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Operation Weltrettung? "Ohne den Feminismus ist die Demokratie gefährdet"

Der einst totgesagte Feminismus erlebt gerade ein riesiges Revival: beim Women's March in Washington gingen eine halbe Million Menschen auf die Straße, am Weltfrauentag protestierten 10.000 Frauen in der Türkei gegen Gewalt und die AKP. Demonstriert wurde nicht nur für Frauenrechte, sondern auch gegen Nationalismus und einen Rechtsrutsch. So politisch wie der Feminismus gerade ist: kann er die Welt retten?

Von: Katharina Mutz

Stand: 24.03.2017

Demo in Berlin zum Weltfrauentag 2017 | Bild: picture-alliance/dpa/Jan Scheunert

"Ich marschiere für meinen muslimischen Nachbarn" – solche und ähnliche Plakate gab es massenweise zu sehen beim Women's March in Washington nach der Amtseinführung von Donald Trump. Hunderttausende Menschen protestierten nicht nur gegen frauenfeindliche Sprüche und Sexismus, sondern auch gegen Islamophobie, Rassismus und Nationalismus. Entsteht da gerade ein ganz neuer Feminismus? Nein, sagt die Publizistin und Bloggerin Antje Schrupp. Für die öffentliche Wahrnehmung des Feminismus sei es etwas Neues, für Feministinnen selbst nicht.

Schließlich wird unter ihnen schon lange eine Frage diskutiert: Kämpfen wir nur gegen Sexismus? Oder braucht es nicht mehr für eine gerechte Gesellschaft? Dass sich der Feminismus heute nicht mehr nur auf Frauenrechte konzentriert, sondern Themen wie Rasse, Klasse und sexuelle Orientierung mitdenkt, das ist das Ergebnis langjähriger Arbeit, sagt Jovita dos Santos Pinto, die das feministische Bündnis "We can’t keep quiet" in der Schweiz mit koordiniert. Gerade marginalisierte Frauen hätten in dieser Hinsicht viel bewegt. "Ich denke da an LGBTQ-Bewegungen, ich denke da an Women of Colour, ich denke an Migrantinnenorganisationen, die schon seit Jahrzehnten darauf aufmerksam machen, dass ein Feminismus breiter gedacht werden muss und verschiedene soziale Ungleichheiten mitdenken muss."

Ein ideales Zugpferd für andere Bewegungen

Das Thema ist also alt. Neu ist, dass all das auf einmal in die Öffentlichkeit dringt und dass feministische Bewegungen einen allgemeinen zivilgesellschaftlichen Protest anführen. Antje Schrupp findet das nur logisch. Gerade weil der Feminismus heute breiter aufgestellt ist als in seinen Anfängen sei er ein ideales Zugpferd für andere Bewegungen.

"Die Frauenbewegung ist meiner Meinung nach momentan diejenige soziale Bewegung, die tatsächlich am ehesten diese zivilgesellschaftlichen Proteste organisieren und moderieren kann, gerade weil sie eben Differenz denken kann und nicht mit klaren, einheitlichen Forderungen auftritt."

Publizistin Antje Schrupp

Dass feministische Proteste gerade weltweit so sichtbar und laut sind, hat natürlich auch mit dem Rechtsruck in vielen Ländern zu tun. Denn der mobilisiert viele, die bislang eher passiv waren. Zum Beispiel in der Türkei. In Istanbul protestierten am Weltfrauentag mehr als 10.000 Menschen gegen Gewalt gegen Frauen – aber auch gegen die Politik von Präsident Erdogan und der AKP. Feministische Gruppen seien für die türkische Zivilgesellschaft von zentraler Bedeutung, sagt die Journalistin Sibel Schick. Die feministische Bewegung sei zur Zeit stärker als alle anderen Bewegungen.

"Frauen werden Gewalt ausgesetzt, auch auf der Straße, von der Polizei – die gehen aber am nächsten Tag trotzdem raus und protestieren erneut."

Journalistin Sibel Schick

Der Feminismus in der Türkei sei viel stärker geworden innerhalb der letzten zehn Jahre, das sähen auch die Politiker. Und das könnte laut Schick auch ein Grund dafür sein, dass sie in den letzten Jahren umso gewalttätiger mit Frauen umgingen.

Eine Demonstration in Istanbul zum Weltfrauentag am 8. März 2017

Die türkische Linke allerdings sieht bislang noch kaum, welche Bedeutung der Feminismus für die Gesellschaft haben könnte. Linke Gruppierungen in der Türkei seien davon überzeugt, dass man vor allem das Klassenproblem angehen muss und sich Geschlechterfragen dann von alleine lösen, sagt Sibel Schick. Rechte Politiker dagegen nehmen feministische Bewegungen durchaus ernst. Zumindest wettern sie weltweit gegen das Recht auf Abtreibungen, gegen den "Genderwahnsinn" und gegen "verknöcherte Feministinnen". Diese Feindschaft kommt nicht von ungefähr, sagt die Publizistin Antje Schrupp. Sie ist überzeugt, dass sich an der Position zum Feminismus und zur Freiheit der Frauen entscheidet, ob man für eine gerechte oder für eine andere Gesellschaft eintreten kann oder nicht.

"Man kann nicht Antifeminist sein und für eine gute, für eine gerechte Gesellschaft eintreten. Das haben die Rechtspopulisten ganz gut verstanden und sich zurecht den Feminismus als Gegnerin ausgesucht."

Antje Schrupp

Politischer Druck durch sichtbare Proteste

Zwei Frauen beim Women's March in Washington, D.C.

Aber wie gefährlich ist diese Gegnerin? Kann der feministische Protest wirklich etwas ausrichten? Die Bilder von Frauenmärschen weltweit sind beeindruckend, klar. Aber mit Donald Trump regiert immer noch ein Mann, der auf Frauenrechte pfeift und der rassistische Ressentiments fördert. Plakate allein helfen da nicht weiter. Jovita dos Santos Pinto vom Schweizer Frauenbündnis "We can't keep quiet" widerspricht. Die vielen Bewegungen weltweit vernetzten und bestärkten sich gegenseitig. Und weil ihr Protest so gut sichtbar sei, werde politischer Druck aufgebaut – das verändere den gesellschaftlichen Diskurs und bestärke die Gesellschaft darin, über Begriffe wie Gerechtigkeit und Ungleichheit zu diskutieren, die ja gerade innerhalb von rechtspopulistischen Diskursen verschwinden. "Ich glaube, die Diskussionen werden geführt. Die werden in einer Breite geführt, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe."

Kann Feminismus also Demokratie nachhaltig verändern? Vielleicht sogar die Welt retten? Ja, sagt die Journalistin Sibel Schick. Allerdings nur unter einer Bedingung:

"Wenn Feminismus und andere systemkritische Bewegungen zusammenkommen und zusammenarbeiten, dann werden sie zusammen die Welt retten können."

Sibel Schick

Operation Weltrettung? Ganz so weit würde die feministische Bloggerin Antje Schrupp nicht gehen. Aber auch sie sagt: Ohne den Feminismus miteinzubeziehen, kann der demokratische Prozess nicht erneuert werden. "Wenn diese Erkenntnisse und Analysen des Feminismus, die in den vergangenen Jahrhunderten erreicht und entwickelt wurden, da nicht mit einfließen, dann wird dieser Prozess scheitern und dann wird die Demokratie sehr, sehr gefährdet sein."


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