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Liebe in Zeiten von GIFs Wenn Chatten besser als Sex ist

Verliebt. In jemanden, den man noch nie gesehen hat. Aufgrund von ein paar GIFs und WhatsApp-Nachrichten. Caro Matzko zweifelt zunächst am Verstand ihrer Freundin. Und beginnt dann zu verstehen.

Von: Caro Matzko

Stand: 18.08.2017

Symbolbild Digitale Liebe | Bild: colourbox.com / Bearbeitung: BR

Unlängst erreichte mich eine Knaller-Facebook-Nachricht einer Freundin, über die ich mich sehr gefreut habe: „Hey Gurke! Ich hab mich total verliebt. Muss ich dir erzählen. Hast du mal Zeit zu telefonieren?“ In meinem Alltag als rund um die Uhr arbeitende, ordnungsgemäß verheiratete Ehefrau und Mutter einer Tochter, die an hellen Sommernächten nicht vor 22 Uhr schlafen geht, ist jede Geschichte, die Thrill und Erotik vermuten lässt, mehr als willkommen.

Also telefonieren während ich eine Fuhre Bremsspur-Unterhosen Größe 104 in die Waschmaschine werfe und Butterbroten die Rinde abschneide. Her mit der Story. Und die geht so: Die Freundin nahm eine Freundschaftsanfrage eines ihr unbekannten jungen Herrn aus einer entfernten Großstadt an. Eigentlich macht sie so was nicht, aber der Mann war wohl auch mal in einer Band, die ihr schon immer und eh zugesagt hatte. Der junge Mann schickte ihr lustige und hintergründige GIFs. Sie antwortete mit weiteren lustigen und hintergründigen GIFs. Man chattete. Schaute sich die Fotos des anderen an. Chattete weiter. Telefonierte schließlich. Schickte WhatsApp-Nachrichten. Schickte kleine Videos. Mehr Bilder. Nach einigen Tagen des regen Austausches machte der junge Mann tatsächlich mit seiner Freundin Schluss – die, die Beziehung sowieso immer als polyamourös gehandelt hatte.

Ihr habt Euch noch nie gesehen?

„Moment mal. Der hat mit seiner Freundin Schluss gemacht wegen Dir?“, frage ich die Freundin.
„Ja, er meinte, vielleicht bin ich ja die Frau seines Lebens.“
„Und du?“, frage ich weiter.
„Ich bin total verliebt in ihn.“
„Aber ihr habt Euch noch nie gesehen?“
„Nein, das hat noch Zeit.“
„Aber Moment mal – du weißt nicht, wie er riecht, wie er sich anfühlt, ob er Mundgeruch hat oder einen fiesen Nagelpilz, seine getragenen Socken als Taschentuch benutzt, ins Waschbecken pinkelt oder eine anständige Bolognesesauce kochen kann. Falls er überhaupt Fleisch isst.“
„Ich weiß.“
„Du hast dich in ein Facebook-Profil verliebt.“

Ich gestehe: Ich zweifelte kurz am Verstand meiner Freundin, die ich bisher als unglaublich kluge, ja intellektuelle, belesene, immer mit einem Stileto auf der Metaebene balancierende Gesprächspartnerin und Ratgeberin gekannt hatte. Aber vielleicht ist es ja genau das: Vielleicht ist die Sapiosexualität die zeitgemäße Form der Erotik in der großen Stadt und das Kleinfamilienleben, das mein Mann und ich führen, ein Auslaufmodell für die Kleinstadt und das katholische Land.

Überhaupt Sapiosexualität: Aus einschlägigen Datingbörsen kommend, bahnte sich dieser recht junge Begriff seinen Weg in die Blogosphäre bis zu feministischen Netzwerken.  Der Begriff paart das bekannte Prinzip der Sexualität mit dem lateinischen Verb „sapere“ - also „wissen“ - und bedeutet: Smartheit und Bildung törnen mehr als eine schöne Nase und volles Haar. Plakativ: Die Größe des Hirns ist wichtiger als die der primären Geschlechtsmerkmale. Eine Rede zu Lage der Nation macht das Höschen feuchter als ein gut ausgeleuchtetes Selbstportrait bei Youporn.

„Dumm fickt gut“ hat ausgedient

Das traditionsreiche Bonmot „Dumm fickt gut“ hat ausgedient – war ja eh immer eher was für den männlichen dominierten Stammtisch und ersten Erhebungen nach bekennen sich mehr Frauen zur Sapiosexualität als Männer.

Ich halte den Begriff für ähnlich gehypet wie die Gluten- oder Lactoseunverträglichkeit (für die einen echtes Leiden, keine Frage, für die anderen eher Hobby), aber über irgendetwas muss man und frau sich eben definieren. Ich habe jedenfalls keine Freundin, die gerne dumme Männer flachlegt. Klugheit, Witz und Charme gereichen jedem Herrn zur Zierde.

Die Liebe wird digital

Wesentlich interessanter hingegen ist die Rolle des Digitalen bei der ganzen Liebesgeschichte. Denn die Gefühle meiner Freundin sind ja eben da und ganz analog existent. Und daran gibt’s ja nun mal so gar nichts zu mäkeln: Wie schön ist es verliebt zu sein – egal ob ich mich mit jemandem im Café unterhalte und von seinem Tellerchen essen kann oder ob ich alleine in meiner Wohnung sitze und der andere mir via Social Network zugeschaltet ist. Vielleicht ist der Chat im digitalen Zeitalter der neue Sex der klugen Köpfe.

Und wir, die wir von der Peitsche des Kapitalismus und der Selbstoptimierung angetrieben werden, customizen uns die restliche Lebenszeit, dass es passt: Zu viel Nähe wird schnell öde. Vielleicht gibt es einen guten Freund zum Kinderkriegen, der Sex gerne polyamourös, die wirkliche, romantische Liebe aber bleibt digital  - zumal unser digitales Ich sowieso das attraktivere ist als das analoge alltägliche.

Was ist echt?

Unseren Enkeln werden wir dann emailen: „Als Oma geheiratet hat, da wurden wir von der Gesellschaft noch mit unsichtbaren Preisen behängt, die die Länge von Beziehungen und das Aushalten von Konflikten und Missständen belohnt hat.“
Und die Kinder werden fragen: „Warum?“
Oma wird antworten: „Weil es was mit dem echten Leben zu tun hat?“
„Was meinst du mit echt?“, werden die Kinder zurückfragen.
Wer das beantworten kann, bekommt von mir ein Selfie.


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