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Kommentar zu #KölnHbf Let’s talk about Rape Culture, Baby!

Wir reden gerade viel über die Kölner Silvesternacht. Das ist gut. Viele von uns verharmlosen aber sonst mit ihren Texten und Posts sexuelle Gewalt. Das muss sich ändern. Ein Kommentar von Julia Fritzsche.

Von: Julia Fritzsche

Stand: 08.01.2016

Slutwalk: Protest gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen | Bild: picture-alliance/dpa

"Hooligans überfallen deutsche Stadt Köln, vergewaltigen Frauen. Bürger sehnen sich nach Ordnung der DDR zurück." Die nordkoreanische Nachrichtenagentur DPRK macht sich ihre eigenen Gedanken zur den sexuellen Übergriffen in Köln. Die britische Sun hingegen meint: "Es waren alles nordafrikanische oder arabische Immigranten. Und zwar alle. Jeder Einzelne." Und die rechte ungarische Wochenzeitung Magyar Demokrata beweist neurowissenschaftliche Expertise und weiß, dass es sich bei den Tätern um "Horden ohne Gehirn" handelt.

Sexuelle Gewalt und Wahrheit

So weit klar: Wenn es im öffentlichen Diskurs um sexuelle Gewalt geht, was ja selten der Fall ist, reden wieder mal viele mit und vereinnahmen die Taten für ihre politische Agenda. Dann verleiht die BILD nach langen Monaten der Willkommens-Stimmung endlich ihrem "Abschiebefrust" Ausdruck. Kristina Schröder projiziert Ängste vor Abgründen in der eigenen Gesellschaft nach alter rassistischer Tradition nach außen und sieht "gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen" vor allem "in der muslimischen Kultur". Und Sicherheitspolitiker spendieren noch mal eine Runde "Kameras im öffentlichen Raum". Das ist natürlich schlimm, weil die jeweilige Agenda oft schlimm ist – Rückkehr zur DDR, Abschiebung, Überwachung, Rassismus – , es ist aber auch schlimm, weil es von der sexuellen Gewalt ablenkt und sie trotz des Alarmismus verharmlost.

Teil der Kultur des "Victim Blaming": Autorin Birgit Kelle mit ihrem Buch "Dann mach doch die Bluse zu"

Um klar zu sein: Es ist gut, dass von Großbritannien bis Nordkorea alle über sexuelle Gewalt reden, und dass die Taten auch für jemanden wie Angela Merkel, die selten emotional wird, "unerträglich" sind. Es ist aber entscheidend, wie wir das tun und ob wir sexuelle Gewalt als grundsätzliches Problem ernstnehmen. Denn sonst wird auch das gutgemeinte Aufklären und Reden über sexuelle Gewalt schnell selbst zur Rape Culture. Wait, what? Was war das noch mal: Rape Culture?

Deutschland, Deine Rape Culture

Das Konzept "Rape Culture" meint: In einer Gesellschaft kommt sexuelle Gewalt in hohem Maße vor, Kultur und gesellschaftliche Normen tragen aber dazu bei, sie zu tolerieren, zu dulden oder zu befördern und den Betroffenen wird eine Mitschuld gegeben an den Taten. Und ja: Es gibt auch in Deutschland viele Indizien einer Rape Culture. Denn: ja, sexuelle Gewalt gehört auch hier für viele Menschen zum Alltag. Das zeigt nicht nur die Silvesternacht in Köln. In Deutschland berichten Menschen seit Jahren unter #aufschrei, #ichhabnichtangezeigt oder #hollaback über sexuelle Gewalt. Und eine Studie des Familienministeriums zeigt: 58 Prozent der Frauen in Deutschland haben schon einmal sexuelle Belästigung erfahren.

Und: ja, wir haben eine Kultur des Victim blaming, wenn es heißt: "mach doch die Bluse zu" (Birgit Kelle), oder "trink auf dem Oktoberfest nicht so viel Alkohol; pass auf, dass Dir keine K.O.-Tropfen ins Glas geschüttet werden; gehe nicht allein nach hause" (Kampagne "Sichere Wiesn" der Stadt München); oder wenn wie jetzt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker Frauen rät, #eineArmlänge Abstand zu potentiellen Tätern zu halten. Statt sich an potentielle Täter zu richten ("begrapscht nicht, vergewaltige nicht"), an die Security in Diskos, Stadien oder auf Festivals ("dulde keine Grapscher") oder die Polizei ("nimm Belästigungen ernst"), verweist unsere Gesellschaft Frauen aus dem öffentlichen Raum und macht aus dem Oktoberfest eine No-go-Area für die Hälfte der Menschheit. Statt auf die Täter gucken viele immer noch lieber auf die Rocklänge der Betroffenen.

Sexuelle Belästigung: Lernen bei Joko und Klaas

2013 unter heftiger Kritik: Joko und Klaas

Zur Rape Culture gehört auch das Verharmlosen von sexueller Gewalt. Und: ja. Auch das passiert hier. Manchmal sprachlich subtil, wenn statt von "Vergewaltigungsvorwürfen" gegen Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn von einer "Sex-Affäre" oder wie in der Silvesternacht in Köln von einem "Sex-Mob" die Rede ist, Medien also sprachlich das Bild von einvernehmlichem Sex statt einer mutmaßlichen Gewalttat erzeugen. Manchmal passiert das Verharmlosen weniger subtil, sondern mittels Provokation: Wie Begrapschen geht, hat uns Moderator Joko vom Krawall-Duo Joko und Klaas 2013 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen beigebracht, als er bei einer Wette einer Messe-Hostess ungefragt an Brust und Po fasste und Klaas kommentierte: "Die hat sich richtig entwürdigt gefühlt, die steht jetzt bestimmt sechs Stunden unter der Dusche und heult." Ein Normbruch als Entertainment - mit 500.000 Klicks auf Youtube.

"Steck sie ein, wie 20 Cent" (Wanda)

Dass es okay ist, sich eine Frau einfach zu nehmen, besingt die Band Wanda auf ihrem Konsens-Album "Bussi“: "Nimm sie, wenn Du glaubst, dass Du’s brauchst, steck sie ein wie 20 Cent". Zum Verharmlosen tragen auch Filme oder Serien bei, die Vergewaltigungsszenen ähnlich "erotisch" wie Sexszenen inszenieren, sie als Plotfüller einsetzen, ohne den Handlungsstrang weiterzuverfolgen oder Ursachen und Folgen der sexuellen Gewalt zu thematisieren; auch wenn eine "stylische" Fotostrecke im VICE-Magazine junge, fast nackte Frauen mit roten Fesselstriemen an den Armgelenken zeigt, ist das eine Ästhetisierung von sexueller Gewalt.

Klar, wer die VICE-Fotostrecke im Café entdeckt oder vor dem Rechner Game of Thrones oder Narcos guckt, wird nicht sofort über die nächste Person herfallen, sie fesseln und malträtieren. Aber Bilder, Sprache, Riten und Gewohnheiten prägen sich in unser Bewusstsein und können in anderen Situationen handlungsleitend wirken. Nach einem Streit, betrunken oder in Ausnahmesituationen wie einem Volksfest, einem Stadion, einer Silvesternacht oder im Krieg können sie dazu beitragen, dass moralische Überzeugungen aufweichen und Gewalthandlungen nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Vergewaltigt in der Jogginghose

Dass sich Medien und Politik jetzt auf die Gewalttaten in der Silvesternacht stürzen, ist kein Wunder. Viele instrumentalisieren die Übergriffe für ihre vielen politischen und mitunter rassistischen Ziele. Und: Die Taten auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz, in Hamburg, Stuttgart, entsprechen einem gängigen Stereotyp von Vergewaltigung: ein unbekannter Täter vergewaltigt eine junge Frau in ansehnlicher (Party-)Kleidung im öffentlichen Raum. Auch diese Taten gibt es - sie stellen immerhin 20 Prozent aller sexuellen Gewalttaten dar – wir müssen über sie reden, sie aufklären und den Betroffenen helfen. Doch wir müssen auch darüber reden, dass 69 Prozent der sexuellen Gewalt in Deutschland in der eigenen Wohnung stattfindet, und die Hälfte durch den Partner oder Ex-Partner. Hier tragen die Betroffenen meist keine kurzen Röcke, sondern Jogginghosen und sind auch nicht notwendigerweise jung.

Wenn wir jetzt anlässlich von Köln über sexuelle Gewalt sprechen, müssen wir uns also über jegliche Form der sexuellen Gewalt empören – auf der Straße wie zuhause, durch unbekannte wie bekannte Täter, an Frauen wie an Männern, Transsexuellen und Sexarbeiterinnen. Und wir müssen uns beim Seriengucken, im Kino, im Café und im Freundeskreis empören, wenn Witze, Dramaturgie oder Lust an der Provokation sexuelle Gewalt verharmlosen. Denn sexuelle Gewalt endet nicht mit der eigentlichen Tat. Sexuelle Gewalt fängt aber auch nicht erst mit der eigentlichen Tat an.


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