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US-Wahlkampf Der einsame Kampf der Fact-Checker

Im amerikanischen Wahlkampf ist fast jedes Mittel recht, um den anderen schlecht dastehen zu lassen. Auch die Lüge. Doch seit ein paar Jahren gibt es die Fact Checker, die alle Aussagen der Politiker auf Ihren Wahrheitsgehalt prüfen.

Von: Matthias Kolb Stand: 28.09.2012
Motiv Truth-O-Meter auf einem Becher von Politifact.com | Bild: Matthias Kolb / BR

"Ich glaube, es hat immer zur Politik gehört, dass Kandidaten übertreiben und falsche Dinge behaupten. Bei uns in Amerika gibt es ein Sprichwort: 'Woran erkennst du, dass ein Politiker lügt? Weil sich seine Lippen bewegen.' Die Unehrlichkeit ist viel zu lange akzeptiert worden. Doch jetzt gibt es uns Fact-Checker, die den Politikern auf die Finger schauen."

Bill Adair, PolitiFact.com

Bill Adair begann vor 15 Jahren für die Tampa Bay Times aus Florida über Politik zu schreiben und verfolgte zum Beispiel 2004 das Duell George W. Bush gegen John Kerry. Immer öfter, so erzählt der 50-Jährige in seinem Washingtoner Büro, habe er ein schlechtes Gefühl gehabt, weil er die Behauptungen der Kandidaten nicht umfassend prüfen konnte. Das Schuldbewusstsein blieb und so schlug er im Sommer 2007 seinen Chefs vor, eine Fact-Checking-Website zu starten. Heute hat Adair 36 Mitarbeiter, die genau hinhören, wenn etwa Mitt Romney Präsident Obama vorwirft, sich im Ausland ständig für Amerika zu entschuldigen:

"I will begin my presidency with a jobs tour. President Obama began with an apology tour. America, he said, had dictated to other nations. No, Mr. President, America has freed other nations from dictators."

Mitt Romney

Bill Adair sprach mit Experten, las Archiv-Artikel und die Original-Reden des Präsidenten. Schnell war ihm klar: An Romneys Aussage ist so ziemlich alles falsch. Um dem Leser Orientierung zu geben, gibt es bei PolitiFact das Truth-O-Meter, so eine Art Wahrheitsskala: Die sechs Kategorien reichen von "wahr" über "teilweise falsch" bis zur Höchststrafe "Pants on Fire" - dem ertappten Übeltäter sollten für die dreiste Lüge die Hosen brennen. Stolz zieht Adair sein iPhone aus der Tasche und zeigt mir den Artikel auf der neuen PolitiFact-App.

Mitt Romney kommt auf 42 Prozent Falschaussagen

Dass Bill Adair von PolitiFact und das renommierte Portal Factcheck.org Mitt Romney der Lüge überführt haben, stört den Kandidaten keineswegs. Seine Berater wissen, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Leute extrem kurz ist und viele die Korrekturen nicht mitkriegen werden - so lässt sich dem Gegner das gewünschte Image verpassen. Glenn Kessler, der das Blog "The Fact Checker" der Washington Post betreut, hat ähnliches erlebt.

"Es ist vorgekommen, dass Romney oder Obama ihre Wortwahl geändert haben, nachdem ich manche Aussagen kritisiert hatte. Aber viel öfter wiederholen sie Statements, die eindeutig falsch sind. Die Politiker machen das, weil sie aus Umfragen wissen, dass diese Argumente wirken und ihnen Stimmen bringen."

Glenn Kessler, The Fact Checker/Washington Post

PolitiFact hat ermittelt, dass 42 Prozent der Aussagen von Romney falsch sind. Doch auch Obama, der einstige Polit-Messias, kommt auf 28 Prozent Lügenanteil. Seine Unterstützer investieren Millionen, um die Wähler mit einem Skandal-Spot zu bombardieren. In dem Clip spricht der arbeitslose Stahlarbeiter Joe Soptic in die Kamera. Ein Ausschnitt:

"Als Mitt Romney und Bain die Firma zumachten, verloren meine Familie und ich unsere Krankenversicherung. Kurz darauf wurde meine Frau krank. Sie starb nur 22 Tage später. Ich glaube nicht, dass Mitt Romney bewusst ist, was er anderen Leuten angetan hat. Ich glaube, es kümmert ihn einfach nicht"

. Stahlarbeiter Joe Soptic in einem Werbespot Obamas

Fact-Checker Bill Adair vor einem seiner Untersuchungsobjekte: Barack Obama - als Pappfigur

Schnell fanden Journalisten heraus, dass die Ehefrau erst Jahre nach der Entlassung ihres Manns verstorben war. Dem Obama-Lager war dies zwar peinlich, doch der Clip wird bis heute ausgestrahlt. Erstaunlicherweise wirken die Fact-Checker Bill Adair und Glenn Kessler weder empört noch frustriert, wenn sie von diesen Beispielen erzählen. Sie erwarten nicht, dass sie die festgefahrenen Meinungen von Millionen Amerikanern schnell verändern können. Doch irgendwann, so die Hoffnung, soll ihre Arbeit dazu führen, dass die Wähler die Kandidaten für ihre Lügen bestrafen und die Politiker einen ehrlicheren Wahlkampf führen, in dem Argumente zählen. Bis dahin ist es aber ein langer Weg, fürchtet Glenn Kessler von der Washington Post:

"Dieses Land ist extrem gespalten. Die Linken mögen meine Kolumne nur, wenn ich die Republikaner angreife und die Rechten mögen sie, wenn ich böse Dinge über die  Demokraten schreibe. Ganz selten erhalte ich Emails von Lesern, die sich bedanken, dass sie etwas über die Tricks ihrer bevorzugten Partei gelernt haben. Mir scheint, viele Amerikaner hassen die Demokraten beziehungsweise die Republikaner so sehr, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, Fakten zur Kenntnis zu nehmen."

Glenn Kessler, The Fact Checker/Washington Post


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