Bayern 2 - Zündfunk


26

Refugee Air: Luftbrücke nach Europa "Man sollte die Fluggesellschaften direkt fragen: Warum macht ihr das nicht?"

Wer die Bilder von den vielen Flüchtlingen sieht, die versuchen, über das Meer nach Europa zu kommen, die dafür ihr Leben riskieren und Schleppern tausende von Euro zahlen, der hat sich diese Frage mit Sicherheit schon gestellt: Warum dürfen Flüchtlinge kein Flugzeug nehmen? Die schwedische Initiative Refugee Air will das jetzt ändern.

Von: Michael Bartle

Stand: 15.09.2015

Schwedische Initiative Refugee Air will Flüchtlinge in die EU fliegen | Bild: Refugee Air

Zündfunk: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Flüchtlinge per Direktflug nach Skandinavien zu bringen?

Emad Zand (Refugee Air): Wir hatte die Idee Freitag vor zwei Wochen. Meine Freundin Susan und ich haben darüber geredet, wie verheerend die Situation für Migranten in Europa geworden ist und warum wir Menschen zum Mond fliegen aber nicht dafür sorgen können, dass sie von der Türkei nach Griechenland kommen, ohne dabei zu sterben. Wir sagten uns, wir sind beide Unternehmer, es muss doch bessere Lösungen dafür geben und dann haben wir damit angefangen.

Zündfunk: Jetzt hat Ungarn die Grenzen dicht gemacht - ihr müsst euch beeilen mit euren Luftbrücken...

Emad Zand: Ja, du hast Recht. Auf dem Landweg wird die Lage immer dramatischer, die Flüchtenden wollen unbedingt weiter, aber die legalen Möglichkeiten werden ihnen mehr und mehr genommen. Und das bedeutet auch, dass noch mehr Menschen verletzt werden oder in den Booten sterben werden. Unsere Luftbrücke scheint immer mehr der einzig vernünftige Weg zu sein, um Flucht zu ermöglichen. Nicht nur, weil mehr und mehr Staaten ihre Grenzen dichtmachen. Sondern auch, und das werden Ihnen viele Experten bestätigen: wenn wir die Menschen einfliegen lassen können, dann haben wir eine viel bessere Kontrolle über die Migrationsbewegungen. Wir wissen dann, wer genau zu uns kommt, wann sie ankommen und woher sie kommen. Also diese Luftbrücken tragen auch viel zur Sicherheit bei. Und wir freuen uns sehr, dass unser Projekt langsam Fahrt aufnimmt.

Zündfunk: Wie soll denn euer Refugee Air Projekt funktionieren? Hattet ihr schon Gespräche mit skandinavischen Fluggesellschaften?

Emad Zand: Es gibt bei diesem Projekt verschiedene Facetten: logistische und juristische. Wir haben uns schlau gemacht und heraus gefunden, dass die Airlines nur ein geringes oder gar kein Risiko eingehen würden, egal ob es nun die schwedische SAS ist oder die Lufthansa, wenn sie syrische Flüchtlinge mit syrischen Pässen nach Europa einfliegen würden. Die schwedische Gesetzeslage ist dazu ziemlich eindeutig, und ich glaube, das gilt auch für die Bundesrepublik: Wenn du nachweisen kannst, dass du aus Syrien bist, dann bist du ein Bürgerkriegsflüchtling und bekommst Asyl.

Zündfunk: Trotzdem nochmal die Frage: Was sagen die Airlines? Nach europäischem Recht müssen die das finanzielle Risiko tragen und für den Rücktransport sorgen, wenn jemand dann doch abgelehnt wird.

Logo von Refugee Air

Emad Zand: Ja, wir haben das mit den Airlines diskutiert und sie argumentieren genau wie Sie. Aber wenn man sich die europäischen Trägerhaftungsgesetze genau durchliest, dann steht da zwar, dass die Airlines die finanzielle Verantwortung tragen, aber in der Genfer Konvention steht eben auch, dass Menschen die Asyl suchen, eben nicht unter dieses Gesetz fallen sollen. Heißt also: Trägerhaftungsgesetze sollten Fluggesellschaften nicht davon abhalten, Asylsuchende zu befördern. Vielleicht fehlen ihnen nur "Incentives", also moralische oder finanzielle Anreize. Man sollte das die Fluggesellschaften direkt fragen: Warum macht ihr das nicht? Das ist doch zahlende Kundschaft; sie zahlen im Moment doch viel mehr für die Boote als für ein Flugticket, warum wollt ihr sie nicht transportieren?

Zündfunk: Welche Menschen würdet ihr denn in diese Flugzeuge steigen lassen, es ist ja eine ziemliche Verantwortung, unter den Hunderttausenden auszuwählen? Ich kann mir vorstellen, viele würden gerne ausgeflogen werden?

Emad Zand: Ja, die moralische Verantwortung ist uns sehr bewusst. Wir können dazu nur sagen, dass so eine Luftbrücke der sicherste Weg ist, Menschen auszufliegen, die im Moment nicht in der Lage sind, selbst zu fliehen. Also Frauen mit Kindern. Menschen, die den schwierigen Landweg nicht schaffen können sind diejenigen, die als erste von diesen Luftbrücken profitieren sollten. Aber wir wollen auch ganz eng mit den NGOs vor Ort zusammen arbeiten, mit der UNHCR. Die sollen bei der Auswahl mithelfen, wer schnell auf die Passagierlisten muss – wer aus humanitären Gründen raus muss, der soll als erstes rausdürfen, da darf kein anderes Kriterium zählen.

Freiwillige Helfer bieten Flüchtlingen kostenlose Autotransfers von Ungarn nach Wien an | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Unterwegs im Flüchtlingskonvoi "Ich bin ein Schleppjunkie"

Stefanie Sargnagel ist bekannt als super unterhaltsame Netz-Autorin und hat auch schon für den Zündfunk geschrieben. Außerdem gehört sie zu den Leuten, die mit dem Auto nach Ungarn fahren und einfach Flüchtlinge einladen, um sie vor der miserablen Situation dort zu bewahren. [mehr]

Zündfunk: Emad, kannst du sagen, wann ihr damit anfangt?

Emad Zand: Wir verfolgen ja zwei Ziele: Es gibt die "Let them fly"-Kampagne. Damit haben wir in zehn Tagen 350.000 Menschen erreicht, vielleicht die erfolgreichste Kampagne überhaupt zu dem Thema. Das andere ist: Bei unserem ersten Flug werden wir höchstens 200 Menschen ausfliegen können. Aber wenn wir das geschafft haben, dann können wir das ganz genau und exemplarisch dokumentieren: wie die rechtliche Situation dann in der Praxis aussah, die Trägerhaftung und wie die Auswahl vor Ort geklappt hat – damit dieses Projekt auch von anderen wiederholt werden kann, auf der ganzen Welt! Dann kann auch Deutschland sein eigenes Refugee Air starten. Italien kann das dann nachmachen, England, Frankreich. Wir wollen nur das Modell bauen und allen zeigen, dass das klappt. Und jeder würde dabei gewinnen: Deutschland gewinnt, Schweden profitiert, die Asylsuchenden gewinnen. Die einzigen, die verlieren, das sind die Schleuser.


26