Bayern 2 - Zündfunk


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Rechte Bots auf Twitter "Die Bots versuchen jetzt in der Endphase des Wahlkampfs Themen zu platzieren"

Rechte Bots haben sich offenbar in den Bundestagswahlkampf eingeschaltet. Darauf weist der Verein "Fearless Democracy" hin, der sich gegen Angriffe auf die Zivilgesellschaft im Internet einsetzt. Dessen Vorsitzender Gerald Hensel erklärt, wie die Bots agieren und was ihr Ziel ist.

Von: Oliver Buschek

Stand: 13.09.2017

Zündfunk: Herr Hensel, auf der Website des Vereins „Fearless Democracy“, dessen Vorsitzender Sie sind, war zu lesen, dass sich nun in der Endphase des Bundestagswahlkampfs rechte Bots eingeschaltet haben, vor allem bei Twitter. Was sind das für Bots und was machen Sie?

Gerald Hensel: Das sind eigentlich die Typen, die wir auch schon im US-Wahlkampf vor allem auf Twitter gesehen haben. Das sind Content-Bots, also im Prinzip Software, die so verdrahtet ist, dass sie gegenseitig Inhalte hochliken und durch Retweets nach oben bringen. Das heißt, man manipuliert ein Stück weit das System, das hinter Twitter steht und versucht, aus einem Nichts einen Scheinriesen zu machen.

Und was für Inhalte sind das?

Das sind bei dem, was ich bisher gesehen habe, meistens sehr rechte Inhalte, die eine gewisse AfD-Nähe aufzeigen.

Können Sie das konkreter sagen? Was für rechte Positionen, Meinungen, Aufrufe werden da gepostet?

Das ist die ganze Klaviatur des Hasses gegen das Establishment, gegen Migration, das Weitertreiben des Märchens von der Islamisierung des Abendlandes. Was allerdings interessant und auch für diese Phase des Wahlkampfs neu ist: dass mit visuellen Metaphern, mit Memes aus dem US-Wahlkampf stark gearbeitet.

Sie meinen zum Beispiel Pepe, den Frosch. Eine Figur, die im Trump-Wahlkampf eine große Rolle gespielt hat. Pepe quakt jetzt also auch in Deutschland.

Pepe ist quasi für Deutschland in vielerlei Hinsicht „re-designed“ worden. Das heißt, in Deutschland läuft Pepe entweder mal mit nem AfD-Tshirt rum, gerne auch mal in der Version als Bismarck.

Gerald Hensel, Vorsitzender des Vereins "Fearless Democracy"

Und was macht Sie jetzt sicher, dass das jetzt alles von Bots verbreitet wird? Können da nicht einfach ganz viele fleißige Menschen mit rechter Gesinnung dahinter stecken?

Das ist natürlich immer eine Mischung aus Bots und echten Menschen. Bots haben ja die Aufgabe, dass sie aus wenig viel machen. Das heißt, der Ursprung eines Tweets ist meistens menschengemacht. Aber danach schaltet man quasi eine Serie, eine Batterie an Bots hintereinander, die in möglichst hoher Frequenz dieses Thema retweeten und dementsprechend dieses Thema nach oben bringen. Bots sind in dem Fall erkennbar, dass sie meistens im September 2017 Twitter beigetreten sind, dass sie nur untereinander vernetzt sind, dass sie sonst keine Follower haben. Und dass sie teilweise vier bis 5 Tweets pro Minuten raushauen, obwohl sie letzte Woche erst auf Twitter angefangen haben.

Und kann man feststellen, wer diese Bots ins Leben gerufen hat? Also Sie haben die AfD genannt…

Ich habe nicht gesagt, dass die AfD das ins Leben gerufen hat, das wäre auch nicht beweisbar. Die Bots haben eine Nähe zur AfD. Es ist aber nicht gesagt, dass es von der AfD beauftragt ist, das will ich auch nicht behaupten.

Welchen Effekt können denn solche Bots haben? Kann so eine Aktion wirklich die Wahlentscheidung beeinflussen bei Menschen?

Naja, ich glaube, dass sich die Bots in Deutschland grundsätzlich schwerer tun als in den USA. Deutschland ist schlechter vernetzt. Das ist ein kleinerer Markt auf Twitter. Was die Bots in Deutschland tun, sind aber zwei Dinge: Erst einmal glaube ich wird hier ein Testfall geschaffen. Es werden im Umfeld der Bundestagswahl, ganz kurz vor der Bundestagswahl die Regeln geändert, um zu schauen, wie das System darauf reagiert und wie man auch mit Schmutzkampagnen arbeiten kann. Und zum Zweiten haben wir eine Situation, dass hier natürlich der Versuch gemacht wird, ein Stück weit Meinung in Massenmedien zu schaffen. Bots haben eigentlich immer die Aufgabe ein Thema zu platzieren in der großen weiten Masse. Und wenn man schon mit Twitter den Durchschnittsdeutschen vielleicht jetzt nicht erreichen kann, dann kann man auf jeden Fall sehr viele Journalisten erreichen auf Twitter, die oft einen Twitter-Account haben. Hier ist also der weitere Versuch - und das haben wir schon im letzten Jahr häufiger gesehen - Themen zu platzieren, Begriffe zu kapern und die in den Mainstream-Journalismus einzuspeisen.

Nun haben Sie ja selbst ge sagt, es kommt relativ spät im Wahlkampf. Bisher hieß es ja, es gäbe im Internet keine besonderen Vorkommnisse. Keine russischen Hacker, eben auch keine Bots. Jetzt setzt die AfD dann doch eine Schmutzkampagne ein, setzt auf Angela Merkel „die Eidbrecherin“, was massiv verbreitet wird und wir haben diese Bots. Warum gerade jetzt so in der Endphase?   

Ich habe nur ein Gefühl. Ich habe letzte Woche mit einem französischen Bekannten darüber gesprochen. Er meinte zu mir, naja die Deutschen haben ja den Luxus, dass sie die letzte große europäische Wahl dieses Jahr haben, das heißt, das System lernt. Auch die  staatlichen Behörden merken natürlich ein bisschen, wo die Gefahr her kommt. Und wenn man diesem System, das ja immer noch sehr schwerfällig ist und sich mit dem Digitalen nicht besonders leicht tut, genug Vorwarnungszeit gibt, dann könnte es weniger effektiv sein als wenn man es in der letzten Woche oder in den letzten eineinhalb Wochen vor der eigentlichen Wahl beginnt. Dass da irgendein Plan eine ganze Weile schon geschmort hat, ist wenig überraschend, aber wenn man diesen Plan eine Woche vor der Wahl zündet, dann sind die langsamen staatlichen Behörden und alles, was damit zu tun hat, einfach nicht mehr in der Lage rechtzeitig zu reagieren.

Vielen Dank für das Gespräch.


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