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Kommentar Das Problem mit den Religions-AGBs

Nach den Terroranschlägen von Paris diskutieren in den sozialen Medien viele über Religion. Unser Autor Christian Schiffer hat nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 einen Kommentar über "Religions-AGBs" geschrieben - der heute leider immer noch aktuell ist.

Von: Christian Schiffer

Stand: 16.11.2015

Solidarität mit Charlie Hebdo | Bild: picture-alliance/dpa

Die Suchbegriffe sind "Charlie Hebdo Shooting", "Charlie Hebdo murder", "Charlie Hebdo Killing". Ich scrolle durch Youtube, Nachrichtenclips, verwackelte Handyvideos, verpixelte Opfer, Schnitte, Standbilder, maskierte Männer, die in einen Kleinwagen steigen. Durch eines der Browser-Tabs rattert der Live-Ticker vom Guardian, im anderen aktualisiere ich per F5 Spiegel Online. Auf Facebook poste ich einen Buzzfeed-Artikel zu den besten Karikaturen zum Attentat, der sich über den Abend zum meistgeteilten Artikel meines bisherigen Facebook-Daseins entwickelt, dann teile ich einen Tweet des Schriftstellers Peter Glaser.

"Weltweit sollten Zeitungen morgen die Cartoons von Charlie Hebdo auf ihre Titelseiten nehmen."

Tweet von Peter Glaser

Eine Forderung, die ich unterstütze und es ist ja gut, Forderungen zu haben, in einer Zeit, in der einen Ratlosigkeit übermannt. Die Timeline ist mittlerweile voll von "Je Suis Charlie"-Bannern, weiße Schrift auf schwarzem Grund. Und dann irgendwann beginnen sie, die Debatten. In meinem Kommentarfeld postet der Freund eines Freundes:

"Wenn ihr meint, der rassistische Müll von Charlie Hebdo hätte was mit Religionskritik oder Meinungsfreiheit zu tun, entfolgt mich bitte."

Facebook-Kommentar

Es geht um Religion, genauer um die Frage, ob man Religionen kritisieren darf, genauer um die Frage, ob man auch andere Religionen kritisieren darf. Mein geschätzter Kollege Hakan Tanriverdi postet ein Interview, das er mit dem Penzberger Imam Benjamin Idriz geführt hat. Tenor: Der Koran verbiete Zivilisten die Gewalt.

"Der Prophet Mohammed musste Mekka verlassen, weil die Menschen ihn und seine Lehren abgelehnt haben. Als er nach zehn Jahren zurückkam, fürchteten diejenigen, die ihn vertrieben hatten, seine Rache. Doch er sagte: 'Gott möge euch verzeihen! Macht, was ihr wollt. Ihr seid frei.'"

Imam Benjamin Idriz, SZ Online 07.01.2015

Eagles Of Death Metal Collage | Bild: Screenshot/Facebook zum Artikel Anschläge in Paris Warum das Konzert der "Eagles Of Death Metal"?

Warum haben sich die Terroristen in Paris ausgerechnet ein Konzert der kalifornischen Band “Eagles Of Death Metal” ausgesucht? Ein Bekennerschreiben lässt vermuten, dass der Anschlag vor allem dem Veranstaltungsort, dem Bataclan, galt. [mehr]

Das lässt mich wieder ratlos zurück. Ja schön, jede Religion ist friedlich, zumindest auf dem Papier. Zumindest dann, wenn man das richtige Papier liest, die richtigen Schriften. Zumindest dann, wenn man sie richtig liest. Zumindest dann, wenn man sie zur richtigen Zeit liest. Unter der richtigen Anleitung natürlich. Und wenn doch mal wieder Hexen verbrannt werden, wie das heute immer noch in Teilen der Welt passiert, oder eben Islamisten in Paris ein Blutbad unter Comic-Zeichnern veranstalten, dann sind das angeblich immerzu bedauerliche Missverständnisse. Fehlinterpretationen. So wie die radikalen Buddhisten, die 1995 Gas in das Tokioter Ubahn-System leiten. Die haben halt den Buddhismus falsch ausgelegt! Oder Anhänger von Sekten, die ihre Kinder verprügeln und von der Außenwelt abschotten. Verirrte Seelen, die die letzten katholischen Theologieupdates nicht installiert haben! Rastafaris, die Jagd machen auf Schwule und Lesben? Die haben eben die Bibel falsch gelesen, da steht doch, dass Gott alle Menschen liebt! Herrgottnochmal! Überall Missverständnisse! Überall falsche Auslegungen und Fehlinterpretationen, immer hat irgendwer falsch geblinkt, ist dann in den nächsten ideologischen Straßengraben hineingerast und hat dabei ein paar Menschen mitgerissen. Wieder mal.

Keine Fußnoten, keine Missverständnisse

Nein, ich meine nicht, dass Religion für alles Schlimme und Böse auf der Welt verantwortlich ist. Aber wenn sich seit Jahrhunderten Menschen die Köpfe wegen Glaubensfragen einschlagen, dann fällt es mir schwer zu glauben, dass das alles NICHTS mit Religion zu tun haben soll. Klar, auch mich nerven Atheisten, die allen Leuten immer einreden wollen, was sie wiederum nicht zu glauben haben. Ich bin für Religionsfreiheit, so lange man damit nicht anderen Leuten auf den Sack geht. Wie heißt es so schön: Religion ist wie ein Penis. Es ist schön einen zu haben, man darf auch ruhig stolz darauf sein, aber man soll ihn bitte nicht immer und überall auspacken und damit herumwedeln.
Zum Schluss postet jemand eine Deklaration aus dem Jahr 2002. Sie stammt von der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union. Sie umfasst gerade einmal sieben Punkte und ist nicht länger als eine Seite:

Humanismus ist ethisch.
Humanismus ist rational. 
Humanismus unterstützt Demokratie und Menschenrechte.
Humanismus besteht darauf, dass persönliche Freiheit mit sozialer Verantwortung kombiniert werden muss. 
Humanismus ist eine Antwort auf die verbreitete Nachfrage für eine Alternative zu dogmatischerReligion. 
Humanismus befürwortet künstlerische Kreativität und Imagination und erkennt die transformative Macht der Kunst an. 
Humanismus ist eine Lebenseinstellung, die auf die größtmögliche Erfüllung durch die Kultivierung eines ethischen und kreativen Lebens zielt und eine ethische und rationale Methode bietet, die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.

Es sind klare Punkte. Klare Aussagen. Keine Briefe des Paulus oder irgendwelche Suren, die man noch zum genaueren Verständnis hinzuziehen sollte. Man muss keine Kommentare von Gelehrten wälzen und sie in den Kontext der Zeit stellen. Kein Anhang, keine Fußnoten, nichts Kleingedrucktes, keine Religion AGBs.

Am Ende des Tages schreibe ich:

"Wenn über ein paar Tausend Jahre hinweg Gläubige verschiedener Religionen ihre Religion immer wieder dergestalt missverstehen, dass sie im Namen ihrer Religion andere Menschen umbringen, dann sollte man sich vielleicht mittelfristig auf weniger missverständliche Konzepte einigen."

Fazit

Sieben Punkte. Sieben Punkte, die unser Zusammenleben humaner, zivilisierter, friedlicher und interessanter machen. Mir reicht das als Konzept völlig aus.


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