Bayern 2 - Zündfunk


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Marlon James und das Bob-Marley-Attentat "Man braucht keine weißen Menschen, um weiße Vorherrschaft zu praktizieren"

Noch nie zuvor ist die gewalttätige Geschichte Jamaicas und das Leben und Sterben in den Ghettos von Kingston literarisch so herausragend beschrieben worden wie in dem Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" von Marlon James.

Von: Klaus Walter

Stand: 28.04.2017

Eine kurze Geschichte von sieben Morden? Der Titel täuscht. Kurz ist die Geschichte nicht. 858 Seiten und etwa alle sieben Seiten ein Mord. Manchmal auch sieben Morde auf einer Seite. Der monumentale Roman ist vieles auf einmal: Politthriller, Sittengemälde, Geschichtsbuch, Doku-Fiction, Kriminalroman. Und Musik gewordene Sprache. Mit Jamaikas berühmtesten Musiker in einer Hauptrolle, der einen Mordanschlag im Jahr 1976 nur mit Glück überlebt hat.

"Wenn du in Jamaika über das Attentat auf Bob Marley schreiben willst, dann musst du über Waffen schreiben, dann musst du recherchieren, woher die Waffen kommen. Wie können Leute sich Waffen leisten, die nicht mal was zu essen haben? Dann landest Du bei der Außenpolitik der USA und beim Einfluss der Weltpolitik auf karibische Angelegenheiten. Und dann gehst du zurück zum Kommunismus und zum Kalten Krieg. Und bevor du es merkst hast Du einen Roman von dieser thematischen Breite und Vielfalt."

Bob "Red Boy" Marley

Zündfunk: In Ihrem Roman gibt es kein Entrinnen vor den politisch motivierten Bandenkriegen. Und es gibt es kein Außerhalb von Colour. Hautfarbe & Haare, Race & Gender markieren Herkunft und Status und werden geradezu konkretistisch beschrieben. Das betrifft auch Bob Marley. Der Sänger ist nicht schwarz, er hat einen weißen Vater. Was bedeutet das?

Marlon James: Er war der red boy. Mal wird er als Hellhäutiger diskriminiert, mal wird er um seine helle Haut beneidet.

Ist auch unter Nichtweißen hellere Haut mehr Wert als dunklere?

Klar ist hellere Haut begehrter als dunklere, deswegen ist das Bleichen der Haut so verbreitet. Aber Hautbleiche macht deine Haut nicht heller, sie macht sie pinker.

Sie sprechen von "Shadism". Das kommt von Schatten und bezeichnet den Rassismus unter Schwarzen. Existiert der bis in die Gegenwart?

Der Shadism ist nach wie vor akut, dunkle Haut, helle Haut, das hat eine Bedeutung. In Jamaika kann man sehen, dass man nicht unbedingt weiße Menschen braucht, um weiße Vorherrschaft zu praktizieren. Hautbleichen ist weiße Vorherrschaft, das passiert hier, und das passiert in Nigeria. Songs, die hellhäutige Frauen preisen, das ist weiße Vorherrschaft. Wir verwechseln zu oft weiße Vorherrschaft mit weißen Herrschern. Als ob es einen rasenden weißen Rassisten bräuchte, um Rassismus zu leben? Nein. Man braucht keine Weißen, um weiße Vorherrschaft zu praktizieren, weiße Vorherrschaft ist überall.

Wie erklären Sie sich, dass diese Art von Rassismus bis ins 21. Jahrhundert anhält?

Man Booker Preisträger: Marlon James

Wir bilden uns ein, dass die Sklaverei vor zweitausend Jahren abgeschafft wurde. Dabei sind nicht mal zweihundert vergangen. Wir tun so, als wären wir unserer Zeit voraus, als hätten wir das alles überwunden.

Nicht überwunden ist die krasse Homophobie in Jamaika, die in Ihrem Roman eine große Rolle spielt. Als Ursache für den gewalttätigen Hass auf Schwule wird oft die Sklaverei genannt. Nach dieser These wurden männliche Sklaven gezwungen, möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen zu zeugen. So kompensierten die Sklaven ihre erniedrigte Männlichkeit. Sklaven, die in diesem Zeugungswettlauf versagten, galten als unmännlich, als Battyboys, Schwuchteln, Abschaum. Teilen Sie diese These?

Wenn die massive Homophobie auf die Sklaverei zurückgeht, woher kommt dann die Homophobie etwa in Uganda? Auch ohne Sklaverei glauben viele ugandische Männer, dass sie ihre Männlichkeit dadurch unter Beweis stellen, dass sie möglichst viele Kinder in die Welt setzen und sind dabei massiv homophob. Was ist mit der Homophobie im Irak, die beim sogenannten Islamischen Staat praktiziert wird? Die Sklavenhalter sollen uns unsere Männlichkeit genommen haben? Nein, sie haben uns die Familie genommen. Die Homophobie entsteht in Gesellschaften, die Religion benutzt sie, um ihre Gemeinde zu aufzuhetzen.

Sie leben heute in den USA. Ihr Verlag schreibt, dass sie Jamaika wegen der Ressentiments und gewaltsamer Übergriffe gegen Schwule verlassen haben. Wurden Sie persönlich verfolgt?

Ich habe nie gesagt, dass ich als schwuler Mann in Jamaika verfolgt wurde, dieses Narrativ wurde mir angehängt. Ich bin nie einer Anti-Gay-Gestapo in die Arme gelaufen, die mich killen wollte. Aber natürlich war meine Homosexualität ein Grund für mich, Jamaika zu verlassen. Ich bin niemals diskriminiert worden. Es ist schwer, mich als Gay-Man in Jamaika diskriminiert zu fühlen, denn in Jamaika war ich nicht gay. Ich hatte keinen Freund, ich habe nicht mit Männern geschlafen, ich hatte kein Interesse daran. Das war für mich der Beweis, dass ich nicht etwa diskriminiert wurde, sondern dass ich Angst davor hatte, dass ich diskriminiert werden könnte. Mir ist bislang noch nichts passiert, aber weiter so zu leben, damit mir nichts passiert, das ist für mich unakzeptabel.

Ein feiner Unterschied. Der schwule schwarze Jamaikaner in Amerika möchte dem heteroweißen Europäer, der ihn da befragt, auf keinen Fall einen Triumph gönnen: das Gefühl der moralischen und zivilisatorischen Überlegenheit gegenüber dem zurückgebliebenen Jamaika. Und er möchte sich nicht von einem hetero-weißen Europäer erklären lassen, wie das in Jamaika mit dem Schwulenhass funktioniert. Zweihundert Jahre nach der Sklaverei bleibt es kompliziert.

Oben könnt Ihr die Sendung als Audio anhören. Oder Ihr könnt es als Podcast runterladen.


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