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Vom Vorwurf zum Modewort „Hey, du mansplainst gerade voll“

"Ich erklär Dir das mal kurz", sagt er gönnerhaft zu ihr. Nur leider, leider weiß sie über das Thema besser Bescheid als er. Fachausdruck: Mansplaining. Inzwischen hat sich der Begriff verselbstständigt und ist zum Meme geworden. Elisabeth Veh ist verwirrt.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 30.03.2017

Mansplaining als Twittermeme | Bild: Twitter @Gaohmee

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal jemanden als Mansplainer bezeichnet. Ich erzählte von einer Recherche zum Thema Gleichberechtigung und präsentierte eine spannende These, mein männliches Gegenüber unterbrach mich und servierte mir dieselbe These, die er in einem Ted-Talk aufgeschnappt hätte. Ich so: „Du mansplainst gerade voll.“ Er so: „Dieser Vorwurf ist total sexistisch.“ Es gab Streit um Sinn und Unsinn, und um Ursache und Wirkung eines Modeworts.

Hat allein die Existenz des Begriffs „Mansplaining“ etwas angerichtet? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht? Es gibt den Begriff seit 2008. Er bezeichnet das Phänomen, wenn Männer Frauen im Gespräch etwas erklären, obwohl die Frau mehr Expertise hat. Erfunden hat den Begriff die amerikanische Publizistin Rebecca Solnit.

Sie veröffentlichte einen Essay mit einer Anekdote. Eine Dinner Party: Rebecca Solnit unterhält sich mit dem Gastgeber, einem älteren Herrn, über die Bücher, die sie geschrieben hat. Sie erzählt von ihrem neuesten Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge. Der Gastgeber unterbricht sie und erzählt ausführlich ebenfalls von einem kürzlich erschienenen und sehr wichtigen Buch über den Fotografen, das er – wie sich rausstellt – allerdings nur aus Rezensionen kennt. Erst als eine Freundin mehrmals darauf hinweist, dass es sich bei dem Buch, von dem der Gastgeber spricht, um das neue Buch von Rebecca Solnit handelt, ist er still.

Keine böse Absicht

Zahlen gibt es keine zu Mansplaining, obwohl ich handfeste Forschung in meiner Mansplaining-Sexismus-Diskussion dringend hätte brauchen können. Aber: Auch Forscherinnen kennen die Struktur solcher Gespräche, so Paula-Irene Villa, Professorin für Genderstudies von der LMU München: „Ich glaube, den meisten Leuten ist es gar nicht wirklich bewusst und ich glaube auch nicht, dass Mansplaining absichtsvoll angewendet wird, aber es passiert.“

„Die neue Gesprächskultur“

Die Frage ist: Hat es etwas gebracht, dass das Phänomen jetzt einen Namen hat? Schließlich erforschen Sprachwissenschaftler, Soziolinguisten und Psychologen schon seit den 80ern, warum manche Menschen in Gruppen einen höheren Redeanteil haben als andere. Und warum manche von denen zwar selbstbewusster oder lustiger sind, die meisten aber schlicht männlich. Ein altbekanntes Problem, gegen das immer die vielbeschworene „neue Gesprächskultur“ helfen soll, die noch nicht ganz überall eingeführt ist. Die Vorstellung, dass alle gleich viel Gesprächsanteil haben, ist eine Illusion, sagt Paula Villa. Aber:

"Mansplaining ist auf jeden Fall ein wirksamer Begriff, der im Alltag funktioniert. Das heißt, wenn man den Begriff erwähnt, gibt es eine Diskussion darüber."

Paula-Irene Villa, Professorin für Genderstudies, LMU München

Der Reality-Check

Kurzer Check unter nettesten Welterklärern hier in der Zündfunk-Redaktion.
Michael Bartle: „Könnte sein dass mir das nicht auffällt, und dass ich manchmal so wirke, als würde ich den Raum ausfüllen wollen.“
Roderich Fabian: „Das find ich super! Dass es endlich mal zur Sprache kommt. Also, ich lass es mir gerne von dir erklären!“
Und auf alle Fälle Christian Schiffer: „Bin ich ein Mansplainer? Ja... Also ich fürchte ja. Aber es hat mir noch nie jemand gesagt. Vermutlich, weil die Leute wissen, dass sie mich nicht extra darauf hinweisen müssen.“

Mansplainer? Zündfunk-Kollege Christian Schiffer

Immerhin. Klingt, als wäre da sanft etwas ins Bewusstsein eingesickert. Aber der Aufstieg des Begriffs „Mansplaining“ von der Beschreibung eines Missstands hin zum effektiven Vorwurf, geht noch weiter. „Mansplaining“ ist ein Modewort geworden, das uns manchmal schon fast zu locker auf der Zunge liegt, gibt Kollege Schiffer zu: „Ich habe letztens mal zu einer Kollegin gesagt: Ich komme nachher vorbei und dann werde ich dir das mal in Ruhe mansplainen. Und seitdem ist das so ein Running Gag. Kannst du mir das mansplainen, darf ich dir das mansplainen. Es ist zu einem comic relief geworden.“

Die Meme-isierung

Auch eine Wirkung, die der Begriff Mansplaining hervorgerufen hat – allerdings nicht die zielführendste. „Die Meme-isierung von Begriffen führt dazu, dass der Begriff und das, was damit gemeint ist nicht mehr ernst genommen wird“, befürchtet die Soziologin Paula Villa. Deswegen sollten wir nicht nur Witze machen, sondern die Diskussion weiterführen. Auch wenn man sich dafür mal einen Sexismusvorwurf einfängt.


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