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Im Interview: Medienethiker Alexander Filipović Macht sich der Journalismus derzeit angreifbar?

Der Tod eines syrischen Flüchtlings wegen der Zustände am Lageso Berlin war frei erfunden. Eine Katastrophe für die Helferszene. Aber auch ein Beispiel dafür, wie das Social Web Medien und Politik vor sich her treibt. Ein Gespräch mit dem Medienethiker Alexander Filipović.

Von: Sammy Khamis

Stand: 28.01.2016

Tweet des Journalisten Daniel Bröckerhoff zu angeblichem Lageso-Opfer | Bild: Daniel Bröckerhoff / Twitter

Die Vergewaltigung bzw. Nicht-Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens in Berlin und nun der erfundene tote Flüchtling vor dem Lageso. Wer instrumentalisiert da was? Oder instrumentalisieren alle alles?

Ich würde sagen, die russischen Stellen wissen ganz gut, wie in Deutschland soziale Netzwerke funktionieren. Ich glaube, dass auch die Flüchtlingshilfe-Netzwerke inzwischen sehr gut kommunizieren. Es gibt so etwas wie ein allgemeines Bestreben Öffentlichkeit nicht zu übernehmen, aber doch sehr stark zu gestalten oder zu steuern. Das stört natürlich so etwas wie eine freie Kommunikation. Und das erschwert letztlich eine freie Meinungsbildung in einer Gesellschaft – und somit eine gute Politik.

Mediennutzer müssen heute schon fast über journalistisches Handwerk beherrschen, um Meldungen einordnen zu können, aber auch Journalisten müssen lernen mit Echtzeit umzugehen.

Moabit hilft | Bild: dpa-Bildfunk zum Artikel Toter Flüchtling in Berlin Eine reine Phantasiegeschichte

Die Nachricht schlug hohe Wellen: Ein Asylsuchender soll in Berlin gestorben sein, nachdem er tagelang vor dem umstrittenen Landesamt Lageso warten musste. Doch jetzt stellte sich heraus: ein Flüchtlingshelfer hat den Fall erfunden. Von Claudia Schweikl [mehr]

Die Menschen heutzutage haben den unbedingten Anspruch selber ihre Meinung zu den Dingen kundgeben zu wollen. Und sie reagieren unter Umständen allergisch darauf, dass ihre Meinungen vielleicht auch nicht gehört werden. Anders als der Tagesschau-Kommentar, der ja auf jeden Fall gehört wird. Sprich, ihre Meinung wird nicht gehört, die falsche Meinung von Journalisten, die ihrer Ansicht nach nicht legitimiert sind zum Volk zu sprechen, aber schon. Daraus kommt dann wahrscheinlich so etwas wie das Gefühl, es gäbe da ein System, das das Volk belügt. Das ist eine seltsam regressive Einstellung auf die Komplexität der Welt zu reagieren.

Seitdem im Spätsommer so viele Geflüchtete hier in Bayern und in ganz Deutschland ankamen, ging ein Großteil der Medienlandschaft, u.a. die Süddeutsche Zeitung und auch wir von Bayern 2, zu einer Berichterstattung über „Willkommenskultur“ über und wie schön das alles ist. Waren wir da zu naiv?

Dazu tendieren Journalistinnen und Journalisten in letzter Zeit tatsächlich. Das heißt sie wollen einen Rat, ob sie alles richtig gemacht haben. Oder eben wie sie das in Zukunft besser angehen. Ich sehe das als positives Zeichen dafür, dass Selbstreflexionsprozesse im Journalismus institutionalisiert sind. Dennoch schwimmt der Journalismus auch auf den Wellen, auf denen die Gesellschaft schwimmt. Das ist normal. Diese Art von Willkommenskultur - oder das „Flüchtlingssommer-Märchen“ -das ist nicht alleine durch „den“ Journalismus hervorgerufen worden: Der Journalismus reagierte auf eine tatsächlich vorhandene Willkommenskultur.

Alexander Filipović , Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München

Journalisten verstärken das vielleicht. Aber sie haben auch über die bedenklichen Ausschreitungen von Rechtsradikalen gegen Asylbewerber in Heidenau berichtet. Es ist nicht leicht für den Journalismus zu reagieren. Das hat die Silvesternacht in Köln gezeigt, wo der Journalismus erst spät aufgewacht ist. Wie darüber geschrieben wurde lag auch an der Polizei und ihrer „Informationspolitik“.

Was aber auffällt ist, dass die Kritik an der Berichterstattung mittlerweile genauso Thema ist, wie der Kern der Berichterstattung selber. Die Medienkritik läuft heutzutage mit, zeitgleich, würde ich sogar sagen. Das heißt, wir haben gar nicht mehr die Ruhe und die Gelassenheit uns wirklich mit akuten Problemen zu beschäftigen. Dazu zähle ich auch Kriminalität von Ausländern oder Geflüchteten. Die gute alte Idee einer räsonierenden Öffentlichkeit, wie Habermas sie entworfen hat, ist gefühlte 200 Jahre zurück. Wir müssen uns an die Art der Echtzeit-Öffentlichkeit erst noch gewöhnen.


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