Bayern 2 - Zündfunk


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Flüchtlingskrise An die Waffen: Besorgte Bürger rüsten auf

In bayerischen Kommunen beantragen immer mehr Menschen einen kleinen Waffenschein - vor allem in den letzten Monaten. In manchen Waffenläden sind Pfeffersprays und Elektroschocker ausverkauft. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Leute Angst vor den ankommenden Flüchtlingen haben.

Von: Alexander Loos

Stand: 25.11.2015

Auf einem Kleinen Waffenschein liegen Schreckschusswaffen und dazugehörige Munition. | Bild: picture-alliance/dpa

Beratungsgespräch in einem Münchner Waffenladen. Der Händler möchte weder namentlich genannt werden, noch sich wörtlich zitieren lassen. Ebenso wenig wie die Konkurrenz. Waffenhandel ist eine diskrete Branche. Off-the-record gibt es aber doch ein paar Infos auf die Frage, was man sich zur Selbstverteidigung kaufen kann: Da gebe es verschiedenes, Elektroschocker zum Beispiel. Welche mit 200.000 oder 500.000 Volt, die dürfe man ganz normal mit sich führen. Die seien im Moment aber ausverkauft. Die Nachfrage sei sehr groß.

Auf die Frage ob die Leute zur Zeit so viel Schiss hätten, lautet die Antwort: Sie seien zumindest sehr besorgt.

Für ein offizielles Interview verweist man uns an Ingo Meinhard, den Vorsitzenden des Verbands deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler. Er bestätigt: In letzter Zeit haben viele "besorgte Bürger" einen Waffenladen aufgesucht.

"Wir habe Ende September eine nichtrepräsentative Umfrage unter unseren Mitgliedsbetrieben in ganz Deutschland durchgeführt und haben dort nach den Verkäufen der freien Mittel, sprich insbesondere Pfeffer-, bzw. Tierabwehrspray und CS-Gas-Spray nachgefragt. Und dort konnten wir im Bundesdurchschnitt tatsächlich eine Verdopplung der Absätze im Vergleich zum Vorjahr ermitteln."

Ingo Meinhard, Verband deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler

Laut Ingo Meinhard kaufen die Leute deshalb mehr Pfefferspray, weil sie sich vor wilden Tieren, also Wölfen oder Wildschweinen schützen wollen. Denn tatsächlich darf man Pfefferspray zwar mit sich führen, es aber nur gegen Tiere einsetzen. Das hat auch der Mitarbeiter des Münchner Waffenladens erklärt, der nicht namentlich genannt werden möchte. Ihm ist aber klar, dass die Angst vor Tieren nicht der Grund ist, warum das Pfefferspray auch in einer Großstadt so reißenden Absatz findet. Das sei ein Spray mit hochkonzentrierter Pfefferlösung, die man einfach ins Gesicht sprühe und das fange dann an zu brennen, erklärt er. Es gebe noch ein anderes Gas, das sich CS-Gas nenne, das dürfe auch gegen Menschen eingesetzt werden. Das sei aber wesentlich unwirksamer als das Pfefferspray, weshalb sie im Waffenladen auch generell nur Pfefferspray da hätten.

Die Kunden in den Waffenläden haben also mehr Angst vor Menschen als vor Tieren. Ingo Meinhard vom Verband der Waffenfachhändler hält auch die Angst vor Terror für eine plausible Erklärung.

"Jeder fragt sich: Kann das hier auch passieren? Fühle ich mich denn sicher? Und das führt natürlich dazu, dass Bürger dieses Landes den VDB-Fachhandel aufsuchen und sich dort entsprechend beraten lassen und sich hier entsprechend, wenn man diese individuelle Beratung vorgenommen hat, mit CS-Gas ausstatten."

Ingo Meinhard

Auswahl an Waffen

Bei CS-Gas oder Pfefferspray bleibt es aber nicht. In vielen Kommunen ist die Zahl der Anträge auf kleine Waffenscheine deutlich angestiegen. Mit einem solchen Schein darf man Schreckschusspistolen außerhalb der eigenen Wohnung mit sich führen. Die sehen aus wie echte Waffen, feuern aber keine richtigen Schüsse ab, sondern nur einen sehr lauten Knall. Alleine in Nürnberg hat sich die Zahl der neu ausgegebenen kleinen Waffenscheine in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Dass diese Entwicklung mit den steigenden Flüchtlingszahlen zu tun hat, will Verbandschef Ingo Meinhard nicht bestätigen.

"Das können wir dementieren, dass der Anstieg direkt etwas mit der Flüchtlingspolitik zu tun hat. Denn man muss ganz klar sagen, dass wenn Menschen aus einem Kriegsland flüchten und zu uns nach Deutschland kommen, suchen sie ein Dach über dem Kopf, etwas Nahrung, zu Essen und möchten hier integriert werden. Sie suchen keinesfalls die gleiche Situation wie dort wo sie herkommen."

Ingo Meinhard

Doch die Statistik zeigt: Die Anträge auf kleine Waffenscheine sind in demselben Zeitraum sprunghaft angestiegen, in dem auch die Zahl der Flüchtlinge rasant zugenommen hat. In Würzburg wurde etwa von Juli bis August dieses Jahres nur ein einziger kleiner Waffenschein ausgegeben. Im Oktober und November waren es ganze 25. Und auf Facebook finden sich in den letzten Monaten immer mehr Seiten sogenannter Bürgerwehren, zum Teil mit rechten Inhalten. Ein Ulmer AfD-Politiker wirbt auf seinem Profil schon mit dem Slogan "Freie Waffen für freie Bürger".


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