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Die Wahl aus der Sicht eines Geflüchteten Liebe Deutsche, ich beneide Euch um Euer Wahlrecht

In Syrien durfte er nie, in Deutschland auch nicht: Der Geflüchtete Ameen Nassir ist neidisch auf das deutsche Wahlrecht. Und erzählt uns, was er über die Wahl denkt.

Von: Ameen Nassir

Stand: 28.09.2017

Wahlkampf-Plakate, Bundestagswahl 2017 in Deutschland | Bild: picture-alliance/dpa

Ich darf nicht wählen. Dennoch ist die Bundestagswahl keineswegs an mir vorbeigegangen. Meine deutschen Freunde haben viel vor der Wahl diskutiert. Ich selbst habe mich aus den Gesprächen rausgehalten, aber innerlich habe ich vor Ideen gebrannt und hatte unzählige Fragen. Meine Stille mochte vielleicht etwas anderes vermuten lassen, aber ich stehe dem Thema Wahlen alles andere als gleichgültig gegenüber. Umso erstaunter war ich, als ich feststellte, dass bei vielen Deutschen das Interesse an der Wahl nicht besonders tief war - trotz der vielen Gespräche, die sie führten.

Mein Erstaunen über die verbreitete Gleichgültigkeit hat sicherlich biografische Gründe. Ich durfte in meinem Leben noch nicht ein einziges Mal an freien Wahlen teilnehmen. Als ich 9 war, rief mein Vater einmal von der Arbeit an. Er erinnerte meine Mutter daran, dass die gesamte Familie an der Wahl des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assads teilnehmen muss, der damals Nachfolger seines Vaters werden sollte. Würden wir nicht wählen gehen, so könnte dies leicht zu Repressionen führen, etwa zu Arbeitsverboten oder Einbußen bei der Sicherheit.

In Syrien gab und gibt es keine freien Wahlen

Ich wollte unbedingt mit zu den Wahlen und meine Mutter willigte ein. Als wir das Wahllokal betraten, sah ich einen Tisch, an dem drei Männer saßen. Nachdem sie meine Mutter begrüßt hatten, fragte mich einer der Männer, ob ich denn auch den Präsidenten wählen möchte. Ich antwortete jedoch nicht, versteckte mich stattdessen hinter meiner Mutter, als würde ich vor der Antwort fliehen. Meine Mutter bekam ein kleines Blatt Papier in die Hand, auf dem die Frage stand: „Akzeptieren Sie Bashar Al-Assad als Präsidenten der Syrisch-Arabischen Republik?“ Darunter befanden sich Kästchen mit den Worten „nein“ und „ja“. Meine Mutter musste sich natürlich für „ja“ entscheiden. Es gab auch kein Wahlgeheimnis, keine schützende Wahlkabine, sondern stattdessen die prüfenden Blicke der Männer, die gehörig darauf Acht gaben, dass das Kreuz an richtiger Stelle war.

Später dann, bei den Parlamentswahlen, kam dem Präsidenten wiederum das Recht zu, 80 % der Parlamentarier einfach selbst zu bestimmten. In Deutschland ist die Situation völlig anders. Hier gibt es die Freiheit zwischen Parteien zu wählen. Während des Wahlkampfs habe ich mir natürlich auch die ein oder andere Diskussionsrunde im Fernsehen angeschaut. Sicher waren die Auseinandersetzungen emotional eher zurückhaltend, aber der sichtbare demokratische Austausch und Wettstreit der Ideen hat mir gefallen. Das Gleiche gilt für den persönlichen Einsatz einzelner Kandidaten, die tagelang durch die Straßen zogen, Flugblätter verteilten, Fragen beantworteten und sogar versuchten, Menschen an der Tür von ihren Positionen zu überzeugen.

Was ich mit meiner Stimme tun würde

Überrascht hat mich allerdings die Anzahl an beschädigter oder beschmierter Wahlwerbung, hinter der ich manchmal eine Ablehnung der Idee von Wahlen im Allgemeinen befürchtete. Gelegentlich traf ich sogar Deutsche, die mir erzählten, dass bereits völlig klar sei, wer die Wahl gewinnen würde, dass es einen Allianz zwischen Medien, dem Finanzsektor und der Politik gäbe. Das ist eine zynische Haltung, die mir bedauernswert erscheint und für die ich keine guten Gründe sehe.

Ich bin der Überzeugung, dass jede Stimme wertvoll ist und diese Stimmen Deutschland davor schützen können, dass Parteien wie die AfD noch mehr Einfluss gewinnen. Denn das wäre schlimm. Es würde den sozialen Frieden, den Geist der Toleranz und womöglich die Zukunft des demokratischen Systems insgesamt gefährden.

Ich habe das Gefühl: Deutschland steht vielleicht immer noch zu sehr unter dem Eindruck der Ereignisse von 2015, als tausende verzweifelte Flüchtlinge ins Land kamen. Es sollte aber allen klar sein, dass wohl keine Regierung zulassen würde, dass sich in nächster Zeit dasselbe wiederholt. Davon abgesehen steht die Sorge davor in keinem Verhältnis zur prekären, teils elenden Situation der Flüchtlinge selbst. Sie kämpfen um den Schutz ihrer bloßen Existenz. Das Leben der Deutschen hingegen steht nicht auf dem Spiel.

Ameen fühlt sich in Deutschland wohl, würde aber gerne wählen

Wäre ich ein deutscher Staatsbürger, würde ich mein Wahlrecht natürlich wahrnehmen. Ich würde meine Entscheidungen besonnen treffen und eine Partei wählen, die für die Einheit Europas steht, sich klar gegen Russlands Aggressionen und das Assad-Regime positioniert, das seit Jahrzehnten das syrische Volk massakriert. Nach nichts sehnt sich mein Volk stärker, als nach Grundrechten wie Freiheit und Würde. Meine Wahlentscheidung ergäbe sich aus dem Bewusstsein, dass der Grund für die hohe Zahl an Flüchtlingen nicht etwa offene Grenzen sind oder Werte wie Toleranz und Multikulturalismus.

Kein Stacheldraht schafft die Probleme aus dem Weg

Der AfD, die sich die völlige Abschottung Europas wünscht (und deren Wahlpropaganda sogar direkt vor meiner Wohnung hing), würde ich gerne folgendes sagen: Der Stacheldraht zwischen Ungarn und Serbien wird Europa nicht beschützen vor den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine, den Auswirkungen von Putschen und Terrorakten in der Türkei, auch nicht vor den Konsequenzen der Krisen Iraks und Syriens. Auch in Hinblick auf die Lebensbedingungen der Menschen in Afrika und der Unterdrückung  in vielen Ländern der Welt, der Tyrannei einzelner Diktatoren, wird sich Europa anderes einfallen lassen müssen als eine Politik der Abschottung.

Liebe Deutsche, ich beneide Euch für Euer Wahlrecht. Ich bin fest davon überzeugt: Gäbe es ein solches Wahlrecht in meiner Heimat Syrien, hätten die Syrer also jemals die Chance gehabt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und zu bestimmen, wer sie regieren soll, es wäre niemals zu diesem furchtbaren Krieg gekommen.

Als ich am Sonntag mit meiner deutschen Freundin zum Wahllokal ging, wartete ich vor der Tür auf sie. Dabei dachte ich an Millionen junge Araber, die gegen ihre repressiven Regime aufbegehrten. Auch ich bin 2011 gegen das Assad-Regime auf die Straße gegangen, um für diejenigen Rechte zu Kämpfen, die vielen Deutschen fast wie gottgegeben erscheinen. Viele hat das schon ihr Leben gekostet, ich habe es geschafft zu fliehen und mir in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Während ich in Hinblick auf mein Heimatland immer noch auf einen echten Frühling warte, hoffe ich hierzulande darauf, dass es genügend Menschen gibt, die Deutschland gegen seine wahren Feinde verteidigen: die Feinde der Demokratie.


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