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Die glorreichen Sieben Diese sieben CSUler haben für die "Ehe für alle" gestimmt

Sieben von 56. So viele Abgeordnete der Bayerischen CSU haben am vergangenen Freitag für die "Ehe für alle" gestimmt. Seitdem haben sie viel Post, zahlreiche Mails und Messages erhalten - nicht nur positive. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Von: Sammy Khamis

Stand: 03.07.2017

Hochzeitstorte, Ehe für alle, gleichgeschlechtliche Ehe | Bild: picture alliance / Sven Simon

Hans Michlbach - "Mein Account ist voll mit Schimpf und Schande"

Was haben Sie über ihre Partei gelernt?

Wir sind innerparteilich mit vielen Mails konfrontiert worden - pro und contra. Aber ich habe auch geschluckt. Mir wurde vorgeworfen, dass ich mich nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen würde, dass ich verfassungswidrig abstimmen würde. Nach 38 Jahren als Mandatsträger berührt einen so eine Aussage aus der eigenen Partei!

Was haben Sie über Ihr Gewissen gelernt?

Das Postfach meines Accounts ist voll mit Schimpf und Schande, homophobe Vorbehalte, wie ich sie im 21. Jahrhundert nicht vermutet hätte. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden zu haben. Es war eine intensive Gewissensprüfung und ich habe mich dafür entschieden, weil ich nicht dagegen sein kann, dass Kinder in glücklichen Familien aufwachsen.

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Dagmar Wöhrl - "Früher war ich die Einzige in der Partei"

Was haben Sie über Ihre Partei gelernt?

Ich bin ein altes Schlachtross, mich wollte niemand umstimmen - aber bei den Jungen war das anders.

Was haben Sie über Ihr Gewissen gelernt?

Ich muss über mein Gewissen nichts "neu" lernen. Ich war viele Jahre lang in dieser Frage engagiert. Deswegen treffen mich auch Kommentare auf Facebook nicht wirklich. Aber ich bin froh, an meinem letzten Tag im Bundestag abstimmen zu können. Es war an der Zeit, sich der Lebensrealität anzupassen.

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Bernd Fabritius - "Kein Streit, nur Argumente"

Was haben Sie über Ihre Partei gelernt?

Ich habe lernen können, dass Respekt für alle Positionen da war - auch wenn ich vor der Abstimmung vier oder fünf Telefonate führen musste. Sie wollten wissen, warum ich so abstimme, wie ich abgestimmt habe. Es gab keinen Streit, nur Argumente. Und die Argumente für die Eheöffnung waren für mich stärker.

Was haben Sie über Ihr Gewissen gelernt?

Mit sich selbst im Reinen zu sein. Auf Frage, ob ich meinen Partner heiraten darf, konnten wir nur mit Verständnis antworten. Getrenntgeschlechtliche Partner werden durch dieses Gesetzt nicht berührt. Die Diskussion war emotional.

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Gudrun Zollner - "In der SPD konnte auch nicht jeder nach seinem Gewissen abstimmen"

Was haben Sie über Ihre Partei gelernt?

Wichtig war die Freigabe über die Entscheidung durch unseren Chef, dass es eine Gewissensentscheidung ist. Ich glaube nicht, dass das in der SPD auch so war.

Was haben Sie über Ihr Gewissen gelernt?

Was soll ich gelernt haben?! Die CSU ist eine Volkspartei. Bei uns gibt es alle Meinungen, genau wie in der Bevölkerung. Ich hätte mir einen anderen Begriff gewünscht, "Lebensbund" oder Ähnliches. Jetzt ist es nicht so gekommen, aber ich kann morgens immer noch in den Spiegel gucken und habe bei mir zu Hause in Niederbayern nur Zustimmung bekommen.

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Wolfgang Stefinger - "Ich bin kein Rebell – aber wir Sieben sind der Anfang"

Was haben sie über Ihre Partei gelernt?

Ich sehe mich nicht als Rebell in der CSU, ganz und gar nicht. Ich bin meinem Gewissen gefolgt. Und ich habe gesehen, dass man manches gar nicht so rational erklären kann, sondern aus dem Gefühl heraus. Insofern war es eine richtige Sache, dass die Bundeskanzlerin gesagt hat, jeder soll so entschieden, wie er es für richtig hält. Was ja grundsätzlich im Grundgesetz auch festgeschrieben ist. Ich habe bei diesem Thema immer schon eine sehr liberale Auffassung vertreten. Die Argumente sind für mich ausschlaggebend. In unserem Grundgesetz steht natürlich der Schutz der Ehe drin, aber auch die Gleichheitswerte und die Freiheit und das sind unsere Verfassungswerte. Danach muss ich am Ende entscheiden. Ein Blick in die Zukunft? Sieben Abgeordnete waren schon mal ein Anfang - und ich denke, es werden immer mehr.

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Astrid Freudenstein - "Es überwiegen eindeutig die leisen Töne"

Die Reaktionen fallen bei diesem Thema erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Persönliche Beschimpfungen hatte ich nach der Abstimmung nicht - Briefe und Emails, in denen Skepsis oder Ablehnung zum Ausdruck kommt, natürlich schon. Vor allem über die sozialen Medien gingen bei mir eine ganze Reihe sehr persönlicher Nachrichten ein, in denen Homosexuelle oder oft auch Verwandte von Homosexuellen Erleichterung und Dankbarkeit ausdrücken. Da sind auch sehr persönliche Geschichten dabei. Es überwiegen eindeutig die leisen Töne.

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Tobias Zech - war leider nicht erreichbar

Tobias Zech hat in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse schon vor der Abstimmung über die "Ehe für alle" angekündigt, dafür zu stimmen.

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Weitere Einsichten nach sieben Telefonaten mit CSU-Bundestagsabgeordneten:

- Fünf von Sieben sagen "Tschüss" statt "Auf Wiederhören" - müssen wir die Frage nach der der Heimatverbundenheit neu stellen?
- Alle sind happy, dass die Ehe eine Renaissance feiert "nachdem die 68er die Ehe schon abschaffen wollten" (Dagmar Wöhrl).
- Viele der Abgeordneten sehen sich von der SPD betrogen, weil sie die Gesetzesänderung so schnell auf die Tagesordnung gesetzt hat, wobei Dagmar Wöhrl nachschiebt, die Entscheidung sei der "Vertragsbruch mit den wenigsten Verlierern".


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