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Kommentar zum Attentat in Las Vegas War der Schütze von Las Vegas ein Terrorist oder ein Lone Wolf - oder beides?

Nachdem Stephen Paddock in Las Vegas 59 Menschen getötet und hunderte verletzt hat, wird gerade wieder viel über Terror gesprochen: islamistischen oder rechtsradikalen. Sammy Khamis bittet um ein bisschen definitorische Klarheit in einer emotionalen Debatte, denn Terroristen - das sind immer die anderen.

Von: Sammy Khamis

Stand: 05.10.2017

Von Mandalay Bay Hotel aus tötete Stephen Paddock 59 Menschen und verwundete mehr als 500. | Bild: picture-alliance/dpa/Bilgin S. Sasmaz

Bilanzen können ätzend sein. Rekorde in diesem Fall erschütternd: 59 Tote, fast 500 Verletzte, das größte jemals von einer Einzelperson begangene Attentat in der Geschichte der USA und die Frage: Lone Wolf oder Terrorist? Psychisch gestörter Einzeltäter oder gibt es ein Netzwerk im Hintergrund, eine fanatische Ideologie, die der Auslöser war?

Wer wissen will "was Terror ist", der muss vor allem eine Frage stellen: "was will Terror?"  Die Antwort darauf lautet: Terror will die Gesellschaft in einen Ausnahmezustand bringen, will Menschen verletzen, Menschen töten, Angst verbreiten, Panik auslösen. Es geht also um die Gesellschaft. Darum, diese zu spalten, zu entzweien. Man wird also nicht automatisch zum Terroristen, wenn man viele Menschen tötet.

Auch dann nicht, wenn sich das viele meiner muslimischen Freunde gerade wünschen. Auf Facebook teilen sie eine Bildtafel. Auf ihr steht: "Der Massenmörder von Las Vegas ist kein 'Terrorist', weil er kein Muslim ist!" Genauso häufig sehe ich zur Zeit (mal wieder) Bilder und Memes auf denen Hauttypen wie auf einer Farbpallette nebeneinander aufgereiht sind, bei People of Colour, also dunklen Hauttypen steht "Terrorist", bei weißen Menschen "psychisch gestört". Weiße können keine Terroristen sein, People of Colour schon. Vor allem Muslime sind erleichtert, wenn der Attentäter selbst kein Muslim ist. Das ist nachvollziehbar, aber es nervt mich. Es nervt mich, dass die permanente Opfermentalität ausgeschlachtet wird, statt den tatsächlichen Opfern ihr Mitgefühl auszudrücken oder Solidarität zu zeigen, zum Beispiel mit Anti-Gun Bewegungen in den USA.

Schießerei? Attentat? Massenmord?

Deutschland ist anders. Ein bisschen zumindest. Hier gibt es keine NRA, keine starke Waffenlobby und deswegen wohl auch weniger Tote durch Schießereien als in den USA. Die Schießereien aber, die hier stattfinden und in den letzten 15 Jahren stattgefunden habe, wurden häufig als "Amok"-Läufe bezeichnet. Ein unglaublich unpassender Begriff, der auch auf die, nun ja, Schießerei (?), das Attentat (?), den Massenmord (?) am Olympia-Einkaufszentrum angewendet wurde.

Am Freitag nun werden in München drei Gutachten veröffentlicht. Sie liefern eine wissenschaftliche Bewertung des Täters David S.. Das Ergebnis ist für viele Beobachter wenig überraschend: David S. war nicht nur das Mobbing-Opfer und in psychiatrischer Behandlung – David S. war auch überzeugter Rassist. Seine Opfer starben, weil sie ausländisch aussahen – und eben nicht nur, wie die Behörden behaupten, weil sie David S. an seine Mobber erinnerten. Macht das David S. zum Rechtsterroristen, zum psychisch kranken Killer, zum Lone Wolf, oder zu allem auf einmal?

Die Gutachten zum Attentat am Olympia-Einkaufszentrum sind alleine deshalb spannend, weil sie uns dazu zwingen ein neues Wort zu lernen: Hasskriminalität. Gewaltverbrechen also, die aus Hass begangen werden. Da sind oft Nazis dabei, auch Islamisten – aber nicht alle sind nun mal Terroristen.

Ja, es ist sehr nachvollziehbar, dass man im Chaos um einen herum etwas mehr Ordnung haben möchte – vielen hilft da das Label "Terror". Dieses Label auf alles zu kleben, was einen verunsichert, das ist kurzsichtig, das führt nicht dazu, dass die Opfer weniger Verletzungen haben oder die Toten weniger tot sind.


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