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G20-Gipfel Wo die linke Bewegung in einer vernetzten Welt steht

Wenn sich Merkel, Trump und die übrigen führenden 20 Regierungschefs der Welt in Hamburg zum Gipfel treffen, treffen sich auch deren zahlreiche Kritiker. Meist hat der globale Berg sogar zwei Spitzen: den offiziellen Gipfel und einen Gegengipfel. Aber gibt es eine geschlossene Opposition?

Von: Ralf Homann

Stand: 06.07.2017

Zum aktuellen Hamburger Gipfel der 20 wirtschaftlich stärksten Industrie- und Schwellenländer organisieren mehr als 75 Organisationen einen "Gipfel für globale Solidarität" und noch viel mehr versammeln sich zu einem Protestcamp. Doch die große Zahl an Unterstützern, die demonstrativen Sicherheitsvorkehrungen oder die begleitenden Kämpfe um Aufmerksamkeit täuschen schnell über eins hinweg: Das Interesse an den globalen Zusammenkünften schwindet seit Jahren.

"Was vielleicht der Unterschied zu früher ist: Es fehlt der Schwung der Kontinuität. Also man kommt nicht aus einer Kontinuität von Gipfelprotesten, sondern man fängt irgendwie neu an bei G20", meint Stefanie Kron. Sie ist Referentin für Internationale Politik und Soziale Bewegungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Nicht nur die Gegenveranstaltungen schmelzen ab, auch die offiziellen Gipfel sind im Umbruch: Immer mehr Länder sind nötig, um noch eine gemeinsamen globalen Führungsanspruch legitimieren zu können. Aus der ehemaligen Gruppe der Sieben (G7) sind mittlerweile 19 Staaten plus die EU geworden, die für vier Fünftel des Weltbruttoinlandsprodukts, drei Viertel des Welthandels und zwei Drittel der Weltbevölkerung stehen.

G20-Protest am 5. Juli 2017 in Hamburg

Doch die Statistik täuscht eine Einigkeit vor, die nicht der Realität entspricht, sagt Mario Neumann von der Stiftung Solidarische Moderne: "Wir finden eigentlich eine komplett zerstrittene G20 vor und einen globalen Kapitalismus, der sich reorganisiert, der aber auf eine bestimmte Weise auch desorganisiert ist. Eine globalisierungskritische Linke, die sich heute sozusagen dieser Herausforderung stellt, die ist vielleicht gerade im Entstehen, aber sie hat sich noch nicht konstituiert." Beim G20-Gipfel in Hamburg will die Bundesrepublik, die 2017 den Vorsitz der G20 führt, "eine vernetzte Welt gestalten".

"Aktuelle Bewegungen werden sehr schnell größer, zum Teil aufgrund der Nutzung sozialer Medien während der Tage der Mobilisierung, als Menschenmengen auf der Straße jedoch zerfallen sie ebenso schnell", analysiert Geert Lovink, Professor für Medientheorie an der European Graduate School in Saas-Fe. Liegt gerade in der globalen Vernetzung ein Grund für den Bedeutungsschwund weltweiter persönlicher Zusammenkunft? Die Abkehr von den Gipfeln könnte sogar als ein Zeichen der Stärke linker Bewegungen interpretiert werden. Diese Zuversicht strahlt Hagen Kopp aus, vor 20 Jahren Mitbegründer von "Kein Mensch ist illegal" und bis heute für Geflüchtete aktiv: "Für viele Menschen zählt in erster Linie die lokale, unmittelbare Praxis, also das, was sie direkt in ihrer Stadt, in ihrem Sprachkurs, in ihrem Kirchenasyl machen können. Da wollen sie was umsetzen und weniger gucken, was überregional politisch damit angefangen werden kann."

Mehr zu diesem Thema:
Zündfunk Generator - Global vernetzt, und jetzt: Wo steht die linke Bewegung?
Sonntag, 09.07.2017 - 22:05 Uhr bis 23:00 Uhr

Oder im Podcast.


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