Bayern 2 - Zündfunk


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Arbeit auf Abruf Von zehn Wochenstunden kann niemand leben

Flexible Arbeitszeiten, das hört sich erst einmal schön an: Eine Stunde später kommen und dafür länger bleiben. Aber findige Konzerne legen den Begriff zunehmend anders aus: Verkäufer sollen nur arbeiten, wenn sie gebraucht werden. Und sie werden auch nur dann bezahlt. Julia Friedrichs hat für das Journalistenkollektiv correctiv recherchiert.

Von: Franziska Storz

Stand: 30.03.2017

H&M-Verkäuferin, Filiale in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa/Keystone

Zündfunk: Firmen wie H&M setzen auf ein neues Arbeitsmodell: 1,5 Millionen Menschen sind mittlerweile „auf Abruf“ beschäftigt. Wie sieht das konkret aus?

Julia Friedrichs: Das Modell „Arbeit auf Abruf“ sieht in der Regel so aus, dass man einen Vertrag hat über zehn Wochenstunden. So ist das beispielsweise bei -  nennen wir sie Nika - einer jungen Verkäuferin bei H&M. Sie will aber eigentlich viel, viel mehr arbeiten. Denn von zehn Stunden pro Woche kann niemand leben. Das heißt, sie ist immer auf der Jagd nach Schichten und sie bekommt auch mehr Stunden, aber schwankend und auf Abruf. Das heißt, sie muss sich immer bereit halten, vor allem aber muss sie damit rechnen, dass ihr Einkommen massiv schwankt.

Man kann sich vorstellen, ein schwankendes Einkommen ist für Planbarkeit und Sicherheitsgefühl fatal. Wie wirkt sich diese Form der Arbeit sonst auf sie aus?

Man ist immer Standby, wagt kaum, das Handy mal weg zu legen. Man macht kaum Pläne, weil man ja auf Schichten hofft. Laut Gesetz ist es so, dass der Arbeitgeber vier Tage vorher Bescheid sagen muss, wenn er seine Abrufkräfte einsetzen will. Daran halten sich aber die allerwenigsten Arbeitgeber. Eine Studie besagt, dass nur ein Drittel der Abrufkräfte vier Tage vorher Bescheid weiß. So ist es auch oft bei ihr. Sie sagt, dass sie weiß, dass sie laut Gesetz eigentlich nein sagen dürfte, aber sie will ja arbeiten, also schmeißt sie dann ihr Privatleben um.

Es hat bei H&M wohl eine interne Erhebung gegeben und dabei kam raus, dass sich in den letzten 15 Jahren das Verhältnis der Beschäftigten zwischen Vollzeit und auf Abruf quasi umgekehrt hat.

Julia Friedrichs hat das Thema für das gemeinnützige Recherchezentrum correctiv recherchiert

Genau, das sind interne Unternehmenszahlen, die uns vorliegen. Für den Unternehmer ist dieses Abrufmodell einfach höchst attraktiv. Man verlagert das unternehmerische Risiko komplett auf den Beschäftigten. Man muss keine Personalreserven halten für den Krankheitsfall und man hat Mitarbeiter, die höchst bereit sind mehr arbeiten zu wollen und kann diese Abrufstunden auch als Druckmittel einsetzen.

Wieso ist das gedeckelt von der Politik? Wir haben eine sozialdemokratische Arbeitsministerin, die Dinge wie den Mindestlohn durchgedrückt hat.

Das ist ja nicht nur toleriert, das ist von der rotgrünen Regierung 2001 sogar ausgeweitet worden, als man den Arbeitsmarkt flexibilisieren wollte. Wir haben ein halbes Jahr recherchiert und haben intensiv versucht mit Andrea Nahles Kontakt aufzunehmen, haben auch mit Menschen in der Opposition gesprochen, die dasselbe versucht haben und das Ergebnis war: Sie blockt das Thema ab. Es scheint überhaupt nicht auf der Agenda zu stehen. Das wundert mich für eine SPD-Arbeitsministerin sehr. Es sind 1,5 Millionen Beschäftigte, nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Das sind mehr als Leih- und Zeitarbeiter.

Wie wird sich dieser Bereich des Arbeitsmarktes weiter entwickeln?

Ich habe mit vielen Arbeitsrechtlern gesprochen, die vermuten, dass das noch ausgeweitet werden wird. Arbeit auf Abruf ist eben ein attraktives Modell für die Unternehmen. Wie es aussieht, wenn die Politik da nicht regulierend eingreift, sieht man an Großbritannien: Da gibt es viele Firmen wie „Sports Direct“, ein Sportladen, die fast ihre komplette Belegschaft darauf umgestellt haben. Ich glaube wirklich, dass es an der Politik hängt. Denn wir sehen auf der anderen Seite, dass in Ländern wie Österreich oder der Schweiz, wo die Politik reguliert hat, Arbeit auf Abruf quasi keine Rolle mehr spielt. Die Schweizer waren da ganz smart: Die Zeit, die das Unternehmen möchte, dass der Arbeitgeber sich bereithält, die muss das Unternehmen auch bezahlen. Zwar nicht voll, aber zumindest zu einem bestimmten Satz und damit hat sich das dann relativ schnell erledigt.


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