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Giesinger gegen Gentrifizierung Wie Baufirmen vom hippen Image des ehemaligen Münchner Arbeiterviertels profitieren wollen

Neue Cafés und Läden, coole Stadtteilpartys und mittendrin der TSV 1860 München – der Stadtteil Giesing boomt. Kein Wunder, dass das auch Investoren mitbekommen. Wie kann man sich gegen eine skrupellose Gentifizierung wehren? Und: Wie viel tragen hippe Kulturveranstaltungen zur Entwicklung bei?

Von: Katharina Mutz

Stand: 08.09.2017

Bis vor einer Woche stand hier, in der Oberen Grasstraße 1, noch ein hübsches einstöckiges Häuschen. Jetzt klafft zwischen den Nachbarhäusern ein Loch. Ein Haufen Bauschutt – mehr ist von dem denkmalgeschützten Gebäude nicht geblieben. Die Polizei hat das Grundstück abgeriegelt, an den Zaun haben Anwohner Protestplakate gehängt. Eines zeigt ein Kreuz, darauf steht: "Durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommenes, unwiederbringlich zerstörtes Stück Obergiesinger Heimat! Die trauernden Nachbarn."

Carmen Dullinger-Oßwald ist Vorsitzende des zuständigen Bezirksausschusses Obergiesing. Sie wohnt um die Ecke, kennt fast alle hier im Viertel – und alle kennen sie. Einer Nachbarin, die am "Tatort" stehenbleibt, erklärt sie: Das Haus müsse wieder aufgebaut werden – und zwar in seinen Originalmaßen. Denn dass das Kalkül des Bauherrn aufgeht und er in die Lücke ein gewinnbringendes, mehrstöckiges Gebäude pflanzt – das wollen Carmen Dullinger-Oßwald und viele Anwohner unbedingt verhindern. Der Besitzer habe wohl gedacht, dass er für das, was er bezahlt hat, das Doppelte oder Dreifache rausholen könne, vermutet sie. Dass ein Bauunternehmer ein unter Denkmalschutz stehendes Haus einfach plattwalzt – das ist auch für die Vorsitzende des Bezirksausschusses neu. Insgesamt aber passt die Aktion ins Bild: Dullinger-Oßwald kennt einige Fälle in der Gegend, bei denen Baufirmen mit rücksichtslosen Methoden ihren Gewinn maximieren wollen: Sie stellen Strom oder Wasser ab, deponieren Gerümpel im Haus oder rüsten das komplette Gebäude ein – und ekeln die Mieter so erfolgreich aus den Wohnungen.

"Energetische Modernisierungen"

Anderthalb Kilometer weiter südlich, einmal den Berg runter in Untergiesing, sitzt Maximilian Heisler in einer Bäckerei am Candidplatz. Der 29-Jährige mit Dalí-Bärtchen engagiert sich ehrenamtlich für diverse Projekte, unter anderem als Vorsitzender für das "Bündnis Bezahlbares Wohnen". Gerade hat er um die Ecke Mieter beraten, deren Wohnungen demnächst saniert werden - und damit sehr viel teurer. Neue Fenster und Türen, größere Balkone, ein Außenaufzug und eine bessere Wärmedämmung: All das läuft unter dem Stichwort "energetische Modernisierungen". Für die Mieter, sagt Heisler, habe das verheerende Konsequenzen: Denn in einem energiesanierten Haus steigt die Miete um 300 bis 500 Euro – pro Monat. Klar, dass das nur die allerwenigsten bezahlen können. Die Folge: Die Mieter ziehen aus. All das ist legal: Paragraph 559 des Bürgerlichen Gesetzbuches erlaubt, dass die Kosten für energetische Modernisierungen zu einem bestimmten Prozentsatz auf den Mieter umgelegt werden können. Das müsse sich ändern, verlangt Heisler: Es sei absurd die Mieter dafür zahlen zu lassen, dass der Eigentümer am Ende eine aufgewertete Immobilie habe – die er dann für noch mehr Geld weiterverkaufen könne.

Allerdings: Schicke Eigentumswohnungen zu gesalzenen Preisen verkaufen sich nur in einer guten Lage. Und zu dieser Lage tragen nun einmal auch Kulturveranstaltungen entscheidend bei. Das weiß auch Tuncay Acar, der mit diversen Projekten im Münchner Kulturleben mitmischt: Mit seinem Verein "Real München" für kulturelle Vielfalt hat er am vergangenen Wochenende das "Ois Giasing"-Kulturfest organisiert. Dass solche Veranstaltungen mit zur Gentrifizierung beitragen können – das ist ihm durchaus bewusst, erzählt er bei einem Teller Pasta. Schließlich hat er das mit seinem temporären Club "Import Export" nahe dem Münchner Hauptbahnhof selbst erlebt: Als er dort rausmusste, stellte er bei der Suche nach einer neuen Location fest, dass das "Import Export" als wertsteigernd für das Viertel angepriesen wurde. Er sagt: "Wir stecken in einem Zwiespalt."

Deshalb keine Events mehr zu organisieren, ist für Tuncay allerdings keine Option. Schließlich könne es doch genauso gut Kulturveranstaltungen geben, die auch die Bürger vor Ort einbeziehen: "Wenn man sagt ,Kulturveranstaltungen‘ heißt es immer: Jetzt kommen die Hipster. Aber das muss doch gar nicht so sein. Es kommt darauf an, wie man die Inhalte setzt und wen diese Inhalte ansprechen." Denn Inhalte, die für die alten und neuen Bewohner eines Viertels gleichermaßen interessant sind, können am Ende sogar dazu beitragen, ein Viertel gegen Gentrifizierung zu stärken, ist Tuncay überzeugt.

Stadt muss mehr tun, um Flair zu erhalten

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Ähnlich sehen das auch Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann vom Münchner Indie-Plattenlabel Trikont. Sie haben ihr Büro seit 1977 ein Stück weiter unten auf der Tegernseer Landstraße. Damit das spezielle Flair von Giesing erhalten bleibt, müsse auch die Stadt mehr tun, findet Eva. Die vielen Migranten und jungen Leute, die Kneipen und Biergärten – all das dürfe sich nicht verändern, nur weil sich ein paar millionenschwere neu Zugezogene in ihren Eigentumswohnungen über ein bisschen Lärm beschweren. Die Stadt müsse deshalb den reichen Immobilienbesitzern ganz klar kommunizieren: "Du hast unter bestimmten Bedingungen dein Geld investiert - und diese Bedingungen ändern wir nicht. Ihr kommt nicht hierher, um die Grundvoraussetzungen für das Leben in einem Viertel zu ändern." Natürlich trage auch Kultur dazu bei, dass sich ein Viertel verändert, dass es attraktiver wird. Aber sich deshalb zurückzuhalten – das hält Achim von Trikont für Quatsch. Man müsse ein Viertel so attraktiv machen, wie man könne und wolle. Wenn das dann andere Investoren anziehe, sei das grundsätzlich kein Problem. Es komme einfach darauf an, wie die Neuen ihr Geld einsetzen: ob sie Aktionen veranstalten, die sich an die Bürger im Viertel richten oder solche, die sich an eine Schickimicki-Klientel wenden – und für die meisten alteingesessenen Giesinger selbst viel zu teuer wären. "Wenn das völlig scheiße läuft, müssen diese Leute mit unserem Widerstand rechnen," stellt Achim klar.

Widerstand hat in Bezug auf das niedergewalzte Häuschen übrigens auch schon Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter signalisiert: Man werde "mit aller Härte" gegen die Verantwortlichen vorgehen. Zumindest in diesem medienwirksamen Fall also kann man hoffen, dass die Strategie der Spekulanten nicht aufgeht. Ansonsten aber wird sich das Münchner Gentrifizierungskarussell genauso weiterdrehen wie bisher.


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