US-Wahlkampf Warum Emotionen in den "Debates" mehr zählen
Mitt Romney argumentierte beim ersten TV-Duell in Denver mit dem Blick aufs große Ganze und vor allem mit Gefühl. Dagegen ging Obama mit seinem Fokus auf Detail-Politik unter. Worauf kommt es bei der öffentlichen Wahl-Show wirklich an?
"Ich glaube, dass dies nicht nur eine Frage der Wirtschaftspolitik ist. Ich denke, es ist eine moralische Frage. Es ist einfach unmoralisch, dass meine Generation so viel mehr ausgibt als sie einnimmt, obwohl sie weiß, dass diese Last der nächsten Generation aufgebürdet wird. Unsere Kinder werden ihr Leben lang die Zinsen dafür zahlen. Dass wir jedes Jahr eine Billion Schulden aufnehmen, ist einfach unmoralisch."
Mitt Romney
Es war ein starker Auftritt von Mitt Romney bei der ersten TV-Debatte. Der Kandidat der Republikaner war eloquent, er war dynamischer als Präsident Barack Obama und wirkte sehr staatsmännisch. Elisabeth Wehling, die als Linguistin an der University of California in Berkeley forscht und auch Politiker der Demokraten berät, fiel auf, dass Romney seine Argumente oft mit Bezug auf seine Werte begründete.
"Die politische Kommunikation sollte immer an die Moral appellieren aus dem Grund, dass der Unterschied zwischen politischen Gruppen darauf beruht, dass sie unterschiedliche Werte nutzen, um über gesellschaftliche Fakten zu denken. In dem Moment, wo eine Partei oder Gruppe dem Mitbürger deutlich machen möchte, weshalb bestimmte Positionen bezogen werden, muss es immer an erster Stelle um die Werte gehen, um dann darzulegen, wieso bestimmte Fakten, das können Arbeitslosenzahlen sein, das können Zahlen zur Krankenversicherung sein, zu Handlungsnotwendigkeiten führen."
Elisabeth Wehling
Die Herausforderung für die Politiker besteht also vor allem darin, ihre Argumente und die vielen Zahlen aus Studien und Statistiken in größere Denkstrukturen einzubauen. Seit Jahrzehnten seien die Konservativen in Amerika hier deutlich erfolgreicher als die Liberalen, sagt Elisabeth Wehling und erläutert dies an einem Beispiel.
"Der Denkrahmen vom tax relief. Tax relief, also Steuererleichterung liefert automatisch eine bestimmte Interpretation von Steuern mit, nämlich das Verständnis, dass Steuern etwas Schädliches sind, etwas von dem man befreit werden kann, eine Last sind. In dem Moment, in dem ein Konservativer von der Steuererleichterung spricht, spricht er nicht nur über Fakten, sondern er transportiert er eine moralische Ansicht mit. In dem Moment, wo ein Demokrat die gleiche Wortwahl nimmt, liefert er - egal welche Fakten er dann debattiert auf dieser Grundlage, die moralische Prämisse der konservativen Gruppe mit."
Elisabeth Wehling
Den Republikanern ist es also gelungen, viele Begriffe umzudeuten. Oft sprechen sie bei ihrem Lieblingsthema, den stets zu hohen Abgaben, von tax burden, also von der angeblich so drückenden Steuerlast. Auch ein erfahrener Politiker wie Obama kann es - zumindest bei der ersten TV-Debatte in Denver - nicht vermeiden, die Ausdrücke und das darin verankerte Denkschema zu wiederholen.
"But I do want to reduce the burden being paid by middle-income Americans. And I - and to do that that also means that I cannot reduce the burden paid by high-income Americans."
Mitt Romney
"And that's why independent studies looking at this said the only way to meet Governor Romney's pledge is by burdening middle-class families."
Barack Obama
Dass es für Politiker heute so wichtig ist, auf Wörter zu achten, liegt auch an der Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Ein hoher Anteil des Denkens geschieht nämlich unbewusst und basiert zu einem großen Teil auf Emotionen und Moral. Auch die Erziehung und das vermittelte Familienbild spielen hier eine Rolle. Wenn es einer Partei gelingt, einen Begriff eindeutig in ihrem Sinne zu prägen, dann werde dieser immer wieder aktiviert und mit vielen Bereichen des Gehirns verknüpft. Den Mechanismus erklärt Elisabeth Wehling an einem weiteren, unpolitischen Beispiel.
"Wann immer Sie zum Beispiel ein Wort oder ein Bild verarbeiten im Gehirn, läuft eine Vielzahl an neuronalen Prozessen ab, die Sie so gar nicht überschauen können. Zum Beispiel das Wort Katze, wenn Sie bewusst darüber nachdenken, 'was heißt das für mich?', dann können Sie rational einige Dinge benennen wie 'Haustier', 'nett' oder 'kann man streicheln'. Was Ihnen aber nicht bewusst ist, ist dass gleichzeitig im Gehirn eine ganze Reihe motorischer Planungen abläuft. Die simuliert, was die typische Interaktion mit einer Katze bedeutet, also die prototypische Arm- oder Handbewegung."
Elisabeth Wehling
Mit ihrem Kollegen George Lakoff hat Wehling ein schmales Bändchen namens "Little Blue Book" veröffentlicht, in dem sie Politikern der Demokraten Tipps geben, wie diese erfolgreicher mit Sprache umgehen können. Dies ist besonders wichtig, wenn es darum geht, die Werte der wahlentscheidenden Wechselwähler anzusprechen.
Die Sprachwissenschaftlerin weiß, dass es Jahre dauern kann, neue Denkmuster in einen Diskurs einzuführen. So viel Zeit hat Barack Obama nicht, doch Wehling hofft, dass der 51-Jährige die Fehler der ersten Debatte vermeidet und stattdessen die Gesprächsführung an sich zieht und mehr über seine Moral spricht. Dass Obama das kann, hat er bereits bewiesen.
"In seinem ersten Wahlkampf, da hat er in relativ kurzer Zeit es geschafft, die Amerikaner wieder nahezu bringen, auf Basis der Empathie, der Kooperation zu handeln. Das hat er deswegen schaffen können, weil diese Grundwerte in der Bevölkerung ja schon vorhanden sind, aber nie auf die Politik übertragen wurden. Viele Amerikaner handeln im Alltag, innerhalb ihrer Familie, in ihrer Nachbarschaft, in ihrer Kirche im Sinne progressive Werte, doch es wurde ihnen nie die Möglichkeit gegeben, diese Werte auf das Politische, auf die Nation-Familie zu übertragen."
Elisabeth Wehling

Wetter


