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Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft Schöne Worte reichen nicht - der Mittelbau organisiert sich

Zwei Tage Lehre an der Uni, nebenher wird Espresso serviert und Milch geschäumt: Ein neues Netzwerk bringt die Debatte über die prekären Beschäftigungsverhältnisse von Privatdozenten an deutschen Universitäten wieder in Gang.

Von: Lena von Holt

Stand: 07.02.2017

Hochschule Augsburg | Bild: Bayerischer Rundfunk

"Ich bin insgesamt sehr zufrieden mit meinem Dasein als Privatdozent. Ich lehre gerne, ich schreibe auch gerne für die Vorlesungen. Aber man macht sich natürlich immer so seine Gedanken und man ist auch mehrfach im Gespräch mit den Kollegen darüber, wie die Situation so ist. Und irgendwann denkt man sich, man müsste mal was dagegen unternehmen. Es ist eine Gerechtigkeitssache, würde ich letztlich sagen."

Günter Fröhlich

Günter Fröhlich ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Regensburg und unterrichtet dort zwei Tage die Woche. An den anderen Tagen serviert er im Café "Drei Mohren" in Regensburg Espresso, schäumt Milch auf und spült Gläser. Günter Fröhlich gehört zum sogenannten Mittelbau der deutschen Unis, dessen Arbeitsalltag durch miserable Bezahlung, unbefristete Stellen und Planungsunsicherheit geprägt ist. Und das, obwohl er den Lehrbetreib an den Hochschulen am Laufen hält. Günter Fröhlich nennt dieses System eine moderne Form von Sklaventreiberei und hat deshalb Klage beim Bayerischen Verfassungsgericht eingereicht.

Der sogenannte Mittelbau der deutschen Universitäten

Um die Situation des Mittelstands zu verbessern, hat sich nun das "Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft" gegründet. Peter Ullrich ist einer der Initiatoren:

"Da regt sich auch seit einiger Zeit Widerstand. Es gibt Initiativen an verschiedenen Orten. Unser Anliegen mit der Gründung des Netzwerkes war es erstmal, diese Initiativen zusammenzubringen und den Mittelbau für sich selbst sprechfähig werden zu lassen. Und mit Mittelbau meinen wir wirklich sehr inklusiv von studentischen Beschäftigten bis hin zu den PrivatdozentInnen, die teilweise zu Löhnen weit unterhalb vom Mindestlohn arbeiten müssen, die keinerlei Planungssicherheit haben. Wir wollten eine Plattform bieten, um politische Forderungen zu artikulieren - und dazu bietet das Netzwerk jetzt ein Forum."

Peter Ullrich

Die Initiative kritisiert aber nicht nur die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus, sondern sieht das Wissenschaftssystem insgesamt als unterfinanziert. Während die Zahl der Studierenden seit Jahren steigt, steigt die Grundfinanzierung der Unis nicht mit. Oder das Geld wird in Prestigeprojekte wie Exzellenzinitiativen gesteckt - kommt also nicht dort an, wo es dringend gebraucht wird.

Das deutsche Lehrstuhlprinzip abschaffen

Das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft fordert deshalb eine grundlegende Änderungen in der Struktur des Wissenschaftsbetriebs. Beim Gründungstreffen in Leipzig vor zwei Wochen haben Peter Ullrich und seine Netzwerk-Kollegen zwei zentrale Forderungen zusammengetragen:

"Die eine Forderung zielt darauf, dass deutsche Lehrstuhlprinzip abzuschaffen. Die Ordinarien-Universität, in der einige wenige privilegiert über Machtpositionen verfügen - das wollen wir nicht. Wir wollen demokratischere Institute. Die zweite Forderung zielt darauf, das wissenschaftliche Sonderbefristungsgesetz abzuschaffen, was dazu führt, dass WissenschaftlerInnen mit dem aktuellen Wissenschaftsvertragszeitgesetz nur sechs Jahre nach dem Studium und sechs Jahre nach der Promotion in der Wissenschaft beschäftigt werden können. Danach müssen sie raus, wenn sie nicht auf einige der raren Professuren kommen."

Peter Ullrich

Auch Michael Lippok von der Uni Augsburg ist Mitglied im Netzwerk. Bisher hat er mit seiner Mittelbauinitiative alleine für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft - wie andere Initiativen an deutschen Unis. Er hofft, dass man mit einer bundesweiten Vernetzung nun endlich mehr Gehör für das Thema findet:

"Ich erwarte mir vor allem vom Netzwerk, dass es dabei bleibt, die gesellschaftliche Debatte über die prekären Beschäftigungsbedingungen an Universitäten in der Öffentlichkeit zu halten. Das ist ein Randthema in der Öffentlichkeit und deshalb auch in  gewerkschaftlichen Tarifverhandlungen selten ins Zentrum gerückt wird. Und das verdient es eigentlich, weil die neoliberalen Beschäftigungsstrukturen meines Erachtens an Universitäten um einiges stärker zu tragen kommen, als in der normalen Wirtschaft."

Michael Lippok

"Wir werden mit Aktionen auf uns aufmerksam machen"

Peter Ullrich vom Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft denkt noch einen Schritt weiter: Wenn ihre Forderungen nicht gehört werden, würde das Netzwerk auch zu Taten schreiten. Organisiert haben sie sich jetzt ja.

"Langfristig denke ich, muss es auch darum gehen, streikfähig zu werden, weil ich glaube, dass schöne Worte in dem Bereich nicht reichen. Man wird fast niemanden im Bereich der Hochschulpolitik finden, der nicht anerkennt, dass die Beschäftigungssituation problematisch ist. Das unterschreibt jeder. Aber wir müssen zeigen, dass diejenigen, die davon betroffen sind, das nicht länger auf sich sitzen lassen, das nicht hinnehmen werden. Und da werden wir auch mit Aktionen auf uns aufmerksam machen."

Peter Ullrich


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