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Die Body Positivity-Bewegung "Dick, stämmig, mollig - das sind alles schöne Wörter, aber für mich irgendwie nicht passend"

Nur dünn ist schön - Germany's Next Topmodel lässt grüßen. Die Body-Positivity-Bewegung kämpft für ein normales Körperbewusstsein bei Frauen. Im Interview Jana Hansen, Betreiberin des Blogs "Plus Size by Nature".

Von: Helene Reiner

Stand: 26.05.2017

Jana Hansen, Plus Size Model, schreibt den Blog „Plus Size by Nature“ | Bild: Bernd Offermann

Was bedeutet Plus Size und wie wohl fühlst du dich mit diesem Begriff?

Plus Size bedeutet schlichtweg „Übergröße“. Irgendwann hat sich die Klamotten-Industrie überlegt, wie sie ihre Konfektionsgrößen klassifizieren will, beziehungsweise, wo man wen einsortieren könnte. So sind Modewörter wie Skinny, In-Betweeny, Curvy oder eben Plus Size entstanden. Eigentlich heißt Plus Size aber nur: Größe 38 und größer. Ich fühle mich mit dem Begriff richtig wohl, weil es das repräsentiert, was ich bin: Eine vom Standard abweichende Übergröße. Dick, stämmig, mollig, pummelig - das sind alles schöne Wörter, aber für mich irgendwie nicht passend. Plus Size klingt für mich neutraler und modern, weil es einen englischen Touch hat.

Alle reden zurzeit von “Body Positivity“. Was hat es mit dieser Bewegung auf sich?

Frei übersetzt bedeutet Body Positivity, dass man seinen Körper so liebt, wie er ist. Für mich heißt das außerdem, dass kein Körper besser oder schöner ist, als ein anderer. Jede Körperform ist individuell schön und basiert auf einer freien Entscheidung. Wenn ich am ganzen Körper Tattoos haben möchte, ist das meine Sache. Wenn ich Sommersprossen oder schiefe Zähne, dicke, dünne, lange oder kurze Beine habe, dann gehört das zu mir und macht mich einzigartig. Bei Body Positivity geht’s also auch darum, einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Ist Body Positivity wirklich der Ausdruck eines positiven Gefühls? Oder einfach nur ein Marketing-Tool?

Im Moment ist Body Positivity sehr angesagt. Man sieht viele Kampagnen, die versuchen, dieses Image zu übernehmen und ihre Produkte mit Lebensfreude zu bewerben. Das ist aber legitim. Es wird dadurch ja eine positive Message verbreitet. Wenn man gute Gedanken in die Welt schicken kann, dann ist das nicht schlimm!

Solche Kampagnen bedienen oft trotzdem altbekannte Schönheitsideale. Auch Plus Size Models werden in der Werbung “idealisiert“ gezeigt -  mit geglätteter Haut oder unnatürlich weißen Zähnen.

Wenn Plus Size für Werbezwecke genutzt wird, will man in erster Linie ein Produkt verkaufen. Da verwendet man natürlich auch Photoshop, setzt das Model in Szene oder beauftragt einen tollen Visagisten. Das ist aber ein Industriezweig, den man nicht mit Body Positivity vermischen sollte. Zwischen Plus Size und Body Positivity gibt es Schnittmengen, aber Body Positivity hat vor allem mit der inneren Einstellung zu tun. Man kann mit sich selbst zufrieden sein und sich schön finden – unabhängig von seiner Konfektionsgröße. Wenn man diese Zufriedenheit auch ausstrahlt, ist es doch OK, das auch für Werbezwecke zu nutzen.

Viele Frauen auf Instagram, die den Hashtag #bodypositivity benutzen, zeigen sich nackt oder in Dessous. Geht es bei Body Positivity auch darum, möglichst viel Haut zu zeigen?

Natürlich ist es nicht der Zweck von Body Posititivity, freizügige Fotos von sich zu vermarkten. Wenn Frauen unter solche Bilder den Hashtag #bodypositivity setzen, dann geht es vor allem um Reichweite. Weil Body Positivity im Moment eben „en vogue“ ist. Und Titten und Unterwäsche gehen halt immer. Damit bekommt man die meisten Klicks und Likes. Es kann ein Indiz dafür sein, dass man sich in seinem Körper wohl fühlt und das der ganzen Welt zeigen möchte, aber es hat nicht unbedingt was mit Body Positivity zu tun. Man ist nicht nur stark und schön, wenn man sich auszieht. Wenn man eine Meinung transportieren will, dann ist es wesentlich seriöser, wenn man dabei was anhat. Trotzdem ist auch hier wieder der Kern von Body Positivity:  Jeder soll machen, worauf er Bock hat.


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