Jonathan Krohn Vom Tea-Party-Wunderkind zum Obama-Anhänger
Uns ist der Name Jonathan Krohn kaum ein Begriff, anders in den USA: der Teenager aus Georgia tritt regelmäßig bei Fox News auf und war in Radio-Interviews zu hören. Alles begann mit einer fulminanten Rede, die der damals 13-Jährige bei einem Treffen der Republikaner 2009 hielt.
"Conservatism is not about the party, because the party is merely the shell. It is the inside, it is the filling that really means something. In the book I defined conservatism that it is based upon four categories or principles, respect for the constitution, respect for life, less government and personal responsibility."
Jonathan Krohn, 2009
Da war alles drin, was die Herzen der Republikaner höher schlagen lässt, vorgetragen von einem Teenager im Anzug mit dunklen Locken: Wer konservativ ist, dem geht es vor allem um Prinzipien. Ein guter Konservativer achtet die Verfassung und das Leben, wünscht sich weniger Einmischung des Staates und mehr Verantwortung des Einzelnen. Doch seit einigen Tagen ist Jonathan Krohn, mittlerweile 17, im rechten Amerika ziemlich unten durch: Er hat nämlich einem Journalisten erzählt, dass er Obama ziemlich gut findet. Wie kam es dazu?
Krohns Rede 2009 dauert keine drei Minuten, doch sie reichte aus, um ihn berühmt zu machen. Der 13-Jährige hatte im Eigenverlag ein Buch namens "Define Conservatism" veröffentlicht und war nach Washington gereist, um auf der Conservative Political Action Conference, kurz CPAC, zu sprechen. Konservativ zu sein, das bedeutete für ihn weniger Staat und absoluter Schutz individueller Freiheiten. Er sei damals recht naiv gewesen, sagt der 17-Jährige im Interview:
"Ich trat also bei der CPAC-Konferenz auf und hätte nie damit gerechnet, dass dies eine so riesige Sache werden würde. Nach der Rede feierten mich viele Leute als die 'nächste große Hoffnung der konservativen Bewegung'. Die Republikaner betrachteten mich als eine Art Gottesgeschenk und sahen in mir so etwas wie die 'junge, kraftvolle Stimme des Konservativismus'."
Krohn
In den Monaten nach der Konferenz hat Jonathan für Fotos mit republikanischen Spitzenpolitikern wie Mitt Romney oder Newt Gingrich posiert, ist als Redner aufgetreten und hat ständig Autogramme geschrieben. Seine Eltern, die ihn in Georgia zu Hause unterrichteten, haben die Schulstunden regelmäßig unterbrochen, damit ihr Sohn in vielen konservativen Talkradio-Sendungen Interviews geben konnte. Auch bei Fox News war er Dauergast. Nach seiner furiosen CPAC-Rede hat Jonathan ein weiteres Buch geschrieben - dieses Mal für ein gutes Honorar. Als es im Winter 2010 auf den Markt kam und danach etwas Ruhe einkehrte, hat er sich ausführlich mit Philosophie beschäftigt, erzählt Jonathan. Er hat Kant, Schopenhauer, Hegel, Nietzsche und Wittgenstein gelesen - und plötzlich sind ihm Zweifel gekommen.
"Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht verstanden hatte, worüber ich geredet habe. Ich hatte einfach Phrasen wiederholt, die ich im konservativen Talkradio gehört hatte. Was weiß ein Teenager, der nie Steuern bezahlt hat, über Steuerpolitik? Was hat ein Kid, das immer gesund war, darüber zu sagen, ob die Armen eine Versicherung kriegen sollen? Für solche Dinge braucht es Lebenserfahrung. Dass ich mit 13 dachte, ich hätte Antworten auf jede Frage, war ziemlich bescheuert."
Krohn
Jonathan wurde bewusst, wie simpel das Weltbild vieler Republikaner ist: Es gebe nur schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Er begann, sich seine eigene Meinung zu bilden und findet es heute völlig in Ordnung, wenn Homosexuelle heiraten. Auch Obamas Gesundheitsreform findet Jonathan richtig und wenn der 17-Jährige im November bei der Präsidentschaftswahl mitmachen dürfte, bekäme Barack Obama seine Stimme - und nicht Mitt Romney. Als das Washingtoner Insider-Magazin Politico einen Artikel über Jonathans Meinungswandel ins Netz stellte, reagierten die US-Medien gewohnt aufgeregt - und wenig überraschend. Lawrence O'Donnell, einer der vielen linken Journalisten, die Jonathan Krohn in ihre Show eingeladen haben, reagieren hoch erfreut: "Welcome to New York when you get here. Congratulations for your thinking and opening your mind."
Bei Fox News war man hingegen ziemlich verärgert:
"The lesson: Kids should been seen, not heard and in rare cases abandoned in a forest."
Fox News
"I think he did that for girls. Yeah, puberty trumps politics."
Fox News
"It is not cool to be conservative when you're 17."
Fox News
Die heftige Reaktion der Fox-News-Moderatoren hat Jonathan getroffen - und zugleich bestärkt. Wie solle man Leute ernst nehmen, die darüber witzeln, Kinder im Wald auszusetzen, Jugendliche verspotten, weil sie sich für Philosophie interessieren und es nicht verstehen wollen, dass sich Menschen verändern? Im Internet wurde der 17-Jährige sogar als Verräter beschimpft. Für Jonathan ein Beweis für den Graben, der durch Amerikas polarisierte Gesellschaft läuft. Es gehe manchen Medien nicht um Fakten, sondern nur darum, die Meinung des eigenen Publikums zu bekräftigen:
"Ich hatte nicht gedacht, dass manche Leute so bösartig reagieren würden. Am schlimmsten war die Website 'Daily Caller'. Da wurden Worte verwendet, die ich in Amerika nicht im Radio sagen dürfte. Sie bezeichneten mich als Deppen, als nervig, als Arschloch. Dabei war das kein Kommentar, sondern ein Bericht, doch alle Quellen waren anonym. Das hat mit Journalismus nichts zu tun."
Krohn
Mit der Politik hat Jonathan abgeschlossen. Im Herbst wird er nach New York ziehen und an der NYU, einer der liberalsten Hochschulen Amerikas, studieren. Über sein „liberales Coming-Out“ hat der 17-Jährige einen bissigen Essay für das Online-Magazin salon.com geschrieben. Ihn erinnern Debatten zwischen Demokraten und Republika- nern an den Streit zwischen betrunkenen College-Studenten, welche Verbindung cooler ist. Sobald man sich für eine Seite entschieden habe, werde diese kompromisslos verteidigt und jeder Dialog verweigert. Für seine Zukunft hat Jonathan klare Ziele:
"Ich möchte mehr humorvolle Artikel schreiben, überhaupt mehr schreiben. Ich möchte auch Satire und Stand-Up-Comedy ausprobieren. Ich liebe Comedy, so wie Jon Stewart und Stephen Colbert das machen, und mit so etwas möchte ich viel lieber mein Leben verbringen. Ich möchte nicht gezwungen sein, eine Meinung zu jedem Thema zu haben. Ich will kein Ideologe sein, sondern einfach nur ich selbst, Jonathan Krohn."
Krohn

Wetter


