Bayern 2 - Zündfunk


878

Martin Sonneborn "Bisher war ich dem Europaparlament peinlich, seit dem Wochenende ist mir meine Tätigkeit im Europaparlament peinlich"

Griechenland und die EU... Wer blickt denn da noch durch? Wir haben Martin Sonneborn von Titanic und Heute-Show gefragt. Seit 2014 sitzt der Satiriker als Abgeordneter im Europäischen Parlament.

Von: Laura Freisberg

Stand: 07.07.2015

Martin Sonneborn, Die Partei | Bild: picture-alliance/dpa

Sie sind ja Abgeordneter im Europäischen Parlament…

Es hat sich etwas getan am letzten Wochenende: Bisher war ich dem Europaparlament peinlich. Es gab Überschriften wie in der Badischen Zeitung: Ich sei das Furzkissen des Europäischen Parlamentarismus. Aber seit dem Wochenende ist mir meine Tätigkeit im Europaparlament peinlich! Weil das Europaparlament halt zu einer der drei Institutionen gehört, die Europa gerade regieren. Und namentlich die EU-Kommission - und natürlich die beiden anderen Kollegen IWF und EZB, die aber nicht demokratisch legitimiert sind – einen Kurs fahren, der mir langsam peinlich wird.

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, antworte ich abschweifend und ausweichend. Ich sage dann: Ich bin Vertreter. Oder ich sage: Ich bin gerade aus der Haft entlassen worden und konnte noch nichts finden. Alles ist besser als zu sagen, dass man im Europaparlament arbeitet.

Martin Sonneborn, Die Partei | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Martin Sonneborn "Ich sitze unter dem Abschaum des Parlamentes - ich muss sehr viel lachen"

Eigentlich wollten wir von Martin Sonneborn nur die Wahrheit über Griechenland erfahren. Seine Arbeit als fraktionsloser Europaabgeordneter ist aber so... spannend, dass wir Euch Teil 2 des Interviews nicht vorenthalten wollen. Tatsache ist: Sonneborn könnte reich werden! [mehr]

Erklären Sie uns trotzdem: Was ist denn gerade im Europaparlament los, mit Blick auf Griechenland?

Ich habe gerade gelesen, dass morgen der Ministerpräsident der Griechen kommt und eine Rede halten wird. Ich glaube nicht, dass es ihm viel helfen wird. Das Europaparlament ist ja relativ bedeutungslos. Es ist das demokratische Feigenblatt unter den Institutionen in Europa. Es hat kein Initiativrecht. Es kann eigentlich nur abnicken, was die Kommission vorgibt. Und dass die Kommission nicht allzu Gutes vorhat mit Griechenland, das zeigt sich ja in den letzten Tagen deutlich.

Fühlen Sie sich dann den Griechen verwandt? Wie sehen sie das Referendum?

Nein, ich fühle mich nie verwandt. Aber es ist natürlich interessant zu sehen, was da passiert. Ich hielt die Demokratie immer für eine Sache, die hier hochgehalten wird und viel gelobt wird. Und wenn dann ein griechischer Ministerpräsident anfängt eine Entscheidung wirklich ans Volk zu delegieren, was ja im weitesten Sinne eine Art von demokratischer Entscheidung ist, dass er dann von Sozialdemokraten – oder man muss, glaube ich sagen, von ehemaligen Sozialdemokraten – wenn er dann derart gehasst wird, das finde ich schon sehr bezeichnend.

Schockt Sie der Hass?

Nein, Hass ist vielleicht auch das falsche Wort. Tsipras steht halt als Vertreter einer linken Regierung einer Umordnung Europas im Wege. Die findet ja an ganz vielen Fronten statt. Wir bereiten uns gerade auf eine Abstimmung zu TTIP vor. Die Neoliberalisierung Europas wird an vielen Fronten betrieben. Und im Falle Griechenland – das ist eklatant, wenn sich jemand dagegen stellt.

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist zurückgetreten. Unter anderem wohl auch, weil die IWF-Chefin Christine Lagarde nicht mehr mit ihm verhandeln wollte. Was können Sie persönlich denn von dem „Punk“ Varoufakis lernen?

Martin Sonneborn sitzt seit 2014 für Die Partei im Europaparlament

Was man lernen kann, ist natürlich sich zu bereichern! Ich habe gelesen, dass das zweite bedeutende Satiremagazin in Deutschland neben Titanic, der Focus, getitelt hat, der Mann habe sich eine goldene Nase verdient. Das finde ich sehr lustig. Er ist auch jemand, der - wie wir in der PARTEI - populistisch und provozierend agiert, auf der Suche nach Öffentlichkeit für seine irren Ideen. Insofern können wir wahrscheinlich einiges voneinander lernen.


878