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Christopher Street Day in Bayern Warum der Widerstand gegen den CSD auf dem Land immer noch groß ist

Die Christopher Street Days sind große Partys. Dieses Jahr vielleicht noch größer, weil die "Ehe für alle" beschlossene Sache ist. Doch bei vielen CSDs ist der Kampf in den Hintergrund getreten - zumindest in der Stadt. In den CSDs außerhalb der Metropolen ist der Geist des Widerstandes noch zu Hause.

Von: Sammy Khamis

Stand: 11.07.2017

Der CSD in Aschaffenburg fand dieses Jahr unter dem Motto "Nur Liebe, kein Hass" statt.  | Bild: Orkan Agdas

In der schwul-lesbischen Community in Bayern gibt es eine Art Atlantis. Es ist aber keine verschollene Stadt, sondern ein verschollener CSD. "Altötting" raunt ein Gesprächspartner und lächelt anerkennend. Die Worte "verwegen" und "tollkühn" fallen in einem anderen Gespräch über den verlorengegangenen CSD, damals vor 13 Jahren.

Dann ein Telefonanruf und ein herzliches Lachen. Es ist ein Lachen, das sagt: "Ja, der Verrückte damals, das war ich." Am Hörer ist Thomas Grahammer, Veranstalter des ominösen CSD im Jahr 2004 in Altötting. Ominös, weil umstritten – immerhin ist in Bayern neben Bergen, Seen und Franz Josef Strauß, wenig so heilig wie der Wallfahrtsort in Oberbayern. "Das tut man nicht", "Das gehört sich nicht", "Das ist ja widerlich" – das war der Chor der Beschimpfungen, die damals auf Grahammer und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einprasselte. Und dann war da noch ein Brief. Aus Rom. Man schätze nicht, was da in der Heimat passiere, stand darin. Absender war der damalige Kardinal Josef Ratzinger, später Papst Benedikt, heute oberster Katholik außer Dienst. Die Hate-Mail vom Papst findet Thomas Grahammer zwar nicht mehr, aber es ist doch einiges geblieben vom ersten und bislang einzigen CSD in Altötting.

Polizeischutz beim Altöttinger CSD

"Krass" sei das gewesen damals. Angespannt. Eine Nacht Polizeischutz. Dann der Tag der Pride. Eigentlich wollte Thomas Grahammer mit anderen Schwulen und Lesben durch den Wallfahrtsort pilgern, doch das war zu gefährlich.

Die Wallfahrtsidylle von Altötting durfte damals 2003 nicht durch den CSD gestört werden.

"Die Polizei und auch der Staatsschutz hatten damals ernsthafte Bedenken. Eine Demo, die sich bewegt ist viel angreifbarer, als eine Demonstration an einem relativ abgeschlossenen Ort, in dem Fall war es der Dult-Platz, also der Volksfestplatz in Altötting. Das ist viel besser zu bewachen. Im Nachhinein denke ich, das war die bessere Entscheidung."

Stehen und nicht gehen hieß es 2004 in Altötting. Stehen, gehen und vor allem feiern heißt es heute in den Großstädten. Hundertausende kommen zu den CSDs in Köln, Frankfurt, Wien oder am Wochenende nach München. Es wird eine Pride im besten Sinne, denn Schwule, Lesben, Trans, Queer und Intersexuelle Menschen werden durch die Stadt laufen und feiern. An die Kämpfe Schwuler und Lesben am Stonewall Inn in New York 1969 erinnern Transparente. Ein bisschen "Christopher Street Day" aus den Anfangszeiten spürte Orkan Agdas in Aschaffenburg, als er dort 2013 den ersten CSD mit rund 1000 Besucherinnen und Besuchern organisierte. Gegenstimmen in der Presse, schiefe Blicke und am Tag vor dem ersten CSD Graffitis mit Sprüchen wie "No Homo", "No Gender" und "Christus Rex".

"Aber das war eine Bestätigung", so Orkan Agdas, "denn wenn eine negative Aktion stattfindet, dann wissen wir weshalb wir den CSD machen."

Auch abseits der Metropolen Vorturteile abbauen

Der CSD in Aschaffenburg fand dieses Jahr unter dem Motto "Nur Liebe, kein Hass" statt. In der Mitte: einer der Organisatoren Orkan Agdas.

Vorurteile gegen Schwule und Lesben gebe es überall, da sind sich Orkan Agdas und Thomas Grahammer einig. Gerade abseits der Metropolen aber gehe es auch darum ein anderes, harmloseres Bild schwul-lesbischen Lebens zu zeichnen, sagt Orkan Agdas, der im Stadtjugendring von Aschaffenburg arbeitet. Hauptsächlich für junge Menschen, "die das erste Mal in eine schwul-lesbische, bi, trans Gruppe kommen und vielleicht in einer Phase sind, in der sie sich selbst finden." Wenn sie die Bilder von "mega-bunten Lack & Leder-Typen" sähen, die auf CSDs in Frankfurt oder Köln rumliefen, dann könne es sein, so Agdas, "dass man sich als Jugendlicher nicht gleich damit identifizieren kann. Vielleicht sogar abgeschreckt ist."

Thomas Grahammer geht gerne auf die Pride. Orkan Agdas auch. Es gebe genug zu feiern sagen sie. Die Ehe für alle vor allem. Aber es mache auch Spaß zu sehen, dass man eben nicht "anders" sei, sondern Teil der Gesellschaft. Dass man dafür auf dem Land etwas mehr machen muss unterstreichen beide – dass die Übergriffe auch Schwule und Lesben ansteigen, dass Gewalt gegen Transsexuelle ebenfalls nicht abnimmt, dass dürfe man eben auch nicht vergessen.

Der CSD hat immer noch seine Berechtigung

Es gäbe sie noch, die Diskriminierungen im Großen und im Kleinen und "solange das so ist, haben die CSDs eine Berechtigung. In der Stadt und auf dem Land", sagt Thomas Grahammer. Lacht nochmal und verabschiedet sich.

Ach ja, Thomas Grahammer hat übrigens in den darauf folgenden Jahren nicht mehr versucht, einen CSD in Altötting zu veranstalten. Zuerst weil sich die Lage nicht geändert habe (zu gefährlich für Umzug), später dann, weil sich selbst in Altötting viel zum Positiven verändert habe. Heute könne er händchenhaltend mit seinem Partner durch die Stadt laufen, so Grahammer.


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