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G20-Proteste in Hamburg Drei Dinge, die ich trotz der Gewalt gerne in Erinnerung behalten werde

Bei den G20-Protesten haben viele Menschen extreme Gewalt erfahren. Unsere Autorin hat sie nur beobachtet. Sie hatte aber auch schöne, interessante und berührende Erlebnisse.

Von: Julia Fritzsche

Stand: 10.07.2017

Auf einer Demo oder einem Massenprotest macht jede Person eine andere Erfahrung. Je nach Standpunkt. Inhaltlichem und physischem. Die knapp zwei Millionen Einwohner*innen Hamburgs, die 76.000 Teilnehmer*innen der Demo am Samstag, die 20.000 Polizist*innen, die 6.000 Journalist*innen und die vielen anderen Anwesenden haben vermutlich so viele Eindrücke, wie sie Menschen sind. Viele von ihnen haben Gewalt erfahren: Unbeteiligte, Polizisten, Demonstrierende, Journalistinnen. Ich hab keine Gewalt erfahren, sie aber beobachtet: Freitagnachmittag in der Nähe der Landungsbrücken ging 50 Meter vor mir ein BMW in Brand auf. Freitagabend fuhr die Polizei – ob absichtlich oder nicht, ist unklar - einen demonstrierenden Radfahrer an und sprühte, als die Umstehenden sich empörten, innerhalb von Sekunden Pfefferspray, trat zu und fuhr wieder weg. Das sind nur zwei von mehreren gewaltvollen Taten unterschiedlicher Beteiligter, die ich beobachtet habe. Ich möchte diese Gewalterfahrungen nicht schmälern. Sie sind schmerzvoll und brutal. Ich möchte ihnen aber andere Ereignisse zur Seite stellen. Denn ich hatte auch schöne, interessante und berührende Erlebnisse in Hamburg. Hier deshalb drei Dinge, die ich gern in Erinnerung behalten würde.

1. Die Ideen

In den sechs Tagen, die ich in Hamburg verbrachte, war die Stadt voll mit politischen und künstlerischen Aktionen. Am Grünen Jäger, einem Park, in dem die Leute abhängen und Bier trinken, informierten Aktivist*innen vom Bündnis "Recht auf Stadt" zum Beispiel über das Projekt "Urban Citizenship", das ich nicht kannte – die Idee ist, dass Menschen ohne Aufenthaltsstatus eine Art Stadtbürgerschaft in Form einer Karte bekommen, die sie berechtigt, Stadtbibliotheken zu benutzen, Ärzte aufzusuchen oder günstig Medikamente zu bekommen. Daneben begegneten mir gefühlt jeden zweiten Tag die sieben Aktivistinnen in neonfarbenen Strumpfhosen, die durch Straßen schlichen und mit ihren Megafonen die Machtasymmetrie eines Gipfels der "G20" gegenüber den anderen knapp 200 Staaten kritisierten – mit Slogans wie "Es scheint als sei die Welt eine Scheibe, von der die anderen restlichen Staaten gerade herunterfielen". Auf dem Alternativgipfel schließlich sprachen kolumbianische Aktivisten davon, welche Schäden der Kohleabbau bei ihnen anrichtet, andere Aktivistinnen aus verschiedenen sozialen Bewegungen wie Care-Revolution, Postwachstumsbewegung oder Anti-Kohle-Bewegung planten, wie sie sich für ihre gemeinsamen Ziele – vor allem ein Leben nach Bedürfnissen statt nach Profit – zusammenschließen können.

2. Die solidarische Stimmung

Es gab auch friedliche Proteste mit Glitzer auf den Straßen.

Nicht vergessen möchte ich auch die Stimmung dieser Tage. Wie 25.000 Menschen bei der Demo "Lieber tanz‘ ich als G20" durch die Straße dancten, sangen und Glitzer warfen. Wie Dutzende im Innenhof des alternativen "Gängeviertels" Zwiebeln schnibbelten, um die "Küche für alle" zu versorgen. Wie jemand im Supermarkt einer unbekannten Person hinter sich in der Schlange, die nicht genug Geld dabei hatte, die Limo spendierte. Oder wie der FC St. Pauli seine Tore öffnete: 200 Menschen durften dort schlafen, für ein bis drei Euro freiwillige Spende gut essen, und die Klos benutzen, die in diesen Tagen im Sinne eines guten anderen Lebens unisex waren.

3. Die andere Hegemonie

Schließlich möchte ich nicht vergessen, dass in diesen Tagen ein anderer Grundkonsens bestand, wie ich ihn sonst nicht oft erlebe. Natürlich hängt das mit der konkreten Mischung von Menschen aus Kunst, Wissenschaft und Politik zusammen, und den Vierteln, in denen sich die Proteste und Aktionen abspielten. Aber in den alternativen Stadtteilen, in denen ich viel unterwegs war, Altona, St. Pauli, Schanze, hatten gefühlt alle Blumenläden, Bäckereien, Frisiersalons, Plattenläden und Eckkneipen gegen G20 plakatiert. Und sogar der 19-jährige Martin-Schulz-Fan auf der Tanzdemo und der Merkel-Wähler aus der Werbebranche auf der Großdemonstration waren sich in großen Teilen mit den Veranstalter*innen der Gipfelproteste einig, dass die gegenwärtige Weltordnung, vor allem das Leben von einigen im globalen Norden auf Kosten der Natur und der Vielen im globalen Süden so nicht weitergehen kann. Der Werbetyp hatte übrigens einen Wischmob dabei. "Der friedliche Mob" stand darunter.

Ich werde versuchen, diesen anderen Grundkonsens, diese Ideen und diese Stimmung in meiner Erinnerung nicht verblassen zu lassen. Ich weiß, dass viele ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und ich wünsche mir, dass sie nicht von den Bildern brennender Barrikaden und eigenen Gewalterfahrungen zu sehr verdrängt werden.


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