigene Themen so ignorieren und liegen lassen?

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Nun haben wir den Salat: Eine AfD-Fraktion mit über 90 Mitgliedern (zumindest noch) im Bundestag, und mit Wahlergebnissen in Sachsen und Thüringen, die jeden Demokraten beschämen müssen. Deshalb wünsche ich mir für die nächste Zeit von unseren demokratischen Politikerinnen und Politikern eine Verbindung von Inhalten und Emotionen, klare Positionen und vor allem: echte Diskussionen im Parlament. Demokratie braucht Begeisterung, die Fakten dafür liegen auf dem Tisch.