Bayern 2 - Zündfunk


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Auf dem Antifa-Kongress in München Umringt von rechts erwacht die Linke – friedlich

Man kann nur spekulieren, wie viele Leute zum Antifa-Kongress gekommen wären, wenn er nicht im Vorfeld hätte verhindert werden sollen. Vermutlich kann sich die Antifa bei der Polizei bedanken: 600 Teilnehmer kamen - mehr denn je.

Von: Niklas Schenk

Stand: 06.11.2017

Antifa-Flagge in München | Bild: pa/dpa/Rene Ruprecht

Antifaschismus war mal ein Grundkonsens in dieser Bundesrepublik – aber selbst bei einem Antifa-Kongress wird kaum mehr über Programme berichtet. Zu groß und zu geil war, unter dem Eindruck von G20, die Eskalation im Vorfeld. Erst sagte der DGB den Kongress in seinen Häusern ab - nach massiven Protesten der Polizeigewerkschaften GdP und DPoIG sowie der AfD. Und ließ ihn dann doch wieder zu. Kein Fußbreit den Faschisten, da war doch mal was!

Die Gegendemo flirtet mit dem NSU-Terror

Das Szenario des Kongresses am Samstag, eine Mischung aus skurril und beängstigend: Auf der einen Seite eine Pegida-Demo, auf der anderen Seite eine AfD-Kundgebung – und mittendrin das DGB-Haus und Hunderte Teilnehmer beim Antifa-Kongress. Dementsprechend groß war das Polizeiaufgebot in der Schwanthaler Straße – mehr als 100 Polizisten waren im Einsatz. Schon am Freitag hatten die Pegida-Demonstranten gedroht und provoziert: Auf der Leinwand zeigten sie ein Paulchen Panther-Gedicht, das offen mit dem Terror der NSU flirtete und auf das Oktoberfest-Attentat anspielte. Der zweckentfremdete Paulchen drohte in dem Gedicht damit, dass er bald die „Antifa jagen“ würde.

Ein friedliches Wochenende

Doch die Kongress-Teilnehmer und Gegendemonstranten vor dem DGB-Haus, sie blieben friedlich. Am Freitag. Am Samstag und auch am Sonntag. Sie pfiffen die Pegida- und AfD-Redner zwar aus, der Lärmpegel war mit dem der Frankfurter Buchmesse vergleichbar – aber muss man einen verurteilten Neonazi wie Karl-Heinz Statzberger (Dritter Weg) am Pegida-Stand wirklich ausreden lassen oder reicht es nicht schon, dass dieser dort überhaupt eine Demo veranstalten darf?

Die Gegendemo auf dem Antifa-Kongress

Einige Antifas suchten das Gespräch, diskutierten mit Teilnehmern der AfD-Demo, die Aufkleber mit der Aufschrift „Antifa stoppen“ trugen – nicht immer höflich, aber eben auch nie so, dass man mit einer Schlägerei rechnen musste. Wenn es Punchlines gab, dann höchstens auf Twitter und dort auch eher zu Dokumentationszwecken: zum Beispiel ein Foto von Neonazi Statzberger, der der AfD-Demo einen Besuch abstattet.

Wie mit dem Rechtsruck umgehen?

Und im DGB-Haus dann Themenhopping: der Kongress zeigte auf, welche lange Tradition rechter Terror in Bayern hat; von den Anschlägen auf israelische Kultusgemeinden, dem Olympia- und Oktoberfestattentat bis hin zu den NSU-Morden. Oder beschäftigte sich mit der politischen Lage in der Türkei. Oder den neuen Möglichkeiten der AfD im Bundestag. Das alles mit einem sehr jungen Rekordpublikum. Während sich draußen am Pegida-Stand nie mehr als zehn Leute tümmelten und vielleicht knapp 50 Leute zur AfD-Demo kamen.

Wie man mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck und der „neuen Rechten“ umgehen soll? Das Oberthema des Kongresses beantworteten die Teilnehmer und Demonstranten auf beeindruckende Art und Weise selbst.
Schade bleibt nur, dass sich die Antifaschisten, die seit den G20-Vorfällen in Hamburg unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehen und meist einfach nur als „die Antifa“ und Steinewerfer abgestempelt werden, in keinem einzigen Workshop oder Vortrag mit den Gewaltproblemen in den eigenen Reihen auseinandersetzten. Wer sich so stark präsentiert, hätte auch das ausgehalten.


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