Bayern 2 - Zündfunk


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Ulli Köppe Diesem Mann verdanken wir die "Ehe für alle"

Ulli Köppe stellte eine Frage, die die Republik verändert hat: „Wann darf ich meinen Freund, der hier neben mir sitzt, meinen Ehemann nennen?“ Die Antwort darauf kam heute aus dem Bundestag: Ab sofort. Ein Interview.

Von: Sammy Khamis

Stand: 30.06.2017

Ulli Köppe schaut sich die Abstimmung über die "Ehe für alle" im Bundestag am 30.6.2017 an. Er hatte Angela Merkel mit seiner Frage nach der "Ehe für alle" bei einer Talkrunde herausgefordert. | Bild: picture-alliance/dpa

Ulli Köppe, 28, ist „mit Merkel groß geworden“, wie er selbst sagt. Und er mag sie, auf Facebook hat er ihre Seite geliked. Der LGBTIQ-Aktivist hat die Kanzlerin am Montagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion getroffen und ihr eine Frage gestellt, die die Republik verändert - und sein Leben auf den Kopf gestellt hat.

Wir haben Ulli Köppe heute Mittag in Berlin erreicht – sein Tagesprogram bis dahin war: Ab 6:30 Uhr Interviews geben, zur Abstimmung schnell in den Bundestag, dann auf die Demo vor dem Bundestag, vielen Politikerinnen und Politikern die Hand schütteln. Weiter Interviews geben. Zwischen all der Hektik ist Ulli Köppe vor allem eines: Wahnsinnig glücklich, dass Schwule und Lesben bald heiraten dürfen in Deutschland.

Zündfunk: Am Montag hast Du im Rahmen einer Talkrunde eine sehr deutliche Frage an Kanzlerin Angela Merkel gerichtet und dafür eine sehr unklare Antwort bekommen. Hast Du denn sofort gecheckt, was Angela Merkel Dir dort geantwortet hat?

Ulli Köppe: Nein, natürlich nicht. Tatsächlich blieb bei mir so ein bisschen der Part hängen, wo sie über das lesbische Paar mit den acht Pflegekindern gesprochen hat. Das fand ich gut, dass sie gesagt hat, das habe sie zum Nachdenken angeregt. Aber das Wort „Gewissensentscheidung“, das war mir bis dahin nicht bekannt. Ich habe da auch nichts rausgehört.

Bist Du dann eigentlich mit einem komischen Gefühl im Magen nach Hause gegangen?

Ne, überhaupt nicht. Ich bin danach mit meinem Freund Essen gegangen. Aber dann hatte ich eine Eilmeldung auf dem Handy, da stand: Merkel ist der Eheöffnung gegenüber offen. Und da dachte ich: Das habe ich so gar nicht wahrgenommen. Ich war mit der Antwort, dass sie sagt: Ich bin bereit meine eigentliche ursprüngliche Einstellung, meine Sicht als die Pfarrerstochter, die konservativ erzogen wurde, die mit dem Christlichen im Parteinamen – dass diese Frau plötzlich sagt: Ich bin bereit über etwas nachzudenken und meine Meinung dazu vielleicht zu ändern oder, wenn es das Volk eben wünscht, das dann eben auch zu öffnen – da habe ich Respekt vor.

393 Ja-, 226 Nein-Stimmen und vier Enthaltungen – so das Ergebnis der Abstimmung heute Morgen im Bundestag. 75 Abgeordnete der Union stimmten für die „Ehe für alle“ – Angela Merkel war nicht unter ihnen.

Als sie mit dem roten Kärtchen zur Urne gelaufen ist, da war ich ein bisschen enttäuscht. Ich kann sie als Christdemokratin verstehen, aber ich hatte bei ihrer Antwort auf meine Frage doch das Gefühl gehabt, dass sie bereit war, ihre Meinung zu ändern und dazu zu stehen.

Wie fühlt man sich, wenn man den Stein ins Rollen gebracht hat?

So geht doch Politik, so wollen wir es doch haben, oder? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten gesprochen – ich würde mich da gerne rausnehmen: Ich denke, es gibt andere Personen, die das Ganze in eine Richtung gesteuert haben – die die Ernte dafür einfahren können. Ich bin das bestimmt nicht. Ich war heute das erste Mal im Bundestag und habe eine sehr, sehr spannende Diskussion erlebt: Johannes Kahrs (SPD) ist so außer sich gewesen. Auch Volker Kauder (CDU) ist zu Wort gekommen und konnte die konservative Meinung nochmal darlegen, das ist völlig in Ordnung. So soll Politik sein. Am Ende wurde sogar eine Konfetti-Kanone verschossen.

Volker Beck hat sich wahnsinnig gefreut. Sein letzter Auftritt im Bundestag und dann wird das, wofür er jahrelang gekämpft hat, tatsächlich Wirklichkeit.

Ich kann Volker Beck und viele andere im Bundestag verstehen, die Freude war so groß, das war wirklich unglaublich emotional. Mit 28 gehöre ich einfach nicht zu der Generation, die so gekämpft hat wie Volker Beck. Ich glaube, als er das Thema das erste Mal in den Bundestag gebracht hat, da war ich noch nicht auf der Welt. Ich bin in einer viel toleranteren, entspannteren Zeit groß geworden.

Am 1. Juli beginnt der Pride-Month. Ein Monat voll mit Christopher Street Days und verschiedenen Veranstaltungen für LGBTIQ-Personen. In den letzten Jahren hat die Community beispielsweise die „Ehe für alle“ gefordert von der Politik – was kommt als nächstes?

Entschuldige: Von einer Akzeptanz in der Gesellschaft, da sind wir noch weit davon entfernt, wo wir eigentlich hin wollen. Es gab erst diese Woche einen tätlichen Angriff. Die Zahl der homophoben Übergriffe steigt sogar. In der vergangenen Woche wurde der CSD in Istanbul niedergeschlagen. Da ist noch viel zu tun.

Am Dienstag, als es anfing danach auszusehen, als ob das Gesetz durchkommt, habe ich für einen kurzen Moment gedacht: Du machst dich gerade selbst arbeitslos – ich arbeite für einen schwulen Verlag, das Blue Magazin, wir organisieren Trucks für den CSD. Aber das ist Quatsch, es gibt noch viel zu tun. Es gibt in unserer Gesellschaft noch zu viel Intoleranz, der wir entgegentreten müssen.


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