Das MIT Media Lab in Boston Besuch in der Zukunft
Im Massachusetts Institute of Technology tüfteln Studenten an Zukunftsvisionen. Wir haben das weltweit angesehene Labor besucht und jede Menge Spannendes gefunden: einen Radhelm, der die Aufmerksamkeit des Fahrers anzeigt. Oder einen Lügendetektor für politische E-Mails.
Das Besondere an der Oper "Death and the Powers", die 2010 uraufgeführt wurde: Neben Sängern bewegen sich auch Roboter über die Bühne. Der Kopf hinter dem futuristischen Projekt heißt Tod Machover. Der Professor leitet am MIT Media Lab die Arbeitsgruppe "Oper der Zukunft". Was die so ausbrütet, beeindruckt auch Kollegen aus anderen Fachgebieten, wie den Forscher Ethan Zuckerman:
"Das nächste Projekt von Tod heißt 'Konzert für Komponist und Stadt' und es entsteht mit der Metropole Toronto. Er fliegt also regelmäßig nach Kanada und sammelt dort Geräusche. Hier entstehen ziemlich verrückte Dinge, die auch Leuten gefallen, denen Oper ziemlich egal ist. Einer von Tods Studenten hat ein Instrument erfunden, mit dem man lernen kann, Gitarre zu spielen. Daraus entstanden die Videospiele 'Guitar Hero' und 'Rock Band'."
Forscher Ethan Zuckerman
Faltbare Autos und Big-Brother-Helme
Das Media Lab des berühmten Massachusetts Institute of Technology wurde 1985 gegründet, um die Auswirkungen der Informationstechnik auf den Alltag zu untersuchen. In den Labors gilt das Prinzip einer Kunsthochschule: Unter Anleitung eines Professors tüfteln Studenten eigenverantwortlich an Projekten. Sie entwerfen faltbare Autos oder einen Fahrradhelm, an dessen Unterseite Scanner angebracht sind: Konzentriert sich der Radler auf die Straße, leuchtet der Helm grün. Ist der Fahrer abgelenkt, blinkt er rot - als Warnung an andere Verkehrsteilnehmer. Die Frage nach der Nutzbarkeit ihrer Arbeit hören viele Forscher des MIT Media Lab nicht gern, berichtet Zuckerman:
"Meine Kollegen sagen gern, dass sie an Problemen arbeiten, die in 20 bis 50 Jahren relevant werden. Die Frage nach der Wirkung halten sie für kleingeistig. Ich denke da anders. Mir gefällt es, wenn meine Arbeit etwas bewirkt. Aber das Grundprinzip des Media Lab ist es, so weit in die Zukunft zu schauen, dass die Forscher sagen können: Ob meine Arbeit eine Bedeutung hat, müssen andere beurteilen - ich werde schon tot sein, bevor man das weiß."
Ethan Zuckerman
Ethan Zuckerman, ein bärenhafter Kerl mit langen Haaren und einer Vorliebe für bunte T-Shirts, leitet den Bereich „Civic Media“ und erforscht, wie neue und traditionelle Medien Politik und gesellschaftliche Debatten beeinflussen. Über die Wirkung seiner Arbeit herrscht Einigkeit: Das Magazin Foreign Policy kürte ihn 2011 zu einem der 100 einflussreichsten Denker der Welt. Zuckerman fasziniert, wie sich Medien als Ökosystem verhalten und wer wen beeinflusst. Seine Studenten untersuchen etwa den Fall Trayvon Martin: Über den schwarzen Teenager, der in Florida erschossen wurde, wurde zunächst weder bei Twitter noch im Fernsehen berichtet - die Information wurde über Mailinglisten der afroamerikanischen Community verbreitet. Wenn es um die Chancen von IT geht, ist Zuckerman Optimist, doch die westliche Gesellschaft beurteilt er skeptisch. Ihn bestürzt die Unkenntnis über andere Teile der Welt und so tüftelt er an einem Gegenmittel:
"In Amerika tragen viele Leute kleine Geräte, die Fitbit heißen und die alle Schritte zählen, die ich mache. Wenn ich heute faul war, weiß ich, dass ich noch mal um den Block gehen sollte, bevor ich ins Auto steige. Etwas ähnliches möchten wir für Zeitungen und Leser entwickeln. So ein Tool würde vielen Leuten zeigen: Ich lese ja fast nur Artikel über Nordamerika und Football, ich beschäftige mich nie mit Europa oder Afrika. Wie ließe sich das ändern?"
Zuckerman
Nährwertangaben für alle Medien
Zuckerman träumt davon, dass irgendwann auf allen Medien eine Inhaltsangabe steht: Analog zu Nahrungsmitteln und deren Kaloriengehalt wäre auf dem Titelbild eines Nachrichtenmagazins vermerkt, dass sich 70 Prozent der Artikel mit Amerika beschäftigen und jeder zweite sich um Politik dreht. Ein solcher Aufkleber, so die Hoffnung, könnte die Bürger wach rütteln und die Demokratie stärken. Ein anderer Schwerpunkt betrifft den Einsatz von Blogs und Twitter: Eifrig wird an technischen Lösungen gearbeitet, damit etwa Regierungskritiker in China oder mexikanische Arbeitsmigranten in Amerika auch ohne teure Smartphones die Möglichkeit haben, sich zu informieren und ihre Anliegen öffentlich zu machen. Die Plattform VoJo.co lässt sich mit jedem Telefon bedienen: Je nachdem welche Tasten der Anrufer drückt, wird ihm entweder vorgelesen oder er kann eine eigene Botschaft aufzeichnen. Ein ähnliches Ziel hat das Projekt "Between the Bars", mit dem Ethan Zuckerman auf eines der drängendsten Probleme seines Heimatlands aufmerksam machen will.
"Wir Amerikaner stecken mehr Bürger ins Gefängnis als jedes andere Land. Wenn mehr als ein Prozent der Bevölkerung hinter Gittern ist, muss man sich die Frage stellen, inwieweit diese Leute noch am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Wir helfen den Gefangenen zu bloggen, und zwar über Briefe. Die Häftlinge schreiben uns, wir scannen die Texte und stellen sie ins Netz. Wenn Nutzer Kommentare schreiben, drucken wir sie aus und schicken sie zurück. Es ist ein klassischer Blog, nur dass der Inhalt eben über Papier geliefert wird."
Zuckerman
Zuckerman und sein Team suchen nach Lösungen für wichtige Herausforderungen unserer Zeit. Gewiss: Auch bei ihrer Arbeit wird sich erst nach Jahren zeigen, was sich durchsetzt. Doch weil das MIT Media Lab den Forschern so viel Freiheit gibt, sind die Chancen hoch, dass hier Dinge entstehen, die die Welt ein kleines bisschen besser machen.

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